Dennis Hopper als Fotograf Immer und überall mit der Kamera

Im Nachlass des Hollywood-Stars Dennis Hopper fanden sich fünf vergessene Kisten mit über 400 Fotografien, die Hopper zwischen 1961 bis 1967 aufgenommen hat. Eine Ausstellung in Berlin zeigt jetzt den Kino-Rebellen erstmals in Deutschland als Fotografen.


So wie er waren nur wenige Hollywood-Stars. Denn Dennis Hopper war nicht nur der Rebell in "Easy Rider", er war es auch im Leben. Und er war nicht nur Schauspieler, Regisseur, Autor, Künstler, Sammler und Förderer der jungen Kunstszene, sondern auch ein großartiger und anerkannter Fotograf. Ein wie großartiger, zeigt eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau mit über 400 Vintage-Fotografien, die Hopper zwischen 1961 und 1967 aufgenommen hat.

Zu verdanken ist die Schau dem spektakulären Fund von fünf irgendwo verstauten und vergessenen Kisten, die nach dem Tod Hoppers vor zwei Jahren gefunden wurden. Darin lagen genau die Abzüge, die er selbst aus Tausenden von Aufnahmen für seine erste große Fotoausstellung 1970 im Fort Worth Art Center in Texas ausgewählt hatte. Dort zeigte er 429 Abzüge, von denen allerdings elf verschollen sind und in der jetzigen Schau erkennbar durch neue Abzüge ersetzt werden.

In Deutschland sind die 24 x 16 cm und 33 x 23 cm großen, auf Pappe aufgezogenen Vintage-Fotografien ohne Rahmen und Glas zum ersten Mal zu sehen. Sie sind auf ihrer Rückseite nummeriert und mit kleinen Notizen von Hopper beschriftet, manche haben Kratzer, manche sind ein wenig verfärbt und an den Ecken angestoßen. In vier Räumen werden sie ausgestellt. In Glasvitrinen an der Wand dicht nebeneinander oder manchmal übereinander gehängt, sind sie in gleicher Reihung zu sehen wie damals in Fort Worth. Denn es gibt Notizen zur Anordnung und Installationsansichten zu Hoppers erster Ausstellung.

Schon mit 18 Jahren hatte Hopper zu fotografieren begonnen. Damals war er bei Warner Brothers unter Vertrag, und sein Freund James Dean, mit dem er zwei Filme drehte, hatte ihn angeregt zu fotografieren. Aber ihm sei immer klar gewesen, dass das "Filmemachen die größte Kunstform des 20. Jahrhunderts ist", hat Hopper 2007 in einem Interview gesagt. Trotzdem wollte er sich nicht den Methoden der Filmindustrie unterwerfen und wurde 1958 nach Streitereien mit dem Regisseur Henry Hathaway zu einer Persona non grata in Hollywood. Er ging nach New York, studierte bei Lee Strasberg Schauspielerei, spielte am Broadway Theater und lernte dort 1961 die Schauspielerin Brooke Hayward kennen, die er im selben Jahr heiratete und mit der er nach Los Angeles zurückging. Sie war es, die ihm zum Geburtstag eine Nikon-Kamera schenkte, für die er selber nicht genug Geld gehabt hätte.

Zeugnisse der kulturellen und politischen Szene Amerikas

Ab sofort hatte Hopper seine Kamera immer und überall dabei und fotografierte schwarzweiß bei natürlichem Licht. Er interessierte sich für alle Themen und Motive, egal ob er in Los Angeles, New York, London, Mexiko oder Peru unterwegs war. Und fast alle seine Bilder sind Zeugnisse der kulturellen und politischen Szene Amerikas in den sechziger Jahren, einer Epoche im Umbruch mit Vietnam-Krieg-Protesten, Bürgerrechtsmärschen, der Hippie- und Hells-Angels-Bewegung, sexueller Befreiung und Drogenkonsum.

Spontan und scharf beobachtet sind seine Fotos, teilnehmend, auch intim und stimmungsvoll. Wie in der ersten Vitrine die Porträts von Freunden, Familie und von Brooke Hayward, seiner ersten Frau, mit der er zusammen der gesellschaftliche Mittelpunkt von Schauspielern, Künstlern, Musikern, Schriftstellern und Filmproduzenten war. Die beiden führten ein Haus, in dem ihre Kunstsammlung hing, in dem sie Vernissagen-Feste für Künstler wie Andy Warhol gaben, die bei ihren Galeristen-Freunden ausstellten.

Hoppers Porträts sind nie klassisch und perfekt, sondern unmittelbar, weil die Welt seiner Freunde ihm vertraut war. Viele der Fotos sind zu Ikonen geworden, wie die von Robert Rauschenberg, Andy Warhol und Ed Ruscha. Oder das von Paul Newman, den Hopper mit nacktem Oberkörper fotografierte, auf den ein Schatten fällt. Der erinnert an einen Drahtzaun und lässt den introvertierten Schauspieler wie gefangen aussehen. Ein Bild von Ike und Tina Turner wurde zu einem ihrer Plattencover, andere erzählen längst vergessene Geschichten, wie die von der Heirat Jane Fondas mit Roger Vadim 1965 in Las Vegas. Oder von den unzähligen Tortenstücken aus Gips, die Claes Oldenburg zu einer Hochzeitsparty für jeden Gast angefertigt und mit einem Stempel signiert hatte, mit dem Oldenburg auch seine herausgestreckte Zunge gestempelt hatte, wie eine Aufnahme zeigt.

Öffentlicher Raum als Schauplatz politischer Aktionen

Aber Hopper fotografierte nicht nur seine enge Umgebung, ihn interessierte der öffentliche Raum als der Schauplatz des Lebens und Ort politischer Aktionen. Er habe eigentlich angefangen zu fotografieren, "weil die Realität der Dinge um mich herum viel interessanter ist als die Phantastereien der Welt, in der ich arbeite", steht in einem seiner Ausstellungskataloge. Und so fotografierte er Martin Luther King auf dem Selma-to-Montgomery-Marsch, an dem er zusammen mit Marlon Brando teilnahm. Er nahm die Ansammlung der Demonstranten auf und fotografierte in Harlem oder Mexiko Menschen am Rande der Gesellschaft. Ein Obdachloser auf der Suche nach brauchbarem Abfall, ein Kind neben seinem Hund auf dem Pflaster kniend, alte Menschen auf der Straße. Zu sehen sind Stierkämpfe in Mexiko, die ihn immer fasziniert haben, Hippies, die Biker-Szene und die Hell Angels und abstrakte oder verfremdete Fotografie, sein hippes Zuhause, wo das Bad mit riesigen Fotos tapeziert war, Schaufenster, Tankstellen, polizeiliche Übergriffe, Graffiti und Werbung.

Am Ende der Ausstellung wird in einem Raum viermal am Tag Hoppers Film "Easy Rider" gezeigt. Für die Arbeit daran gab Hopper 1967 die Fotografie völlig auf. Aber, so der Katalog, "die vollkommene Hingabe an die Fotografie in den Jahren 1961 bis 1967, die Gespür für den Zeitgeist zeigt und soziales Engagement, hat Hopper vorbereitet für "Easy Rider", den Film, der Hollywood verändert hat".


Dennis Hopper - The Lost Album. Vintage-Fotografie aus den 1960er Jahren. Berlin. Martin-Gropius-Bau, 20.9.-17.12.



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omniconsumer01 19.09.2012
1. Hopper- ein Chaot und verkanntes Genie
Er nahm, laut eigener Aussage, alle bekannten Drogen dieser Welt, war berüchtigt, im Suff Partys zu sprengen und alle menschen vor den kopf zu stoßen. Hopper war in den sechzigern Hollywoods Klaus Kinski. Zu George Cukor, einem alten Hollywood-Glamour-Regisseur sagte er: "Wir sind gekommen um euch zu beerdigen!" Mit dieser Überheblichkeit hatte er recht: Sein und Peter Fondas Debut "Easy Rider" war der Beginn einer neuen Epoche in Hollywood. Sein Alkohol- und Drogenkonsum entsprach seinem Selbstverständnis als Künstler. Alle guten Künstler hätten schließlich irgendwelche Drogen konsumiert. Ausbaden musste diese selbstzerstörerische Kreativität sein direktes Umfeld: Er schlug seine Frauen, war oft dem Tode näher als dem Leben. Sein fast vergessener Film "The Last Movie", den er im Drogenrausch unter chaotischen Bedingungen in Mexiko drehte, gilt heute als verkanntes Meisterwerk. Viele Projekte wurden ihm entzogen, abgesagt, bis zur Unkenntlichkeit zerschnitten, bis er seinen Namen als Regisseur zurückzog. Somit reiht er sich ein, in die Galerie verkannter Künstler Hollywoods, wie Chaplin, Hitchcock, Welles...
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