Ausstellung "Embedded Art" Auf Tuchfühlung mit dem Taser

Im Namen der Sicherheit lassen wir uns allerhand gefallen: Überwachung, Durchsuchung, Datenpreisgabe. Die Ausstellung "Embedded Art" in der Berliner Akademie der Künste kommentiert diese bedenkliche Entwicklung - und stellt die Besucher auf eine spannende Akzeptanzprobe.

Von Jenny Hoch


Berlin - Amerika hat einen neuen Präsidenten - und die einflussreichste Demokratie der Welt nahm dies zum Anlass, sich selbst zu feiern. Millionen von Menschen schauten zu, als der frischvereidigte Barack Obama scheinbar ungeschützt durch die Straßen Washingtons schritt und seinen Anhängern fröhlich zuwinkte.

Was die Fernsehzuschauer kaum wahrnahmen, war das beispiellose Sicherheitsaufgebot, das nötig war, um der Szenerie diesen Anstrich von Sorglosigkeit zu verleihen. Tatsächlich dürfte es im weiteren Umkreis keinen Quadratmillimeter gegeben haben, der nicht kontrolliert, mit Kameras überwacht und von Sicherheitspersonal gefilzt worden war.

In Deutschland mögen sich im Vergleich zu diesem Kontroll-Overkill die staatlichen Eingriffe im Namen der Sicherheit noch in Grenzen halten, doch auch hier droht der öffentliche Raum zur dauerüberwachten Sicherheitszone zu werden.

Der Pariser Platz in Berlin zum Beispiel mag oberflächlich betrachtet eine urbane Flaniermeile sein, ein Touristenmagnet, doch wer genauer hinsieht, bemerkt, dass sich die Botschaften, Banken und das Luxushotel Adlon wie Trutzburgen zu einem schützenden Kokon zusammenfügen. Poller, Absperrungen und diskret angebrachte Überwachungskameras sorgen für zusätzliche Sicherheit in diesem Zentrum der Macht. Eine verdächtige Bewegung genügt, schon eilen Wachleute herbei und sorgen für Ruhe.

Eine wohltuende, weil transparente, Ausnahme bildet die von Günter Behnisch entworfene gläserne Fassade der Akademie der Künste. Der perfekte Ort, um sich künstlerisch mit dem Thema Sicherheit in Terrorzeiten auseinanderzusetzen.

"Embedded Art" heißt die aktuelle Ausstellung - analog zu der während des Irak-Kriegs 2003 als "embedded journalism" angewandten Praxis der amerikanischen Streitkräfte, Journalisten das Kriegsgeschehen unter Aufsicht des Militärs beobachten zu lassen.

Für die Berliner Schau hat die als Kurator fungierende Künstlergruppe BBM (Beobachter der Bediener von Maschinen) internationale Künstler beauftragt, sich als "embedded artists" mit der Problematik zu beschäftigen.

Gleich am Eingang zeigen die Videokünstler Korpys&Löffler, wie so ein "eingebetteter" Einsatz aussehen kann: Das Duo filmte einen Workshop der rheinland-pfälzischen Bereitschaftspolizei, bei dem die Beamten im Umgang mit der umstrittenen Elektroschockwaffe Taser geschult wurden.

Die Männer testen sie am eigenen Leib und gehen dann unter schrecklichen Schmerzensschreien zu Boden. Obwohl die Möglichkeit der Zensur oder eines einseitigen Blickwinkels immer mitgedacht werden muss, ist die Botschaft auch ohne weitere Kommentare der Künstler klar: Obwohl Taser als nicht-tödliche Waffen angepriesen werden, ist ihr Einsatz schlicht unmenschlich.

Es sind vor allem Kleinigkeiten, an denen der Besucher messen kann, wie selbstverständlich Maßregelungen und angeblich nötige Sicherheitsmaßnahmen inzwischen im Alltag integriert sind - und wie zweitrangig individuelle Rechte geworden sind: Die Schleuse am Eingang zu den inneren Räumen, das freundlich, aber bestimmt agierende Aufsichtspersonal in eigens kreierten schusssicheren Westen, die blinkenden, zigarettenschachtelgroßen Überwachungskameras - alles nur zu unserer Sicherheit.

Der Bürger nimmt automatisch die entsprechende konformistische Haltung ein und verzichtet von ganz allein darauf, mit einer großen schweren Tasche herumzulaufen. Die Devise: Nur nicht auffallen, es ist ja zum Nutzen aller.

Die Macher von "Embedded Art" haben sich einen zusätzlichen Clou ausgedacht, um diesen Mechanismus offenzulegen: Im Erdgeschoss ist lediglich ein Teil der Ausstellung zu sehen, es sind viele technische Spielereien darunter, etwa ein Fingerscanner, der den persönlichen Fingerabdruck in ein grafisches Muster umwandelt, das man sich später ausdrucken lassen kann. Ein zur Projektion verfremdeter War-Room oder ein computergesteuertes Zählgerät, das aufzeichnet, wie oft und wann jemand durch eine Lichtschranke gegangen ist.

Der andere und - so wird suggeriert - interessantere Teil befindet sich im gesicherten Kellergeschoss. Bilder dieser Arbeiten werden zwar mit Hilfe moderner Überwachungskameras ausschnittsweise nach oben übertragen, aber wer die Werke live sehen möchte, muss sich einer geführten Tour anschließen - zu einem teureren Eintrittspreis und mit ein paar mehr Gängelungen seitens der Wärter.

Ob sich dieser VIP-Effekt tatsächlich auszahlt, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Anstelle des genuinen Kunstgenusses tritt mit diesem Experiment beinahe gleichberechtigt ein virtueller. Eine interessante Reflexion über die Materialität von Kunst und deren Rezeption in Zeiten des Internets. Zeit und Ort werden unwichtig, weil die Technik es erlaubt, sogar Werke, die sich auf anderen Kontinenten befinden, zu betrachten. So wird beispielsweise vom 13. bis zum 15. März an dieser Stelle die Ausstellung "The Aesthetics of Terror" gezeigt werden, eine Schau, die für das Chelsea Art Museum in New York geplant war, aber kurz vor der Eröffnung abgesagt wurde.

Die Kunst dient in der Ausstellung "Embedded Art" vor allem der Aufklärung, der Künstler findet sich hier in seiner Rolle als Mahner und Seismograf gesellschaftlicher Umbrüche und Ungerechtigkeiten wieder.

Das hat den Nachteil, dass einige Arbeiten kaum über das hinausweisen, was sie qua Konzeption aufzeigen sollen.

Umso spannender ist es aber zu sehen, dass ausgerechnet die oftmals als rein dokumentarisches Medium verschriene Fotografie rein ästhetische Gesichtspunkte in den Mittelpunkt rückt. So sind etwa Christina Zücks Fotoserie "Defence Phase II Karachi" nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch vielschichtig. Und Heidi Specker verdichtet ihre Aufnahmen der "Future Security Conference" des Fraunhofer Instituts zu surrealen Überblendungen.

Doch vor allem behandelt "Embedded Art" ein starkes, weil gesellschaftlich relevantes Thema: Früher hießen die Ideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, nicht nur bei unseren französischen Nachbarn. Heute heißt das vorherrschende Ideal Sicherheit - die Ausstellung führt das Ausmaß dieser Umgewichtung und deren problematische Folgen luzide vor Augen.


"Embedded Art. Kunst im Namen der Sicherheit", Akademie der Künste, Berlin, 24. Januar bis 22. März 2009



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