Ausstellung "Ends of the Earth" Füllt die Täler mit Beton!

Freunde der Erde: Mit der Ausstellung "Ends of the Earth" würdigt das Münchner Haus der Kunst die Land Art der sechziger und siebziger Jahre. Im Interview klärt Kurator Philipp Kaiser einige Missverständnisse auf - und erläutert, warum das Genre nichts mit Ökologie zu tun hat.


SPIEGEL ONLINE: Herr Kaiser, mit Ihrer Ausstellung "Ends of the Earth" wollen Sie sie Land-Art-Mythen demontieren - ja sogar die Kunstgeschichte der sechziger und siebziger Jahre umschreiben. Nicht ein bisschen viel der Ambitionen?

Kaiser: Die Geschichte der Land Art wurde eigentlich von New York aus geschrieben: Das Genre wurde in der Nachfolge des Minimalismus als große Struktur im Außenraum verstanden. Das ist nicht falsch, aber es trifft nur auf etwa zehn Prozent der Arbeiten zu. Außerdem haben wir herausgefunden, dass es sechs, sieben Regionen weltweit gab, die sich zeitgleich mit ähnlichen Phänomenen beschäftigt haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie erweitern das Feld der Land Art nicht nur geografisch. Sie beziehen auch Künstler wie Yves Klein oder Yoko Ono mit ein. Wird da der Begriff Land Art nicht aufgeweicht?

Kaiser: Von Yves Klein gibt es den brachialen Vorschlag: Man solle die Erde rasieren und die Täler mit Beton füllen. Das ist ein radikales spätmodernistisches Denken, das den Weg ebnet für die spektakulären Skulpturen Ende der sechziger Jahre. Und Yoko Ono hat Gedichte über die Erde geschrieben - auch diese Fluxus-Arbeiten trugen dazu bei, dass die Erde als künstlerisches Thema entdeckt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Gewöhnlich kommt einem der Verdacht, dass Land Art Macho-Kunst ist: Ihre bekanntesten Projekte sind gigantomanisch und stammen ausschließlich von Männern.

Kaiser: So wurde jedenfalls der Mythos Land Art kreiert. Die New Yorker Dia Art Foundation hat den Kanon aufgestellt: Die Land Art, das waren Michael Heizer, Walter De Maria und Robert Smithson. Genau da bürstet unsere Ausstellung die Geschichte gegen den Strich: Auch diese drei Herren sind nicht vom Himmel gefallen, ihre Ideen haben eine Vorgeschichte. Und es gab etliche Frauen, die Land Art machten. Wir zeigen etwa eine wunderbare Arbeit von Alice Aycock: ein minimalistisches Quadrat, mit dem sie den Boden des Death Valley in den Ausstellungsraum holt.

SPIEGEL ONLINE: Welches Verhältnis hatte die Land Art zur Natur?

Kaiser: Ökologisch ist sie nicht, das wäre ein Missverständnis. Smithson etwa war überhaupt nicht an Naturschutz interessiert. Aber die Land Art hat auf Urbanisierungsprozesse in den USA reagiert, als die großen Freeways gebaut wurden und neue Agglomerationen. Michael Heizers doppelter Schnitt durch die Landschaft etwa erinnert untergründig an einen Freeway. Erste protoökologische Arbeiten gab es erst in den siebziger Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Was waren sonst die gedanklichen Hintergründe für die Land Art? Eine Gegenbewegung zur Pop Art, eine Abwendung vom Kunstbetrieb?

Kaiser: Land Art war nicht wirklich eine Gegenbewegung. Sie brauchte die Medien, um ihre abgelegen Arbeiten bekannt zu machen. Und sie war in den Massenmedien präsent: in "Newsweek" oder "Life" wurde mehr über die Land Art geschrieben als über die Pop Art. Gleich am Anfang der Ausstellung steht ein Film von Jean Tinguely. Diese Arbeit hat der TV-Sender NBC in Auftrag gegeben, und Tinguely hat dann in der Wüste unweit von Las Vegas, in der Nähe des nuklearen Testgeländes, Maschinen-Explosionen inszeniert. Diese Projekte wurden stark in der Konstellation des Kalten Krieges und des Wettrüstens im Weltall reflektiert. Aber im Grunde hat sich die Land Art die Medienstrategien der Pop Art zu eigen gemacht. Und wie sie hat etwa Heizer einfache, wieder erkennbare Zeichen benützt.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht widersinnig, eine Kunst, die hinaus wollte aufs Land, ins Museum zu bringen?

Kaiser: Noch ein Mythos. Viele der Arbeiten waren damals in Galerieausstellungen zu sehen. Bei der "Earth Art"-Schau von 1969 an der Cornell University waren Werke im Außenraum und im Innenraum zu sehen. Nicht die Künstler versuchten, der Institution zu entfliehen, sondern die Institutionen expandierten in den Außenraum.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es im Haus der Kunst nur Skizzen, Karten, Fotos zu sehen? Oder auch mal ein Stück Prärie?

Kaiser: Wir zeigen alle Werke so, wie sie in den Sechzigern ausgestellt waren. Wir rekonstruieren etwa Robert Morris' Erdhaufen. Es gibt eine skulpturale Arbeit von Richard Long. Und die ökologische Skulptur von Helen und Newton Harrison: ein Grasstück unter Wachstumslampen, über das ab und zu ein kleines Schwein läuft und es niedermäht.

Das Interview führte Karin Schulze


Ends of the Earth. München. Haus der Kunst. 11.10.2012-20.01.2013.

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