Ausstellung "Erzwungene Wege" Auf schmalem Grat

Es gab Proteste von Linken, Rechten, Polen und Deutschen. In Berlin wurde eine Ausstellung zur Vertreibungsgeschichte des 20. Jahrhunderts eröffnet. Die Kuratoren wollen es allen recht machen, doch die wichtigste Frage bleibt offen: Wie lässt sich das Leid der Juden angemessen einordnen?

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Berlin - Kaum hat Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, angefangen zu sprechen, da regnet es Flugblätter einer linken Gruppierung herab. Die CDU-Bundestagsabgeordnete bleibt gelassen. Man wolle eine "kluge und nüchterne Bestandsaufnahme" der europäischen Vertreibungsgeschichte präsentieren, sagt sie, während die Blätter ihren Weg auf den steinernen Boden finden. Protest ist Steinbach gewohnt, und was sich hier, am Tag der Eröffnung der Ausstellung "Erzwungene Wege" abspielt, gehört zweifelsohne zur zivileren Variante.

Stiftungsvorsitzende Steinbach vor Exponaten: Ziel ist eine Dauerausstellung
REUTERS

Stiftungsvorsitzende Steinbach vor Exponaten: Ziel ist eine Dauerausstellung

Steinbach hat schon anderes über sich ergehen lassen müssen; in einem polnischen Nachrichtenmagazin wurde sie vor Jahren in Naziuniform abgebildet, den damaligen Kanzler Gerhard Schröder reitend - eine Domina, die lustvoll die Deutschen in die düsterste Vergangenheit zurückpeitscht.

Es sind auch solche Zerrbilder, die die öffentliche Debatte um die von ihr geführte Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" begleiten. Kürzer, prägnanter hätte eine Szenerie vor dem Kronprinzenpalais am Donnerstag die Gegensätze nicht umreißen können: Eine kleine Gruppe Deutscher aus der linken Szene forderte da auf Polnisch und Deutsch "Geschichtsrevisionismus angreifen statt ausstellen", wenige Meter gegenüber demonstrieren rund ein Dutzend Schwarze und einige Weiße der "Gesellschaft für bedrohte Völker" gegen die derzeitigen Lage im afrikanischen Darfur. "Deutsche Vertriebene 1944-1946, Vertreibung gestern und heute" steht auf einem ihrer Plakate.

Die Afrikaner haben damit genau jene Frage aufgeworfen, die Steinbachs Idee, irgendwann in naher Zukunft ein festes "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin einzurichten, begleitet: Darf das Schicksal der Massenflucht der Deutschen im Osten in das anderer Völker eingereiht werden? In Polen wird noch am selben Tag Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski mit der Bewertung zitiert, die Ausstellung sei ein Versuch, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu relativieren. Die Ausstellungsmacher - Kurator Wilhelm Rogasch, die Historikerinnen Katharina Klotz, Doris Müller-Toovey und der Architekt Bernd Bess - wussten um die Ängste, die ihre Ausstellung schon im voraus auslöste. Aus Warschau reiste sogar offiziell eine Historikerin an, um die Schau vorab zu begutachten.

Es ist ein gewagtes Unternehmen. In neun Stationen zeigt die Ausstellung exemplarisch die Vertreibungsgeschichte des 20. Jahrhunderts - als ein Akt staatspolitischer Willkür. Angefangen beim Exodus der Armenier 1915 geht es über die Entrechtung und Vertreibung der Juden aus Deutschland, den Deportationen der Polen unter deutscher und sowjetischer Besatzung bis hin zu den Menschenverschiebungen, die auf dem Balkan in den neunziger Jahren stattfanden.

Suche nach Fehlern

Am Tag der Eröffnung sagt denn auch Rogasch immer wieder seinen zentralen Satz in die Mikrofone: "Hier geht es nicht um Revisionismus, auch nicht darum, die Opfer aufzurechnen", der Sinn der Ausstellung sei der Dialog, zur Versöhnung beizutragen. Es sind manchmal absurde Situationen, die Rogasch an diesem Tag erleben muss. Da fragt ihn ein polnischer Korrespondent, warum im Kapitel über die Vertreibungen und Umsiedlungen der Polen nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 nicht erwähnt werde, dass Deutschland den Krieg gegen seine Heimat begonnen habe. "Aber das ist doch da erwähnt", stöhnt Rogasch.

Dicht an dicht drängen sich die Journalisten bei der Vorbesichtigung in dem Hauptraum des Kronprinzenpalais: An einer an den Wänden entlanglaufenden, 70 Meter langen milchigen Glaswand sind knappe Texte, Fotos und kleine Vitrinen für Exponate angebracht. Akribisch suchen manche Journalisten nach Fehlern; einige lassen sich zu Beginn der Ausstellung durch Zettel irritieren, die über den Text geklebt worden sind - da wird aus der Zahl von 110.000 umgesiedelten polnischen Bauern plötzlich 1,2 Millionen - bis klar wird, es war eine Aktion der Demonstranten, mit dem unter den Journalisten der Eindruck zu erwecken versucht wurde, die Macher hätten gepfuscht. Die Ausstellung bringt eine merkwürdige Mischung von Protestgruppen im Verlaufe des Tages vor das Palais: Am späteren Nachmittag, kurz vor der allgemeinen Eröffnung, demonstrieren plötzlich deutsche und polnische Rechtsextreme.

Die Ausstellung bemüht sich, Untiefen zu umgehen. Es ist, wenn man so will, ein Blick von ganz oben, den die Ausstellungsmacher auf die Geschichte werfen; der Versuch, das große Schlachten des 20. Jahrhunderts zu fixieren. Die "gemeinsamen, aber auch unterschiedlichen Ursachen, Wirkungen und Folgen von Zwangsmigration" sollen dokumentiert werden, heißt es gleich im Eingang. Im zweiten Raum, der lexikalisch die Begrifflichkeiten von Flucht und Vertreibung auffächert - an Stichworten wie etwa "Heimat", "In Zügen", "Der Treck", "Frauen und Kinder" - hängt unter den Exponaten auch eine Fahne eines polnischen Verbandes von Männern und Frauen, die unter den Sowjets nach Sibirien deportiert wurden. Und es findet sich auch die Glocke der "Wilhelm Gustloff", die im Frühjahr 1945 mit Tausenden von deutschen Flüchtlingen nach einem Torpedotreffer durch ein sowjetisches U-Boot sank. Dass jenseits der - offiziellen - Aufregung aus Warschau die deutsch-polnischen Beziehungen im Kleinen durchaus funktionieren, bezeugt die Anwesenheit dieses Exponats, das die Danziger Küstenwache zur Verfügung stellte.

Die kleine Schau im Palais korrespondiert mit jener größeren, die noch bis Mitte August gleich gegenüber, im Deutschen Historischen Museum, zu sehen ist und die unter dem Titel "Flucht, Vertreibung und Integration" und unter der Patronage von Bundespräsident Horst Köhler steht. Während im Museum jedoch die Geschichte auf die Deutschen konzentriert wird, muss der Besucher sie im Kronprinzenpalais fast schon suchen - so, als fürchteten die Aussteller, der Deutschtümelei bezichtigt zu werden. Hier wird das eigentliche Problem deutlich: Die Ausstellung dient auch einem politischem Zweck - sie soll den Weg ebnen für jene Dauerschau, die Steinbach und der Stiftung seit Jahren vorschwebt.

Das Unbehagen bleibt

Gleich zu Beginn heißt es: "Dabei wird keine Gewichtung der Leiden jedes einzelnen Betroffenen vorgenommen". Genau das aber löst, bei näherer Betrachtung, Unbehagen aus: Kann die Vertreibung der Juden aus dem öffentlichen Leben mit der Flucht der Deutschen nach 1945 in einer Reihe präsentiert werden? Die Macher haben es versucht - die Debatte aber nicht beendet, sondern sie erst wirklich entfacht. Vielleicht ist ihre Art der Darstellung ein Vorgriff auf künftige Ausstellungen, die sich vom Massenmord an den Juden zeitlich immer weiter entfernen und ihn in das Meer der Geschichte hinabsinken lassen. Dass ihnen ihr Ansatz selbst nicht ganz geheuer war, lässt sich aus dem gewundenen Text zur Judenpolitik in Nazi-Deutschland herauslesen: "In der Durchdringung von rassistischer Ideologie, wirtschafts- sowie machtpolitischem Kalkül und fabrikmäßigen Morden" erhalte die Verfolgung der Juden "einen in der Geschichte singulären Charakter".

Was in beiden Ausstellungen - sowohl im Historischen Museum als auch im Kronprinzenpalais - gänzlich fehlt, ist eine kritische Betrachtung der Wirkungen, die das Vertreibungsthema bis heute im In- und Ausland auslöst. Am Ende des Rundgangs steht ein Kasten mit der Überschrift "Dialog". Es werden da etwa Beispiele für deutsch-polnische Zusammenarbeit gezeigt, doch nichts über die - andauernden - Verkrampfungen, hierzulande und draußen: Warum wurde über Flucht und Vertreibung jahrzehntelang nicht gesprochen, welche Lebenslügen nährten aber auch die Vertriebenenverbände selbst - das wären spannende Kapitel. Doch vielleicht ist soviel selbstkritische Befragung zu viel verlangt von einer Stiftung, die sich selbst stets in der Rechtfertigungsrolle wähnt und von einer Vertriebenen-Präsidentin geführt wird.



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