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Ausstellung "Female Trouble": Wo Frauen die Hosen anhaben

Von Jenny Hoch

Aufgepasst, die Herren, jetzt ist Damenwahl: Die Pinakothek der Moderne in München nimmt sich in der Ausstellung "Female Trouble" weibliche Klischees und Stereotypen zur Brust - und bereichert die neue Feminismusdiskussion um überraschende Einsichten.

Wer in einem der Coffeeshops dieser Welt einen "Latte to Go" bestellt, weiß, was ihn erwartet: fluffiger Schaum auf mit Milch verdünntem Kaffee im Pappbecher. Geht man allerdings an der Installation "Women to Go" der holländischen Video- und Aktionskünstlerin Mathilde ter Heijne vorbei, ist man doch etwas irritiert. In Kartenständern stecken zur Selbstbedienung Hunderte Schwarzweißpostkarten von Frauen aus aller Welt.

Noch merkwürdiger wird es, wenn man die auf Rückseiten der altertümlichen Fotografien abgedruckten Kurzbiografien liest, die so gar nicht zu den Abbildungen auf der Vorderseite passen wollen. Dem Bild einer Inuit-Frau mit großer Fellkapuze ist der Lebenslauf einer brasilianischen Musikerin zugeordnet. Eine Afroamerikanerin aus Georgia soll eine Dichterin aus Kyoto gewesen sein.

Willkürliche Zuschreibungen sind das, konstruierte Zusammenhänge, die nichts mit dem Bild zu tun haben, das man automatisch von den Frauen im Kopf hat. Die Arbeit hat aber noch eine zweite Ebene: Sie führt wirkungsvoll das Phantasma der ständigen Verfügbarkeit des Weiblichen vor. Einfach die Frau aussuchen, die einem zusagt - und sie dann in die Tasche stecken.

"Female Trouble" heißt die aktuelle Fotoausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne, die sich pointiert und ohne erhobenen Zeigefinger mit Klischees und Stereotypen weiblicher Repräsentation auseinandersetzt. Sie versammelt fotografische Arbeiten von Künstlerinnen (und einigen wenigen Künstlern) aus den vergangenen 150 Jahren, die sich mit dem Bild des Weiblichen und seiner Konstruiertheit beschäftigen.

Im Fokus der groß angelegten Schau, für die aus Platzmangel wichtige Teile der permanenten Sammlung der Pinakothek der Moderne vorübergehend ins Depot geräumt werden mussten, stehen zeitgenössische Künstlerinnen. Den Anfang macht Cindy Sherman, deren Werk wie wohl kein anderes im Zeichen von Selbstinszenierung und Identitätssuche steht. Neben neueren Arbeiten aus der "Clowns"-Serie, die die angebliche Unvereinbarkeit von Weiblichkeit und Humor thematisieren oder den "Bus Riders"-Maskeraden, sind da die "Untitled Film Stills", mit denen Sherman Ende der Siebziger berühmt wurde und in denen sie sich in archetypischen Posen der Verführung inszeniert, die man aus Filmschnulzen zu kennen glaubt.

Mit Kalaschnikow in der Hand

Immer wieder große Freude macht das Video "Ever Is Over All" von Pipilotti Rist, in dem eine vergnügte junge Frau einen Bürgersteig entlangläuft und mit einem phallusartigen Blumenstengel genüsslich Autofenster einschlägt. Was für eine Utopie, dass die Paarung von Weiblichkeit und Aggression jemals das Wohlwollen der Gesellschaft hervorrufen könnte! Im Film ist's möglich: Passanten goutieren den Akt der Zerstörung, ein Polizeibeamter grüßt sichtlich erfreut von so viel Gewaltbereitschaft.

Wesentlich grundsätzlicher näherten sich Feminismusvorkämpferinnen wie Waltraud Lehner, die später den Künstlernamen VALIE EXPORT annahm, dem Thema weiblicher Selbst- und Fremdwahrnehmung. 1968 ließ sie mit ihrem legendären "Tapp und Tastkino" am Münchner Stachus Männer ihre Brüste durch eine Box aus Pappkarton betasten, die sie sich vor den Oberkörper geschnallt hatte. Mit wild auftoupierten Haaren, einer Kalaschnikow in der Hand und einer im Schritt ausgeschnittenen Hose konfrontierte sie 1969 in "Aktionshose Genitalpanik" die erschrocken flüchtenden Zuschauer eines Münchner Kinos mit weiblicher Sexualität.

Die Strategien, mit denen Künstlerinnen sich die Thesen Judith Butlers einverleiben, die in ihrem wegweisenden Werk "Gender Trouble" ("Das Unbehagen der Geschlechter") das Geschlecht als gesellschaftlich konstruiert entlarvte, sind denkbar unterschiedlich und reichen von der Parodie über den Dekonstruktivismus bis hin zur Provokation.

Tragische Schauspielerin, trinkende Prostituierte

Eine wirkliche Entdeckung in diesem Zusammenhang sind einige erstmals in Deutschland gezeigte Fotoarbeiten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Da ihnen traditionell der Zugang zu Kunstakademien verwehrt war, haben vor allem Frauen seit der Erfindung der Fotografie vor etwa 170 Jahren das neue Medium genutzt, um sich selbst oder andere in immer neuen Maskeraden und Rollenspielen zu inszenieren und sich mit ihrer geschlechtlichen Identität auseinanderzusetzen.

Die wohl schillerndste Früh-Fotokünstlerin unter ihnen war die Comtesse de Castiglione. Sie ließ sich Hunderte Male in den unterschiedlichsten Kostümierungen und Posen ablichten und betrieb die Fetischisierung ihres Ichs wie keine andere. Sie benutzte das Medium Fotografie, um aktiv an ihrer eigenen Unsterblichkeit mitzuwirken und inszenierte sich sowohl als Dame von Welt, als auch als tragische Schauspielerin und als trinkende Prostituierte. Wie weit sie ihrer Zeit voraus war, zeigt ein beinahe kubistisch wirkendes Foto, auf dem sie sich einen Bilderrahmen so vor das Gesicht hielt, dass Auge, Nase und Mund förmlich dekonstruiert erscheinen.

Noch heute treten Frauen vor allem in Abhängigkeit von einem kulturell als "männlich" codierten Blick in Erscheinung. Doch erobern sie sich ein Stück visuelle Selbstbestimmung zurück, indem sie die Art und Weise manipulieren, wie sie gesehen werden wollen.

Bereits Sigmund Freud wusste, dass die Ich-Verdoppelung durch das Bild immer auch eine gewisse Ungewissheit darüber auslöst, ob zwischen der Pose und der Maske und dem "wahren" Ich überhaupt zu unterscheiden ist. Genau dieses Unbehagen macht die Ausstellung "Female Trouble" so aktuell und anregend.


"Female Trouble. Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierungen in Fotografie und Videokunst", Pinakothek der Moderne, München, bis 26.10.2009. Katalog: Hatje/Cantz, 240 Seiten, 35 Euro

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