Feministische Kunst Wunderbare Nestbeschmutzerinnen

In den Siebzigern rüttelten radikale Künstlerinnen die Szene auf. Sie ließen sich öffentlich begrabschen, posierten breitbeinig provokant vor der Kamera oder trugen statt Schürze gleich einen Herd um den Hals.

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Die Braut ist eine Torte. Nackt steckt sie in den zuckrigen Schichten eines Hochzeitskuchens. Eben wurde das erste Stück herausgeschnitten, so dass nun der Blick auf ihre Scham frei liegt. Mit strahlendem Lachen offeriert die Braut nun ein Stück von ihr, lädt ein, von ihrer Süße zu kosten, sich an ihrer Unschuld zu delektieren.

Mit optischen Leckerbissen wie dieser "Wedding Invitation" von Penny Slinger wirft jetzt eine Ausstellung der Hamburger Kunsthalle einen neuen Blick auf die feministische Kunst der Siebzigerjahre. Die Arbeiten, so zeigt sich, überzeichnen und zerlegen die traditionellen Frauenrollen nicht nur radikal und verstörend, sondern sie sind auch bildstark und gewitzt.

Als Ende der Sechzigerjahre aus der Bürgerrechts- und Studentenbewegung eine zweite Frauenbewegung entsteht, heißt es: Heraus aus der nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit! Nieder mit Diskriminierung, Prüderie, Doppelmoral und Männermacht über unsere Leiber! Etwa zeitgleich beginnen Künstlerinnen in Europa und den USA, den Slogan "Das Private ist politisch" beim Wort zu nehmen: Sie machen ihr Frausein zum Thema ihrer Kunst - und den eigenen Körper zum Material.

Endlich weg von Kind und Küche

Die Malerei ist zu dieser Zeit noch besetzt von der Machofraktion der abstrakten Expressionisten und den männlichen Granden der Pop-Art. Also performen die Frauen und fotografieren oder filmen ihre Aktionen: So sind sie zugleich Subjekt und Objekt ihrer Kunst, Modell, Muse und Macherin in einem.

Das auf Kinder und Küche fixierte Frauenbild der patriarchalischen Nachkriegsgesellschaft wird gnadenlos gespiegelt und aufgesprengt. Birgit Jürgenssen hängt sich einen Herd in Gestalt einer Schürze um, als ginge sie mit ihm schwanger. Und natürlich hat sie "was in der Röhre" - auch wenn's nur ein Brot ist.

Die frühe Cindy Sherman re-inszeniert die genderspezifischen Körperhaltungen im Nahverkehr und verkörpert Männlein wie Weiblein allesamt selbst. Einige Künstlerinnen bebildern Unterdrückung und fotografieren sich hinter Gittern (Helena Almeida), in Fäden versponnen (Annegret Soltau) oder hinter Glas gequetscht (Ana Mendieta).

Andere eignen sich Posen und Strategien der Männer an und imaginieren eine Welt, in der frau bestimmt. Ulrike Rosenbach montiert sich selbst hinein in eine Ikone der Männerkunst - in Andy Warhols "Double Elvis" - und nimmt in Kauf, dass man bei der Pistole in ihrer Hand an die Schüsse denken muss, die 1968 Valerie Solanas auf den Pop-Papst abfeuerte.

Zu den Waffen einer Frau greift auch Valie Export: Sie posiert breitbeinig für die Kamera: in einer Jeans, die den Blick auf ihre Scham freigibt - was so hypnotisierend wirkt, dass man das Maschinengewehr in ihrer Hand fast übersieht. Kurz zuvor hat sie einen Mann am Hundehalsband in Wien Gassi geführt und in München zwischen Hertie und Woolworth sich selbst offeriert: Im kastenförmigen Tapp- und Tastkino, das sie sich um die blanke Brust geschnallt hatte, durften Passanten ihren Busen betatschen. Ihr "Expanded Cinema" spielte an auf Pornographie und Prostitution, exponierte aber vor allem die Männer, die in die Inszenierung hinein "tappten".

Starke Kunst mit extremen Folgen

Nicht immer bleiben die Selbstversuche für die Künstlerinnen folgenlos. Orlan - die später ihr Gesicht für chirurgische Eingriffe hinhält, die den Schönheitswahn karikieren - stylt sich 1977 zur Kunstmesse FIAC als Automat: Wer fünf Francs einwirft, bekommt einen Kuss. Skandal: Die Künstlerin verliert ihren Job an der Kunsthochschule.

Die gesellschaftliche Sprengkraft geht in Hamburg ein wenig unter. Man hätte sich die Exponate stärker eingebettet gewünscht in Zeitgeschichte und das Grollen, mit dem nicht nur die Boulevardpresse die Frauen zu übertönen suchte. So ist die Schau eine allzu stille Kompilation makellos museal präsentierter Preziosen. Man merkt, die "feministische Avantgarde" soll in den Kanon eingeschrieben werden: Um der Kunst willen, sicher aber auch um den Wert der Exponate zu steigern. Schließlich stammen sie aus der Firmensammlung des österreichischen Stromanbieters Verbund.

Schon seit 2010 tourt die Schau, wobei sie sich von 17 Positionen auf 34 angereichert und dabei viele vergessene Künstlerinnen wiederentdeckt hat. Viele, die ausprobierten, womit heute Madonna, Lady Gaga, Björk oder Pussy Riot die Medien bespielen, motteten ihre Arbeiten auf dem Dachboden ein, als die Strömung gegen Ende der Siebzigerjahre verebbte. In dem Maße, wie die Forderungen der Frauenbewegung anerkannt wurden (etwa durch die Reform des Ehe- und Familienrechts von 1976/77), verlor die feministische Ästhetik die Aura von Subversivität und existenzieller Dringlichkeit.

Heute ist Gleichberechtigung in der westlichen Welt juristisch und gedanklich weitgehend durchgesetzt, in Beruf, Familie und Kunstwelt aber nicht wirklich angekommen. Dass es weiterhin feministische Arbeiten gibt, deutet die Schau nur an: mit einem Audiomagazin der Hamburger Plattform für Kunst und Feminismus CALL. Gut hätte auch eine Arbeit von Annika Ström gepasst: Sie schickte 2010 "Ten Embarrased Men" über eine Kunstmesse und ließ sie demonstrativ zerknirscht und beschämt herumstehen - weil in den Kojen mal wieder Männerkunst dominierte.


"Feministische Avantgarde der 1970er Jahre. Werke aus der Sammlung Verbund, Wien". Hamburger Kunsthalle. Bis zum 31. Mai. Katalog im Museum: 39 Euro.



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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
gerd.leineune 14.03.2015
1.
Interessant wäre eine Reportage zu den Künstlerinnen der 70er, also was aus ihnen und ihren "Idealen" geworden ist.
norman.schnalzger 14.03.2015
2. Stark!
Einfach toll!
danilodavidovich 14.03.2015
3. Leider hat sich dafür...
... , für diese Art Kunst, kein Schwein interessiert. Der Grund dafür, wäre auch ein Artikel wert. Bei der Kunst der Frauen dreht sich eh alles nur um den weiblichen Körper, wie Kahlo, Woodman und Emin beweisen.
westerwäller 14.03.2015
4. Ein Nest auf einem Penis ...
... würde natürlich ein falsches Signal senden ... Oder habe ich das nur nicht richtig begriffen?
uventrix 14.03.2015
5. Erläuterung?
Was ist denn "Männerkunst"? Ich kann mir darunter grad gar nichts vorstellen - aber ich würde mir wahrscheinlich auch lieber eine Hand abhacken als auf eine Kunstmesse zu gehen. ;)
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