Franz-Gertsch-Retrospektive Die Erweckung der Langsamkeit

Bestechend realistische Bilder von europäischen Wäldern und tropischen Grünlandschaften, überdimensionale, hypnotisierende Porträts - eine Museumsschau in Baden-Baden zeigt das eindrucksvolle Werk des Schweizer Malers Franz Gertsch.


Immer schön langsam: Fast ein Jahr braucht der Maler Franz Gertsch manchmal für eines seiner großformatigen Bilder, und so ist das Werkverzeichnis seiner Gemälde nicht einmal dreistellig. Virtuoser kann man sich künstlerischem Leistungsdruck und Produktionszwang kaum entziehen - da kann der Kunstmarkt lange warten. Und der heute 83-jährige Gertsch malt genauso weiter: gewissenhaft, geduldig, präzise. Umso erfreulicher, dass jetzt das Museum Frieder Burda in Baden-Baden 30 seiner monumentalen Gemälde und Holzschnitte von den siebziger Jahren bis heute in einer Ausstellung zeigt - die damit einer Retrospektive des legendären Schweizer Malers und mehrmaligen Documenta- und Biennale-Teilnehmers gleichkommt.

Im Zentrum der Schau, die "Geheimnis Natur" heißt, steht der große, 2007 begonnene und vier Jahre später abgeschlossene Jahreszeiten-Zyklus, der Gertschs Vorliebe für Bildserien entspricht, genauso wie das "Guadeloupe"-Triptychon mit den Bildern "Bromelia", "Maria" und "Soufrière", das 2012 fertig wurde und in der Ausstellung zum ersten Mal gezeigt wird.

Von der Subkultur zur Natur

Den Weg zur Natur hat Gertsch erst mit der Zeit gefunden: Am Anfang seiner Laufbahn standen Bilder der Hippie-, Großstadt- und Subkultur: Porträts von Künstlerkollegen der urbanen Boheme, von Rockstars wie Patti Smith und Transgender-Szenen. Schnell wurde er daher als Abkömmling US-amerikanischer Pop Art und des Fotorealismus gehandelt. Doch spätestens seine Werkentwicklung ab den neunziger Jahren hat gezeigt, dass Gertsch eine absolut eigenständige, autonome Figur ist. "Es war nicht die Anlehnung an die amerikanische Spielart, sondern eine eigene spirituelle Veranlagung und Vorarbeit zu einem Nachtrag abendländischer Malerei", sagt Gertsch dazu im Gespräch mit Götz Adriani, der die Ausstellung in Baden-Baden kuratiert hat.

Den Einstieg in die Schau geben einige Bilder aus dem Frühwerk, mit dem Gertsch bekannt wurde, außerdem sind die berühmten Frauenporträts wie "Silvia" und "Johanna" zu sehen, die in minutiöser Realitätsnähe von der klassisch-zeitlosen Schönheit weiblicher "Gesichtslandschaften" handeln. Sie beeindrucken allein schon durch ihre Größe, die ihnen etwas Unwirkliches, Entrücktes gibt.

Punkt für Punkt im Schneckentempo

Dem großen Format - oft vier mal sechs Meter - blieb Gertsch immer treu, genau wie seinem technischen Verfahren: Erst werden die Fotos gemacht und ausgewählt, was auf die Leinwand projiziert und schließlich auf dieser Grundlage nachgemalt wird. "Für mich ist die Fotovorlage ein Sprungbrett, um tief in die Malerei einzutauchen", sagt Gertsch, und das tut er dann im Schneckentempo: Ausbreitend von einem Zentrum meist nahe der Mitte geht es voran, circa 25 Quadratzentimeter pro Tag, bis das Bild mit einer unermesslichen Zahl von Farbpunkten bis zu den Ecken ausgefüllt ist.

Allerdings ist der Blick und damit die Technik des Künstlers mit der Zeit milder geworden: Die Motive wirken beim Näherkommen wie weichgezeichnet und zunehmend abstrahiert, auch wenn sie auf die Fernsicht tatsächlich noch die bestechend fotorealistische Schärfe zeigen. Außerdem hat Gertsch seine Farbpalette reduziert, die Farbklänge verbinden sich miteinander, erzählen aber immer noch in minutiöser Realitätsnähe vom Werden und Vergehen, Wachsen und Verblühen, vom Wechsel der Jahreszeiten. Spektakuläres und Pathetisches meidet Gertsch, stattdessen macht er Kräuter des benachbarten Waldes und aus dem heimatlichen Garten zu den Hauptdarstellern seiner im Bild festgehaltenen Natur- und Lebenserfahrungen.

Auch eine andere künstlerische Technik hat durch Gertsch eine neue Meisterschaft erfahren: der Holzdruck. Als traditionelles Medium allein auf starke Hell-Dunkel-Kontraste fokussiert, ermöglicht die von Gertsch eigens entwickelte pointillistische Technik mittels kleiner Hohleisen harmonische Übergänge im Spiel einzelner Lichtpunkte. Und durch eine besondere Drucktechnik, meist auf original japanischem Papier, entstehen dann seine berühmten monumental-einfarbigen Porträts. Korrekturen gibt es nicht, weil "die aus einer Fülle mikroskopisch kleiner Texturen bestehende Lichtkonzentration das Ergebnis mehr oder weniger tiefer Eintragung in die Holzplatte ist", erklärt Gertsch.

Ein stoisches Verfahren, das ihn zu meditativer Versenkung in den technischen Vorgang anhält und subjektive Momente nicht zulässt. Und das dabei den Künstler, so der Kurator, "gegen das Abdriften in die Allfertigkeiten unserer Tage" schützt.


Franz Gertsch. Geheimnis Natur. Museum Frieder Burda, Baden-Baden, bis 16.2.2014 (Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen).



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