Ausstellung im Jüdischen Museum: Der Rabbi in der Vitrine
Haben Juden große Nasen? Sind sie besonders geschäftstüchtig? Im Jüdischen Museum Berlin will eine Ausstellung Fragen zur jüdischen Kultur und Geschichte beantworten - auch jene, die peinlich, naiv oder voller Ressentiments sind.
Woran erkennt man einen Juden? An der großen Nase? Sind die Juden auserwählt? Wer ist Jude, und wie wird man das? Und darf man Witze über den Holocaust reißen? So etwas laut zu fragen, das traut sich kaum einer, schon gar nicht in einem Jüdischen Museum. Aber notiert sind diese Fragen doch: in den 800 Gästebüchern des Jüdischen Museums. 32 dort immer wiederkehrende Fragen werden jetzt beantwortet - in der Sonderausstellung "Die ganze Wahrheit... was Sie schon immer über Juden wissen wollten".
In sieben Räumen stehen die Fragen auf 32 trichterförmigen roten Kisten. Um Konflikte geht es, um Geschichte, um Wissen über das Judentum. Manche polarisieren, sind voller Ressentiments und stereotyp, andere sind trivial, beklemmend, peinlich oder schlicht naiv.
Entsprechend werden sie beantwortet. Mit Dokumenten, Fotos, Wandtexten, Installationen, mit Filmen, TV-Sendungen, Comics, manchmal sind in den roten Kisten Alltagsdinge arrangiert. So zeigen Süßigkeiten, Tütensuppen, Cornflakes, Frischkäse oder Cola-Flaschen zum Beispiel, was koscher ist. Dazu gibt es sachliche Hinweise zur Trennung von Fleisch und Milch, zu Federvieh und Wiederkäuern mit gespaltenen Hufen. Je nachdem, ob es um Vorurteile, Fakten oder um eine Spaßfrage geht, fallen die Antworten seriös aus oder nehmen den Frager auf die Schippe. Und manche werden einfach zurückgespielt, frei nach dem Wandtext am Eingang: Frage an den Rabbi: "Warum beantworten Juden eine Frage immer mit einer Gegenfrage? Warum nicht?", sagt er.
Bei manchen Fragen hilft nur Satire
Gleich im ersten Raum Grundsätzliches: Warum die Juden auserwählt sind? "Das sei kein Überlegenheitsgefühl, sondern eine Bestimmungsidee", hat Martin Buber 1933 geschrieben, dazu sieht man eine geschmückte Tora-Rolle. "Warum alle die Juden lieben", wird in der Kiste mit Jaffa-Orangen, Peeling-Salz vom Toten Meer, Spieluhr mit Fiddler on the Roof, Kishon-Buch und Klarinette illustriert. Und mit einem Kruzifix als Bindeglied zwischen den Fragen, warum Juden so beliebt oder so unbeliebt seien, denn beides könne man auf Jesus zurückführen.
Wie es sich anhört, wenn man unbeliebt ist, ist auf Knopfdruck zu hören: Auf Bizets Musik hat Friedrich Holländer 1931 das Lied "An allem sind die Juden schuld" geschrieben. Schmissige Musik, einige Besucher wippen im Takt mit: Ob es regnet oder hagelt, dämmert oder donnert, ob das Telefon besetzt ist, ob die Badewanne leckt... an allem sind die Juden schuld. Bei solchen Fragen hilft eben nur Satire, genau wie bei der, ob man als Deutscher Israel kritisieren dürfe. In der Vitrine hängt dazu ein "Maulkorb für Schäferhunde", an der Wand stehen "Der ewige Israeli: 10 Tipps für einen israelkritischen Text", die Philip Meinhold in der "taz" veröffentlichte. Die meisten Besucher lachen beim Lesen. Gegenüber klärt eine Installation mit schwebenden Kopfbedeckungen, woran man "einen Juden erkennt". An der Kippa natürlich und an uns unbekannten Zylindern, Kantorenhüten, an Perücken oder Spitzenhäubchen. Strittig ist laut Wandtext übrigens, ob Kopfbedeckung Pflicht oder "frommer Brauch" ist.
Danach gibt Philip Roth eine sehr persönliche Auskunft über die Beschneidung. "Ich reagiere immer noch wie hypnotisiert, wenn ich im Umkleideraum des Schwimmbads unbeschnittene Männer sehe." Selbst seine weltlich gesinnten jüdischen Freunde könnten sich nicht vorstellen, einen unbeschnittenen Sohn zu haben.
"Wer ist ein Jude?" Einer der "meschugge genug ist, sich selbst einen zu nennen", hat David Ben Gurion gesagt. Es wird auch gefragt, wie man es wird und ob man aufhören kann, einer zu sein. Und "Jude oder nicht?" ist dann ein Ratespiel vor Fotos von Prominenten wie Charlie Chaplin, Justin Bieber, Bob Dylan, Marilyn Monroe oder David Beckham. Und wenn er einer ist, ist er dann besonders geschäftstüchtig, tierlieb, einflussreich, intelligent, schön? Darüber kann man mit dem Einwurf von drei Chips abstimmen. Ein Junge wählt "geschäftstüchtig, einflussreich und intelligent", eine Frau schmeißt ihre Chips demonstrativ neben die Kisten auf einen Haufen.
Auch die Reaktionen auf die Antwort zu "Gibt es noch Juden in Deutschland?" sind unterschiedlich, denn der lebende Beweis ist ein Jude, der täglich zwei Stunden in einer offenen Vitrine sitzt und den man befragen kann. Geschmacklos sei das, "voyeuristisch" hört man, andere kommen mit dem Ausgestellten ins Gespräch. Jeden Tag sitzt dort ein anderer Jude - außer am Sabbat. Und falls noch Fragen offen sind: Am 21.4. wird Rabbi Walter Rothschild in der Vitrine ausgestellt - und der hat das Buch " 99 Fragen zum Judentum" geschrieben.
Die Ganze Wahrheit... was Sie schon immer über Juden wissen wollten. Jüdisches Museum Berlin. Bis 1.9., es gibt ein Begleitprogramm.
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