Ausstellung in Paris: Ärger um die Uromas der Erotik

Sigmund Freud hätte seine Freude an so viel Scham gehabt: In Paris sorgt "L'Enfer", eine Ausstellung mit sehr expliziten Zeichnungen und Büchern, für herrlich verklemmte Reaktionen.

Paris - Als gäbe es keine Internet-Pornografie im 21. Jahrhundert: Rund 1700 Exponate sorgen derzeit für Aufregung in Frankreich. Anlass für die erregten Gemüter: "L'Enfer", die Hölle. Die Ausstellung zeigt sündhafte Zeichnungen und Bücher aus den Archiven der französischen Nationalbibliothek - nachdem diese die Exponate 170 Jahre lang unter Verschluss gehalten hatte.

Zu sehen ist erotische Kunst seit dem 17. Jahrhundert, reich an Fäkalien, entblößten Genitalien und an sadomasochistischen Szenen. Der Marquis de Sade ist prominent vertreten, etwa mit einem handgeschriebenen Manuskript, verfasst während seiner Gefangenschaft in der Bastille im Jahr 1787. Selbst das Kuratoren-Duo, Raymond-Josué Seckel und Marie-Francoise Quignard, scheint angesichts mancher Exponate an seine Grenzen gekommen zu sein. "'Nichts als scheißen und pissen'" sei zu sehen, sagte Kurator Seckel im britischen "Independent" über Marquis de Sades' "120 Tage von Sodom".

Die Sammler von einst entstammten einem erlauchten Kreis. Honorige Mitglieder der Gesellschaft wie Leon Gambetta, Premierminister im späten 19. Jahrhundert, erregten sich an der geheim gehandelten Kunst, die sie sich meist auf dem Schwarzmarkt besorgten. Sie gewährt Einblicke in die erotischen Phantasien von Literaten und Illustratoren seit dem 17. Jahrhundert. Die Ausstellung zeigt allerdings auch fernöstliche Kamasutra-Zeichnungen und zeitgenössische Kunst wie Fotografien von Man Ray.

Und ganz so als würden Porno-Portale im Internet und das obligatorische Mädchen auf Seite 3 nicht existieren, nahm die Hysterie bereits im Vorfeld der Ausstellung groteske Züge an. Der "Independent" riet schon mal vorsorglich - und herrlich britisch bigott - Herzschwachen dringend vor dem Besuch der Nationalbibliothek ab. Und die französischen Medien debattierten heftig über eine Altersbegrenzung. Mit Folgen: Nun ist der Eintritt erst ab 16 Jahren gestattet.

Für die Pariser wird es trotzdem kein Entrinnen geben. Eine Station der Metrolinie 10, Croix Rouge, verwandelt sich ab Mitte Dezember für vier Wochen in eine erotische Haltestelle. Dort sollen Reproduktionen der Stiche, nur halbherzig hinter Vorhängen verborgen, einen Eindruck der sexuellen Geheimnisse aus vergangenen Jahrhunderten geben.

lw/tdo/AP

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