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Design aus den Niederlanden: Sessel, warum hast du so große Ohren?

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Auch die seltsamste Form hat eine Geschichte: Eine herrliche Ausstellung bringt neues niederländisches Design und historische Objekte aus dem königlichen Archiv in Den Haag zusammen. Die Schau ist im Schloss Oranienbaum bei Dessau zu sehen - und die Königin war auch schon da.

Eigentlich müsste in Kunstgewerbemuseen mehr los sein als bei Ikea. Denn alles, was dort ausgestellt wird, benutzen und kaufen wir heute noch, und man könnte sich von außergewöhnlich bemalten Kaffeetassen, Schalen und Gläsern, von bedruckten Stoffen und Tapeten sicher besser inspirieren lassen als von Billy-Regalen. Aber es ist fast immer leer in den Sälen, denn wer hat schon Lust, schöne Dinge hundertfach aufgereiht in langweiligen Vitrinen anzusehen und trotzdem wenig darüber zu erfahren. Auch Mode schaut man in Museen eher distanziert an, bestenfalls bestaunt man noch die schmal geschnürten Taillen der Damen, die glänzenden Stoffe oder den blitzenden Schmuck.

Wie spannend kulturelles Erbe allerdings sein kann, wenn das Traditionelle zusammen mit dem Modernen ausgestellt wird, zeigt jetzt die wunderbare Schau "Dutch Design - Huis van Oranje" im Schloss Oranienbaum bei Dessau. Hier wird neues niederländisches Design mit historischen Objekten in allen Räumen des Schlosses zusammengebracht: Fast 350 Mode- und Designentwürfe von rund hundert niederländischen Designern zeigen, wie sich die Künstler für die Geschichte ihrer Disziplinen interessieren, wie sie sich an den handwerklichen Techniken und Materialien von einst orientieren und auf historische Formen und Materialien zurückgreifen. Allen ausgestellten Entwürfen von Designern wie zum Beispiel Viktor & Rolf, Hella Jongerius, Iris van Herpen, Pauline van Dongen, Paul Heijne und Gijs Bakker sind alte Gegenstände aus dem königlichen Hausarchiv in Den Haag gegenübergestellt.

Zur Ausstellung kamen als erste Besucher die niederländische Königin nebst dem neuen Bundespräsidenten. Vermutlich ist der nicht so sehr an Kleidern von Iris von Herpen interessiert, aber er ist neben der Königin Schirmherr der Restaurierung von Schloss Oranienbaum, das mit der Ausstellung erstmals wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Ernsthaft und ironisch

Die Königin hat gleich mehrere Gründe für ihren Besuch, denn erstens ist holländisches Design weltbekannt und zweitens ließ das Schloss vor knapp 330 Jahren ihre Vorfahrin bauen, die niederländische Prinzessin Henriette Catharina von Oranien-Nassau, und die legte Wert auf einen edlen niederländischen Barockstil.

Nach dem Fall der Mauer begann die notwendige Restaurierung des Schlosses, heute sind rund 50 Zimmer fertig. Fast jeder Raum hat ein anderes Fußbodenmuster, jedes Zimmer ein anderes Stuckornament, und alle Leinentapeten haben unterschiedliche Motive. In allen Räumen, von einer Porzellangalerie bis zum vollständig gefliesten Sommerspeisesaal, werden entsprechend der ursprünglichen Raumfunktion zeitgenössische Möbel, Schmuckstücke, Accessoires und Couture-Kleider ausgestellt, immer zusammen mit wertvollem altem Kunsthandwerk und Gemälden aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande.

In den Oranjesaal zum Beispiel hat der Designer Wouter Dolk eine hellgraue Tapete mit orangefarbenen Vögeln gehängt, Jurgen Bey steuert zwei Ohrensessel mit verschiedenen Ohren bei, und von Diederick Kraaijeveld kommen die bunten, ironischen Holzrelief-Porträts von Prinzessin Máxima und Königin Beatrix über den Kaminen.

Ernsthafter gemalt sind dagegen die meisterlichen Familienporträts an den Wänden, und viele zeigen, wie wenig sich die Haltung zur Mode durch die Jahrhunderte im Vergleich zu der Auffassung von heutigen Designern wie Iris van Herpen oder Victor & Rolf unterscheidet. Denn früher hatten es die Damen in ihren Korsagen mit Blumenschmuck und mit hochstehenden Spitzenkragen auch nicht unbequemer als die heutigen Trägerinnern der steifen Hightech-Kleider van Herpens.


"Dutch Design - Huis van Oranje". Oranienbaum-Wörlitz. Schloss Oranienbaum. Bis 30.9. Tel. 034904/202 59.

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