Architektur-Ausstellung: Isländisches Moos

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Zwar musste Island Holz und Backstein importieren. Aber Häuser bauten die Isländer trotzdem fleißig. Die Bauwirtschaft boomte - bis die Wirtschaft abstürzte. Eine Ausstellung in der isländischen Botschaft in Berlin stellt die Architektur des Landes vor.

Was passiert, wenn ein jahrhundertelang armes Land plötzlich zu einem der reichsten Länder Europas wird und nur ein paar Jahre später der totale Absturz kommt? Island war ab 1994 ein Musterbeispiel neoliberaler Wirtschaftskonstrukte - bis im Oktober 2008 das Konstrukt kollabierte. Die Banken brachen zusammen, die Währung stürzte ab, dem Land drohte der Staatsbankrott. Der Immobilienmarkt war kaputt, Hausbesitzer überschuldet. Die von Investoren und willigen Architekten gebauten, großen Gebäude im internationalen Stil und landesfremder Bauweise blieben, viele als Bauruinen.

Vor diesem Hintergrund stellt die Ausstellung "Island und Architektur?" im Berliner Felleshus der Nordischen Botschaften die Fragen, ob es "überhaupt Architektur in Island gibt" und ob es für Architektur in Island "eine Zukunft" gibt. Ab Freitag ist die vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt anlässlich der Buchmesse im vergangenen Jahr kuratierte Schau in der isländischen Botschaft zu besichtigen.

Auf sachlichen, modernen Fotografien von Gudmundur Ingólfsson sind alte und neue Gebäude zu sehen, gestaltete Freizeitarchitektur mit viel Wasser und Landschaften mit minimalen Eingriffen, die als Gestaltung kaum zu erkennen sind. An Stellwänden hängen die Bilder zusammen mit Texttafeln. Auf Flatscreens kann man Interviews von sieben Architekten, Planern und Kritikern rezipieren.

Der Architekt Pétur H. Ármannsson beschreibt hier etwa alte traditionelle Herstellungsweisen, nach denen man Häuser aus Torf, Gras und Erde baute. Das Land hatte kaum eigene Baumaterialien wie Backstein oder Holz. Weil in den vergangenen 1000 Jahren die isländischen Wälder verschwanden, vor allem, weil Schafe die nachsprießenden Bäume fraßen oder zertraten. Also führte man Bauholz aus Norwegen ein.

Das rote Holzhaus in Rahmenbauweise auf einem Foto ist ein Ergebnis dieses Materialtransfers, der bis 1915 sogar vorfabrizierte Holzhäuser nach Island brachte. Auch das erste Steinhaus ist zu sehen, es dient bis heute als Parlamentsgebäude in Reykjavík.

Gebäude ohne Nutzungspläne

Ein eigener Stil moderner Architektur wie in Finnland oder Dänemark entwickelte sich in Island nicht, aber es gibt wunderbare Gebäude im Land, auf die man stolz ist wie etwa auf die Kirche Hallgrímskirkja des Architekten Gudjón Samúelsson in Reykjavík. Ögmundur Skarphédinsson, einer der wichtigen Architekten Islands, erzählt, dass Samúelsson genau wusste, wie er argumentieren musste, um Interesse für ein Bauvorhaben zu wecken: "Das ist isländisch, es entspringt isländischer Tradition, wir arbeiten auf der Grundlage isländischer Vorgehensweisen und verwenden isländische Motive in unserer Architektur."

Diese Kirche habe einen großen Einfluss auf seine eigenen Entwürfe gehabt, sagt Skarphédinsson, auch auf das gerade fertiggestellte Saga-Institut für alte Kulturschätze Islands - eines der wenigen öffentlichen Gebäude, die in den letzten Jahren überhaupt noch gebaut wurden. "Sonst ist alles zum Stillstand gekommen, Straßen, Brücken und Flughäfen", sagt Skarphédinsson, und er übt Selbstkritik: "Wir haben Gebäude gebaut, für die es keine eindeutigen Nutzungspläne gab", "alle haben mitgemacht, auch die Stadt", und er wisse heute, dass es ein Fehler war, "unkritisch den nächsten großen Bauboom anzusteuern".

Auch das Architektenpaar Margrét Hardardóttir und Steve Christer vom Studio Granda sieht das ähnlich. Die beiden haben als junge Architekten noch vor dem Wirtschaftsboom das Rathaus von Reykjavik gebaut, das komplett im Wasser steht und eine Mooswand hat, die heute als Pionierleistung für vertikale Anpflanzungen gilt. Danach bauten sie den Obersten Gerichtshof und die Städtische Kunsthalle in Reykjavik. Heute arbeiten die beiden nur noch allein in ihrem Büro und sagen, dass sie in den nächsten zehn Jahren wohl nichts Neues bauen werden und so genug Zeit haben, "das, was falsch lief, wieder gerade zu biegen".

Ihre Kollegin Sigrídur Sigthorsdóttir hingegen hat eine erfolgreiche Nische gefunden. Mit dem Bau ihrer berühmten Blauen Lagune in spektakulärer Lava-Landschaft wurde sie bekannt und baut seitdem Spa- und Thermalbäder in Island und Norwegen. In den Interviews kommt neben Architekten auch ein Stadtrat zu Wort, zuständig für Stadtplanung.

Die Bilder hässlicher und unfertiger Bauten auf den Stellwänden untermauern seine Kritik an der Verzahnung von Architektur- und Stadtplanung und Wirtschaftsboom, die bis heute Folgen hat: Den Investoren, die längst weg sind, gehört das Land mit gültigen Planungsrechten immer noch, und so kann die Stadt weder die erfolgten Bausünden, Baustellen und Gebäuderuinen entfernen, noch kann sie die Leerstellen in der Innenstadt bebauen. Immerhin wurde die Konzerthalle mit einer Fassade von Olafur Eliasson fast fertiggestellt, aber ob die Stadt sie betreiben kann, ist ungewiss.

Diese Frage brauchen sich die "Freunde des Wassers", die Vatnavinir-Kollegen, nicht stellen. Architekten, Designer, ein Philosoph, Künstler und Ökonomen gründeten die Gruppe einen Monat vor dem Finanzdesaster und sie betreiben seitdem "minimalinvasive Architekturprojekte". Das kann die Renovierung alter vorhandener Bäder sein oder der Bau einer kleinen Sauna mitten im Land an einem warmen Wasserloch. Oder die Idee, anstelle einer Brücke einfach große Steine in einen Fluss zu legen, über die man die andere Seite erreichen kann. Dafür, also für Nicht-Architektur - wurde Vatnavinir für den Global Award for Sustainable Architecture als Preisträger des Jahres nominiert.

Schöner kann nach dem Investoren-Größenwahn der Beweis nicht ausfallen, dass auch ohne Geld und Boom die Architektur in Island eine Chance hat.


"Island und Architektur?". Isländische Botschaft im Felleshus der Nordischen Botschaften. 23.11- 6.1.2013.

Kostenloses Seminar zur Ausstellung am 23.11., 18 Uhr, Anmeldung unter infoberlin@mfa.is

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