Karikatur-Ausstellung Putins dicke Kullertränen

Seit dem Anschlag auf die Redaktion des Satire-Magazins "Charlie Hebdo" ist die politische Karikatur viel diskutiert worden. In einer Ausstellung geben Zeichner aus Osteuropa jetzt Einblick in ihre Arbeiten. Hier eine Auswahl.

Von Maria Ugoljew


Wenn Sergey Elkin zum Stift greift, kommt Wladimir Putin aufs Papier. Der Karikaturist aus Moskau hat an dem russischen Präsidenten einen Narren gefressen. Dieser mächtige Mann, der die Welt mit seiner Politik seit Jahren in Atem hält, wird bei Sergey Elkin zu einer Witzfigur mit großer Nase, Glubschaugen und Pausbäckchen. Ein Staatsoberhaupt, dem in seiner schwarzen Limousine eine dicke Kullerträne über die Wange läuft - vor Freude, weil ihm auf der Straße angeblich das Volk entgegenjubelt. Die Menschen mit Plakaten in der Hand hat Sergey Elkin aber nur auf die Fensterscheiben des Fahrzeugs gezeichnet. Die Straße - die ist eigentlich menschenleer.

Diese und andere Karikaturen zeigt der Moskauer, Jahrgang 1962, auf der Ausstellung "Macht. Politische Karikatur in (Ost-)Europa" in Berlin, organisiert vom Verein iDecembrists. Dessen Ziel ist es, mit verschiedenen Projekten die Zivilgesellschaften im postsowjetischen Raum zu stärken - und so etwas gegen das System Putin zu unternehmen.

Während der Vernissage im Silent Green Kulturquartier - einem ehemaligen Krematorium in Berlin-Wedding - äußerte sich Sergey Elkin zu seiner Putin-Affinität. Vor allem die stets verschlossene Mimik des Präsidenten reize ihn. Was denkt dieser Mensch? Es bleibt ein Rätsel, das der Künstler versucht, mit Humor zu lösen. Probleme habe er wegen seiner Zeichnungen noch nie bekommen: "Ich glaube, Putin hat daran kein Interesse, er steht über solchen Dingen."

Starke, direkte Bildsprache

Denis Lopatin hat da ganz andere Erfahrungen gemacht. Der 38-jährige Karikaturist wohnt auf der Halbinsel Kamtschatka. Schon mehrfach stand er wegen seiner Arbeiten vor Gericht, auch der Geheimdienst FSB hatte ihn vorgeladen. Seine Acrylbilder, die er in seiner Heimat nicht zeigen darf, kommen in Berlin mit bitterem Ernst daher: Wladimir Putin wird bei ihm zum Bettler; Tschetscheniens Präsidenten Ramsan Kadyrow fordert er zum Wohle der Gemeinschaft zum Selbstmord auf.

Wegen seiner Bilder ist auch Gunduz Aghayev staatlicher Repression ausgesetzt. Sein Heimatland Aserbaidschan musste er verlassen. Mithilfe der Organisation Reporter ohne Grenzen, die die Ausstellung unterstützt hat, gelang ihm die Flucht nach Europa. Besonders in Erinnerung bleibt jene Zeichnung mit Baschar al-Assad, der unschuldig blickend eine geköpfte Justicia vergewaltigt. Neben ihm steht ein IS-Kämpfer, der Kopf des Opfers in der Hand hält.

Die starke, direkte Bildsprache setzt Gunduz Aghayev immer wieder ein. Sie lässt einen erschaudern - auch dann, wenn er den G20-Gipfel kommentiert. Während sich hinten im Bild die Staatsoberhäupter fürs Gruppenfoto aufstellen, liegt vor ihren Füßen ein meterhoher, blutiger Berg aus Leichen. Auf Instagram #gunduzagaev schreibt der Künstler dazu: "Krieg heißt Tod, heißt Selbstmord. Jede Nation massakriert die andere und die ganze Menschheit. Dennoch sind die Menschen in der Lage, die Plage zu beenden."

"Man muss reden"

Mit Konstantin Kasanchev zeigen die Organisatoren der Ausstellung auch Werke eines mehrfach ausgezeichneten Karikaturisten aus der Ukraine. Kasanchev, Jahrgang 1956, hat in den Achtzigerjahren seine erste Karikatur veröffentlicht, damals noch als Student. Es folgten zahlreiche nationale wie internationale Auszeichnungen, Einzel- und Gruppenausstellungen. Heute lebt und arbeitet er in Kiew.

Das Publizieren in Zeitungen sei auch für ihn schwieriger geworden, aber nicht unmöglich, sagt Kasanchev. Eine breitere Öffentlichkeit würde er durchs Internet erreichen. Dort herrsche ein reger Meinungsaustausch. Auch Trolle mischten sich unter die Kommentare. Doch die Reaktionen stören ihn nicht. Die politische Karikatur sei ein Genre, das Gespräche anregen möchte. "Man muss reden", fordert Konstantin Kasanchev.

Ins Gespräch kommen - das ist auch das Ziel des Vereins iDecembrists. Auf ihrer Seite stellen die Organisatoren die Karikaturen der Ausstellung deshalb online. Auf die Frage, wie lange sie dort zu sehen sein werden, sagte Vereinsmitglied Anton Himmelspach augenzwinkernd: "So lange wie Putin an der Macht ist. Man munkelt ja bis 2024."

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