Ausstellung "Leibhaftig" Zerstört und zerstückelt

Wie Menschen sich gegenseitig Leid zufügen, haben Künstler in Bildern und Skulpturen immer wieder festgehalten. Eine Ausstellung im Arp Museum in Rolandseck zeigt die Darstellung von Gewalt in der Geschichte der Kunst.


Dass der Mensch der übelste Feind des Menschen ist, dafür ist die gesamte Geschichte Beweis. Es wurde und wird geschunden, geschändet und gegeißelt, gemartert, gequält und gegrillt, gestochen, geschnitten und gelitten. Dieses Grauen dokumentiert und verarbeitet auch die Kunst. Die aktuelle Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck - vom amerikanischen Architekten Richard Meier gebaut und wunderschön am Rhein zwischen Bonn und Koblenz gelegen - folgt der blutigen Spur von zerstörerischer Gewalt und auch der Lust am Schmerz durch zweitausend Jahre Kunstgeschichte bis heute.

Die Schau basiert auf der berühmten Sammlung des Stuttgarter Tropenarztes Dr. Gustav Rau, die sich auf das Menschlich-Existenzielle konzentriert. Sie befindet sich im Besitz von Unicef und wurde dem Arp Museum zugänglich gemacht. In der aktuellen Ausstellung wird die Sammlung ergänzt um seltene Leihgaben und zeitgenössische Positionen wie die von Damien Hirst und Berlinde de Bruyckere. Rund 50 Gemälde und Skulpturen sind zu sehen. Sie machen das Leiden im wahrsten Sinne des Wortes leibhaftig.

Lust am Körper und Schmerz als religiöse Botschaft

Die schmerzhafte Lust am Körper wie auch der Schmerz, den man ihm zufügen kann, ist vor allem ein religiöses Thema. Denn es geht darum, das Leibliche zu überwinden und ins Geistige zu überführen. Die religiöse Kunst zeigt das Leiden anhand vom oft nackten Leib und seinen Wunden. Das große Repertoire an Märtyrern und Heiligen - Christus voran - bietet dafür hinlänglich Gelegenheiten, und so sind sie in der Ausstellung dann auch alle versammelt, genau wie die unvergessenen Heroen der Kunstgeschichte, die gleichzeitig Religionsgeschichte spiegeln.

Zu sehen ist der legitime Mord, der die biblische Doppelmoral entlarvt: Goliath wird von David hingestreckt, gut sichtbar im Bild von Guido Reni. Und Holofernes wird auf Wunsch von Judith einen Kopf kürzer gemacht - Cranach hat es im Bild festgehalten. "Die Helden des Alten Testaments sind die verführerischen Idole der frühen Neuzeit", sagt Museumsdirektor Oliver Kornhoff, besonders weil sie "mit ihren Reizen nicht geizen, sondern sich aggressiv-erotisch mit dem Schwert in der Hand ihrem Schicksal in den Weg stellen". Wie beispielsweise der nackte, athletische Herakles, der seine Feinde allerdings mit einer Keule statt mit scharfer Klinge bezwingt.

Demütig und passiv hingegen erduldet Christus seine Folter am Kreuz, das zum Symbol einer ganzen Weltreligion wird, als Zeichen dafür, dass der Tod überwunden werden kann. Von Christus und vielen Heiligen bleiben im Diesseits die Knochen-Reliquien gegenwärtig, die oft Dokumente von Folter und Qual, Gewalt und Schmerz sind, aber für andere als Heilsversprechen dienen. So erreicht der Kreislauf von Vergeltung und Versöhnung, Entsagung und Erlösung auch die gläubigen Nachfolgegenerationen - ein positiver Gedanke.

Lust als Kehrseite des Schmerzes

Genauso wohltuend ist, dass die Ausstellung auch die Lust als positive Kehrseite des Schmerzes zeigt. Mit dem 18. Jahrhundert und der Aufklärung verschwinden Folter, Terror und versehrte Körper zunehmend aus den Bildwelten - zumindest in ihrer mittelalterlichen Drastik. Barock und Rokoko laden in ein leichtlebiges Himmelreich mit allerlei fleischlichen Gelüsten ein, dessen Ausläufer bisweilen schon bis in die Parks und Schlösser der Fürsten reichen, wie einige virtuos in Szene gesetzte irdische Paradiese auf den Bildern zeigen.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wird der Körper, auch durch die Entwicklungen der Fotografie, mehr und mehr verweltlicht und mit Bedürfnissen nach Sättigung, Rausch und anderen Vergnügungen abgebildet. Auf Gustave Courbets Gemälde "La Bacchante" hat der Gott des Weines und des Rausches eine nackte Gespielin außer Gefecht gesetzt. Außerdem sind es jetzt oft Lust und Leiden der Liebe, die die Darstellung des eindeutig erotisch besetzten Körpers umranken.

Erst die Zeitgenossen tragen die Dialektik von Lust und Schmerz offen aus. Mit der Geste eines Imperators grüßt Damiens Hirsts goldener "Bartholomäus", der seine abgezogene Haut triumphierend auf ausgestrecktem Arm vor sich her trägt. Die irdische Hülle ist endgültig abgestreift - er hat es hinter sich. Gleichzeitig glänzt seine goldene Oberfläche und verspricht ewig strahlende Schönheit.

Dagegen sind Berlinde de Bruyckeres dahingesunkene, ausgemergelte Körper im Schmerz aufgelöst. Schutzlos nackt liegt ihre Pietà-Figur da, als ob sie sich einer unbestimmten Empfängnis hingibt und dabei Leid und Qual empfindet.


Ausstellung: Leibhaftig. Der menschliche Körper zwischen Lust und Schmerz. Kunstkammer Rau im Arp Museum Bahnhof Rolandseck, 25.5.2014 bis 25.1.2015.



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DaChris 20.05.2014
1. Zerstört und zerstückelt
Ich finde, das Mittelalter war eine der brutalsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Deswegen verstehe ich den aktuellen Hype um die Mittelalterszene nicht. Jeder spielt Ritter, Adeliger oder sonst was. Keiner will Kanonenfutter oder den einfachen Bauern spielen. Dann kloppen sie sich in voller Rüstung und schweren Metalschwerten bis der ein oder andere wegen Erschöpfung aufgibt oder verletzt ist. Sie sprechen sich in mittelalterlichen Namen an (nicht nur auf dem Lager) und ernennen Hauptmänner und Lagerführer. Frauen bekommen ihre alten Rollenbilder aufgedrückt. Für mich eindeutige Anzeichen für die Rückentwicklung der Gesellschaft.
Spiegeluniversum 20.05.2014
2.
Zitat von DaChrisIch finde, das Mittelalter war eine der brutalsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Deswegen verstehe ich den aktuellen Hype um die Mittelalterszene nicht. Jeder spielt Ritter, Adeliger oder sonst was. Keiner will Kanonenfutter oder den einfachen Bauern spielen. Dann kloppen sie sich in voller Rüstung und schweren Metalschwerten bis der ein oder andere wegen Erschöpfung aufgibt oder verletzt ist. Sie sprechen sich in mittelalterlichen Namen an (nicht nur auf dem Lager) und ernennen Hauptmänner und Lagerführer. Frauen bekommen ihre alten Rollenbilder aufgedrückt. Für mich eindeutige Anzeichen für die Rückentwicklung der Gesellschaft.
Klar, weil Hobbies, wie Rollenspiele ja auch das wirkliche Leben darstellen. Dürfen Kinder jetzt auch nicht mehr Piraten spielen?
lizard_of_oz 20.05.2014
3. "das Mittelalter war eine der brutalsten Epochen"
Zitat von DaChrisIch finde, das Mittelalter war eine der brutalsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Deswegen verstehe ich den aktuellen Hype um die Mittelalterszene nicht. Jeder spielt Ritter, Adeliger oder sonst was. Keiner will Kanonenfutter oder den einfachen Bauern spielen. Dann kloppen sie sich in voller Rüstung und schweren Metalschwerten bis der ein oder andere wegen Erschöpfung aufgibt oder verletzt ist. Sie sprechen sich in mittelalterlichen Namen an (nicht nur auf dem Lager) und ernennen Hauptmänner und Lagerführer. Frauen bekommen ihre alten Rollenbilder aufgedrückt. Für mich eindeutige Anzeichen für die Rückentwicklung der Gesellschaft.
Sie haben eben keine Ahnung von Geschichte, muss man nicht zwingend mit angeben aber dafür sind sie damit in reicher Gesellschaft, also merken es nicht allzu viele. Aber zu allem eine Meinung und andere, die Sie überhaupt nicht kennen verurteilen, das können Sie! Es ist eben nicht für jeden die Erfüllung aller Träume, sein Leben in der virtuellen Realität zu verbringen oder Bällen nachzujagen. Ihr Kommentar ist für mich ein Beweis, dass der Sozenstaat mit seiner mänschlischn Toleranz für alles und jeden vollumfassend versagt hat, wenn Sie bei solch harmlosen Dingen schon herumtoben. Das mit dem Glück und der Façon ist eben schon weit über 200 Jahre her...
DaChris 20.05.2014
4. Kein Deut besser
Erstens, ich verbiete keinen seine Hobbies. Kann doch jeder machen was er will. Zweitens, wenn sie glauben, ich sollte meine Meinung für mich behalten frage ich mich, für was ein Forum dann gut ist wenn nicht dafür, sich über so etwas zu unterhalten. Toleranz ist im übrigen auch, die Meinung anderer zu akzeptieren, auch meine, die anscheinend nicht die ihre ist.
benmartin70 20.05.2014
5.
Zitat von DaChrisIch finde, das Mittelalter war eine der brutalsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Deswegen verstehe ich den aktuellen Hype um die Mittelalterszene nicht. Jeder spielt Ritter, Adeliger oder sonst was. Keiner will Kanonenfutter oder den einfachen Bauern spielen. Dann kloppen sie sich in voller Rüstung und schweren Metalschwerten bis der ein oder andere wegen Erschöpfung aufgibt oder verletzt ist. Sie sprechen sich in mittelalterlichen Namen an (nicht nur auf dem Lager) und ernennen Hauptmänner und Lagerführer. Frauen bekommen ihre alten Rollenbilder aufgedrückt. Für mich eindeutige Anzeichen für die Rückentwicklung der Gesellschaft.
Wenn's den Leuten Spaß macht, wieso nicht. Viel bedenklicher finde ich den Hang bei der klerikalen Kunst Grausamkeiten darzustellen. Bartholomäus läuft gehäutet mit der eigenen Haut auf dem Arm durch die Gegend? Wie krank ist denn sowas....? Vom gekreuzigten Jesus mal ganz abgesehen.
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