Thomas-Ruff-Schau Der Vorort im Nachtsichtgerät

Abdrücke von Objekten auf Fotopapier und computergefärbte Maharadschas - die Genter Ausstellung "Lichten" zeigt nicht nur spannende Phasen des Werkes von Thomas Ruff, sondern sie zeichnet die moderne Geschichte der Fotografie nach.


Was der Pinsel für den Maler, ist das Licht für den Fotografen. Nicht umsonst nannte man das Medium in seinen Anfängen noch Lichtbild. Doch welche Rolle spielt das Licht heute noch für die Fotografie, wo ihre Produkte doch im digitalen Wunderland entstehen - in der Dunkelkammer des Computers, wo weder Chemie noch Alchemie wirksam werden? Das fragt jemand, der die vielfältigen Möglichkeiten des lichtbildnerischen Mediums immer wieder aufs Neue erprobt hat: der Fotograf Thomas Ruff, 1958 im Schwarzwald geboren, Becher-Schüler an der Düsseldorfer Akademie, dann zu Erfolg und Ehren gekommen und auf der Biennale in Venedig 1995 als Vertreter Deutschlands entsprechend gewürdigt - als einer der ganz Großen mit der Kamera, die er im Grunde aber schon längst gegen die Maus ausgetauscht hat.

Eine kluge, vom deutschen Kurator Martin Germann konzipierte Ausstellung im Genter S.M.A.K., einem der wichtigsten Kunsthäuser Belgiens, zeigt anhand von fünf Serien, wie Ruff in verschiedenen Werkphasen und über einen Zeitraum von 35 Jahren hinweg dem Licht und seiner Magie auf der Spur geblieben ist - ob nun echt oder simuliert, ob natürlich oder virtuell. Im Zentrum der Schau, die anschließend in die Düsseldorfer Kunsthalle wandert, stehen zwei neue Werkreihen: zum einen die "Phg's", die Fotogramme, die Ruff seit 2012 thematisch verfolgt, und zum anderen die "Negative" aus diesem Jahr.

Weg mit der Kamera

Mit den Fotogrammen schließt Ruff an eine in der Moderne beliebte Form der abstrakten Bildkomposition an, bei dem Objekte zum Belichten direkt auf das Fotopapier gelegt werden. Ruff überwindet das klassische Verfahren, indem er den hochästhetischen Effekt - von der Transparenz bis hin zu Solarisierung - rechnerisch-digital im Computer durchspielt - und gleichzeitig in eine neue Farbigkeit überführt.

Dafür hat er in enger Kooperation mit dem Forschungszentrum Jülich bei Aachen gearbeitet, einem der größten Forschungszentren in Europa, das seine atomare Vergangenheit als Kernforschungszentrum längst hinter sich gelassen hat. Sein Supercomputer-Zentrum ist auf höchstem Niveau mit unvorstellbaren Tausend Trillionen Rechenoperationen pro Sekunde, und diese Maximalauslastung haben Ruffs Arbeiten für ihre höchstmögliche Bildauflösung beansprucht. Die Kooperation zeigt das wissenschaftliche Interesse Ruffs, der sich Rechner-Giganten zunutze macht und ihre technologischen Möglichkeiten ausreizt, aber dabei ganz in der Tradition der forschenden Künstler bleibt.

Nostalgische Momente gibt es auch, in seiner Serie der "Negative" geht Ruff zurück auf das inzwischen veraltete Bildverfahren, bei dem aus dem Negativ ein positives, realistisches Abbild wird. Er verfremdet den visuellen Effekt, in dem er den originalen Sepiaton beim Abbild in einen Blau-Ton - ähnlich einem Blueprint - verwandelt. Die Bildvorlagen Ruffs kommen aus einer Serie von indischen Maharadschas aus dem 19. Jahrhundert, die mit ihrer exzentrischen Prunksucht für die Schnittstelle von alter Macht und aufkommender Moderne stehen.

Bilder von der Milchstraße

Dazu kommen in der Ausstellung Bilder aus der Serie "Sterne" (1989-1992), kein überraschendes Thema, denn eigentlich wollte Ruff Astronom werden. Es habe ihn immer fasziniert, dass wir Sterne sehen, "deren Licht vor vier Jahren, acht Millionen oder achtzehn Milliarden Jahren gestartet ist", und die jetzt "alle gleichzeitig auf dieser lichtempfindlichen Platte erscheinen", sagt Ruff. Ein abstraktes Bild hat er daraus gemacht, mit weiß strahlenden Punkten auf schwarzem Grund, wie Licht, das durch Löcher im Bildgrund scheint. Und auch bei dieser Bildproduktion half die Wissenschaft, denn Ruff benutzt Material aus einem Observatorium in Chile.

Zu der Serie "Nächte" (1992-96) haben den Künstler Infrarot-Nachtbilder aus dem Golfkrieg inspiriert, die selbst spärlich vorhandenes Licht optisch intensivieren. Auf seinen Aufnahmen mit Nachtsichtgeräten und Restlichtverstärkern werden Plätze und urbane Vororte zu konspirativen Orten, und das Normale und Banale wirkt plötzlich beunruhigend und verdächtig.

Am Ende kommt man schließlich bei Ruffs frühen, atmosphärisch ausgeleuchteten "Interieurs" (1979-83) an, die er kompositorisch distanziert, präzise und farbig im Bild eingefangen hat. Mit diesen Bildern emanzipierte Ruff die Farbfotografie als Dokumentationsmedium.

Ein Porträt der Fotografie mit eigenen Mitteln - so kann man die Ausstellung insgesamt beschreiben: Ruff systematisiert und typologisiert sein eigenes, experimentelles Werk. Dabei geht es ihm nicht nur um wissenschaftliche Methoden und um die Geschichte des Mediums selbst als ein zentraler Katalysator der Moderne, sondern auch um die Fotografie als Dokument von Objektivität und als Medium subjektiven Ausdrucks.


Thomas Ruff - "Lichten". S.M.A.K., Gent, 17.5.-24.8., danach wahrscheinlich vom 29.9.-11.1.2015 in der Kunsthalle Düsseldorf.



insgesamt 3 Beiträge
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rakatak 13.05.2014
1. Dünn, sehr dünn ...
Zitat von sysopThomas Ruff/ VG-Bildkunst Bonn 2014Abdrücke von Objekten auf Fotopapier und computergefärbte Maharadschas - die Genter Ausstellung "Lichten" zeigt nicht nur spannende Phasen des Werkes von Thomas Ruff, sondern sie zeichnet die moderne Geschichte der Fotografie nach. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ausstellung-lichten-von-thomas-ruff-im-s-m-a-k-in-gent-a-968975.html
Das ist dünn, sehr dünn. Seine Arbeiten faszinieren nur die, die weder Photoshop noch sonst irgendwelche digotalen "Wunder" kennen. Es ist einfach belanglos, wenn einer irgendwelche Fotos aus dem Netz zieht und mit Bearbeitungssoftware verwurstet. Da mag er noch so berühmt sein, nichts bleibt einfach nur nichts. Ein "ganz Großer" ist er sicherlich nicht, auch wenn der Kunstmarkt mit aller Macht versucht, ihn aufzublasen.
woodeye 13.05.2014
2. @ rakatak
Ich schliesse mich Ihrer hoeflichen Kritik an, wobei das eigentlich Bedenkliche im zweiten Teil Ihres letzten Satzes ausgedrueckt ist. Mit welch perfiden Methoden dies geschieht, habe ich per Zufall erfahren, als es um einen (laengst verstorbenen) "mittelbegabten Maler" ging, dessen Kunstwerke durch raffiniert angelegte Strategien und Taktiken astronomische Preise erzielen sollten. Seitdem bin ich sehr ernuechtert, was den s.g. Kunstmarkt betrifft.
sixtymirror 19.05.2014
3. Ich weiß nicht...
Wie ich die Bilder bewerten würde, kann ich nicht sagen, wenn ich die Originale (Prints, oder Dateien?) nicht gesehen habe. Ich denke, die sind sehr groß. Sonst hätte ich keine Erklärung, warum Superrechner zum Einsatz kommen. Vielleicht ist das auch nur Schaumschlägerei, mit den Supercomputern. Erstmal sehen die Bilder so aus, als ob ein Computer für 500 oder 1000 Euro das genauso könnte.
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