Kunstschau "Made in Germany Zwei" Und wo geht's um die heiße Ware?

Wie füllt man ein erfolgreiches Label? Diese Frage stellten sich die Macher der Ausstellung "Made in Germany", die nun in Hannover erneut in Deutschland lebende Künstler präsentiert. Herausgekommen ist eine Mischung mit Schönem und Schlauem - und einer Lücke.


Frei ist die Kunst, das ist abgemacht, aber wenn sie ausgestellt wird, dann wird sie schon mal in ein Titelkorsett gezwängt und mit einem Etikett versehen. "Made in Germany" ist so ein Titel, der zum ersten Mal in Hannover vor fünf Jahren, parallel zur Documenta, für eine Gruppenausstellung mit "52 Künstlern der jüngeren Generation, die in Deutschland leben und arbeiten" benutzt wurde. Um deutsche Wertarbeiter mit deutschem Pass und nationalem Qualitätssiegel sollte es also nicht gehen und ebenso wenig um deutsche Kunst. Außer dem Produktionsstandort und dem Label "Jung" verriet der Titel aber nichts, weder um welche Inhalte, Gemeinsamkeiten, noch um was für Kunst es sich handeln würde.

Damals kamen zu der Schau in drei hannoverschen Institutionen statt der erwarteten 35.000 gleich 60.000 Besucher. Sicher ist das der ausschlaggebende Grund dafür, dass es nun wieder eine Gruppenschau gibt, unter dem Namen "Made in Germany Zwei". Der Titel ist dank einer Werbekampagne, dem Vernehmen nach im sechsstelligen Bereich, zum Label geworden.

Am Mittwoch wird "Made in Germany Zwei" in Hannover eröffnet, die Ausstellung läuft wieder parallel zur Documenta, und wieder haben sich die drei Institutionen Sprengel Museum, Kestnergesellschaft und Kunstverein zusammengetan und stellen gemeinsam insgesamt 44 künstlerische Positionen aus. Von den 45 beteiligten Künstlern sind 21 nicht in Deutschland geboren, 20 sind Frauen und 33 von ihnen leben in Berlin.

Dieses Mal ist das kuratorische Konzept klarer als vor fünf Jahren, weil das sechsköpfige Team aus den drei Häusern früh mit der Künstlerrecherche begonnen und nach verbindenden Herangehensweisen gesucht hat. Geordnet ist die Ausstellung in sechs Schwerpunktthemen: "Räume", "Narrativität", "Vernetzungen", "Gestern im Heute", "Das Übersinnliche" und "Das Medium als Material". Durchlässig seien alle Kategorien, um eine Themenausstellung gehe es nicht, betonen die Kuratoren, alle Themen sind auf alle Häuser verteilt, und viele Künstler sind in mehreren Kategorien zu verorten.

Historie und ein bisschen Spuk

Wie zum Beispiel der Brite Simon Fujiwara, 30, der seine wunderbare Installation "The personal effects of Theo Grünberg" im Kunstverein aufgebaut hat. Ausgangspunkt ist eine gefundene Kiste mit erotischer Literatur, die einem Theo Grünberg gehört habe, behauptet Fujiwara. Er suchte im Netz nach Grünberg, fand gleich drei Biografien und rekonstruierte daraus einen Grünberg, der 136-jährig im Jahr 2008 starb. Dessen Nachlass aus fast tausend Büchern, darunter Marx, Lyrik und Tagebücher, mit Schallplatten, Zeitungsausschnitten und Postkarten, zeigt Fujiwara in sechs zu einem Kreis zusammengestellten Bibliotheksschränken und rekonstruiert daraus die Lebensgeschichte eines Forschers und Biologen, der fremde Länder bereiste, mit der DDR zu tun hatte und Erotik nicht abgeneigt war. Grünbergs Geschichte erzählt der Künstler selbst auf einem Monitor. Wahrheit? Fiktion? Oder beides? Alles möglich. Auf jeden Fall erfüllt sich Fujiwaras Absicht, Geschichtsschreibung zu relativieren, wenn er reale Orte und Artefakte mit Fiktionen mischt und unmöglich erscheinende Möglichkeiten zur Diskussion stellt.

Auch Saâdane Afifs Installation ist narrativ und besteht aus einem Beziehungsgeflecht zwischen seinen Skulpturen, Lyrik und Musik. Afif hat einen Autor eingeladen, Texte zu seinen Bronzen zu schreiben, die wiederum von dem Komponisten Rainier Lericolais vertont wurden. Dann beleuchtet er die Skulpturen seines "Museum of Perfect Man" so lange mit einem Theaterstrahler, wie das für sie komponierte Stück dauert. Die Texte sind an der Wand zu sehen, dazu ein Plakat, das einen zum Lachen bringt: "Texte und assoziative Gedichte von Tom Morton - Décor von Saâdane Afif" steht da.

Zum Lachen gibt es sonst nicht so viel. Künstler in Deutschland verknüpfen, untersuchen und reflektieren eher ernsthaft und ohne Aufregungen. Skandale, Spektakel oder verrückte Utopien fehlen.

Dafür gibt es feine Fiktionen wie beim Film- und Videokünstler Reynold Reynolds, 46, dem ältesten Teilnehmer. Der zeigt seine Arbeit "The Lost" mit einer Installation und der Dokumentation eines niemals fertiggestellten Spielfilms aus den dreißiger Jahren, den er kürzlich wiederentdeckt hat und rekonstruieren will. Dafür dreht er einige Szenen in seiner Installation nach. Film-Material wie Drehbücher, Filmrollen und Storyboards liegen in Vitrinen aus. Kann man den in der Nazizeit gescheiterten Film wirklich restaurieren, so dass er Geschichte transportiert, kann man Zeit auf Zelluloid festhalten? Und was sind überhaupt die Möglichkeiten des Mediums Films - und die des Mediums Kunst? Und was ist eigentlich an der Geschichte wirklich dran?

Alle Möglichkeiten habe die Kunst, findet Dirk Dietrich Hennig, der einzige Künstler aus Hannover. Und er nutzt sie, indem er Künstlerpersönlichkeiten mit ganzen Lebensläufen, mit Archiven, Website und Rezeption erfindet, so perfekt, dass die Tate London einen Film von zwei seiner erfundenen Künstler zeigte, ohne von deren Nichtexistenz zu wissen. In der Kestnergesellschaft hat Hennig in zwei Räumen die Lebenssituation des belgischen Künstlers Jean-Guillaume Ferrée aufgebaut, der unter einer seltenen Krankheit leidet. Komisch ist die Idee, eine nach Originalität und Neuem lechzende Kunstszene hinters Licht zu führen, die ausgeführte Arbeit mit dem als lebensgroßer Figur anwesenden Künstler allerdings lässt eher an eine Puppenstube denken, als dass sie an "gesamtgesellschaftliche Verluste von Geschichtsbewusstsein angesichts einer überbordenden Gegenwart" erinnert, wie der Katalogtext es verspricht.

Zur Abteilung "Gestern im Heute" zählt der Berliner Maler Bernd Ribbeck. Der spürt den ästhetischen Strategien der Moderne auf sehr eigene Weise nach. Mit seinen vielschichtigen kleinen Bildern mit schönen geometrischen Figurationen bezieht er sich ebenso auf die Arbeiten bekannter Vorbilder wie Feininger, aber auch auf eine unbekannte schwedische Theosophin und erinnert damit an vergessene, aber mögliche Denkweisen, denen eine neue Betrachtung und Interpretation gebührt.

Museal mit Fachwerk und Stroh, Poesie und zu Zebras umfrisieren Eseln

Eine fast museale Präsentation unterschiedlicher Positionen ist im großen Ausstellungssaal des Kestnermuseums zu sehen. Olaf Holzapfels große Skulptur "Hannover Haus" aus Fachwerk nimmt genauso alte Techniken und einfaches Material auf, wie seine zwei geflochtenen, nach Heu riechenden Strohbilder; der junge Jan Paul Evers ist mit einer ganzen Reihe seiner schwarzweißen Fotografien zu sehen, und wunderschön hat Natalie Czech Kunst und Poesie, Bild und Text verbunden, wenn sie bildhaft das Gedicht "Il pleut" von Guillaume Apollinaire senkrecht wie fallende Regentropfen an die Wand anbringt und dessen Worte in den Texten anderer Autoren in der gleichen Form sucht und markiert.

Shannon Bool erzählt ohne Worte. Zum Beispiel auf zwei großen Fotocollagen die Geschichte des gestorbenen Zebras in einem Zoo im Gazastreifen, das wegen des israelischen Embargos durch einen mit Streifen besprühten Esel ersetzt wurde. Auch ihre großen ornamentalen Eisenskulpturen sind vielfältig lesbar, zum Beispiel als Nachbildungen vergitterter Fenster eines Frauengefängnisses und als ein Porträt-Versuch der Insassen, denn Bool hat die wenigen ganz persönlichen Dinge der Inhaftierten goldglänzend abgegossen und sie an die Gitter angekettet.

Politisch sind ihre Arbeiten und gleichzeitig sehr persönlich, genau wie die 59 Fotografien der Serie "Following the Circus" von Sven Johne, der einem kleinen Zirkus aus der ehemaligen DDR folgt und den Ort fotografiert, nachdem der Zirkus wieder abgereist ist - eine berührende Auseinandersetzung mit der Hinterlassenschaft der innerdeutschen Geschichte.

Auf ganz anderen Spuren sind die jüngsten Künstler Daniel Keller, 26, und Nik Kosmas, 27, die früher Aids-3D hießen und sich jetzt Keller/Kosmas nennen. Wie Kunst, Technologie, Ökologie, Ökonomie und sozialer Aktivismus zusammengeht, zeigen sie mit ihrer Installation "World Community Grid Water Features". Kitschige Zimmerspringbrunnen, die sie im Netz gekauft haben, sind mit einem Mini-Computer versehen. Läuft der Computer, leuchtet der Brunnen. Da die Computerzeit aber für die Ausstellung nicht genutzt wird, wird sie komplett an die Internet-Plattform "Community Grid" gespendet, die damit verschiedene internationale Hilfs- und Forschungsprojekte unterstützt. Zu sehen ist das nicht, man muss es lesen - und man muss seine Rezeptionsgewohnheiten umdenken.

Wer das nicht will, bleibt ratlos vor einigen Arbeiten, was man der Ausstellung allerdings nicht vorwerfen kann. Die gezeigte Kunst spiegelt wirklich die zeitgenössische Produktion wider, egal, wie das Verständnis und die Bewertung der Werke bei einem breiten Publikum ausfällt, das "Made in Germany Zwei" ansprechen will und muss.

Trotz einiger Einwände, besonders zum Titel, gibt die Ausstellung wie versprochen einen guten, unaufgeregten Überblick über das derzeitige Kunstgeschehen. Und das trotz offener Fragen zur Auswahl der Künstler, die manchmal dann doch so bekannt und damit so vielbeschäftigt sind, dass sie sich weder für die Ausstellung noch für den Kontext besonders interessieren. Wie zum Beispiel Cyprien Gaillard, der einmal gesehen wurde und danach eine Serie mit schön gerahmten Polaroids von Rissen in Fassaden und in Betonböden ablieferte. Einen Vorwurf kann man ihm noch nicht mal machen, denn so ist es heute mit dem Erfolg und dem Markt, der eine Ausstellung nach der anderen als Eventkultur produziert, an denen die eingeladenen Künstler teilnehmen, weil das ihren Markwert steigert.

Der Vorwurf geht eher an die Kuratoren, denn unter den sechs konstruierten Themen der Schau lässt sich zwar fast alles einordnen, nur das Thema "Kunst als Ware", als Markt-Tralala nicht. Dabei liegt das momentan jedem produzierenden Künstler und auch jeder Institution und jeder Galerie so nahe, dass es unbedingt in die Ausstellung gehört hätte. Zumal, wenn man als Logo der Schau einen bunten Strichcode hat.


Made in Gemany Zwei. Hannover. Sprengel Museum, kestnergesellschaft, Kunstverein Hannover. 17.5.-19.8.



insgesamt 2 Beiträge
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atpsych 15.05.2012
1. Kunst collee
Das Herr Henning Erfolg hat mit einem Konzept, das von den Situationisten über Ming bis Luther Blisset reicht, und das durch Emil Valentenini und Davide Muscillo in Bozen im Rahmen einer Diplomarbeit (DesArtUniBz) bereits in die Gesellschaft getragen wurde, wird einfach noch mal "nur" auf Kunst aufgekocht. Diese Masturbation des KunstBetriebes ist logische Konsequenz einer spekulierenden Gesellschaft. Und wird als das neue Alte das alte Neue. Neokonstruktiver Abkupferismus wird diese Episode der Kunstgeschichte genannt werden, oder Cleptomanic Arts. Ausdruck eines Systems das endlich voll in seiner Dekadenz angekommen ist. Und sich damit seiner eigenen Ideenlosigkeit in immer neuer "itztz hip itz now itz wow" hingibt.
Ernst Cornell 15.05.2012
2. Produktionsstandort
Seit wann ist der Produktionsstandort für die Kunst bedeutend? Was hat der Ort der Entstehung mit Qualität zutun. Wir sehen in der Ausstellung Arbeiten, die überall auf der Welt entstehen hätten können. Kunstmagazine, das Internet sind überall verfügbar. Kunst entsteht aus dem eigenen Leben, das kann man nicht in Kunstmagazinen und im Internet finden.
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