Ausstellung "Mathématiques" Eleganz des abstrakten Denkens

Was hat Kunst mit Mathematik zu tun? Sehr viel, sagen die Kuratoren und haben bildende Künstler und Rechenkünstler zu einer experimentellen Schau in der Pariser Fondation Cartier eingeladen.


Wenn Mathematiker über Formeln und Geometrie, Modelle, Muster und Zusammenhänge nachdenken und Künstler über Maßstäblichkeit, Perspektive, Konstruktion und Konzept, treffen zwei Welten aufeinander, die zwar fremd wirken, aber miteinander zusammenhängen - das jedenfalls will ab Donnerstag die Fondation Cartier in Paris mit ihrer Ausstellung "Mathématiques - Un Dépaysement Soudain" beweisen.

Als "ein unerwarteter Umgebungswechsel" ließe sich der Titel übersetzen, und der Mathematiker Jean-Pierre Bourguignon, einer der drei Kuratoren der Ausstellung, spricht davon, dass es Manchem wohl als eine "skurrile, wenn nicht gar ungereimte Idee" erscheinen mag, an einem Kunstort einen Austausch zwischen Künstlern und Mathematikern zu organisieren. Aber man wolle mit dieser "gewagten und experimentierfreudigen Initiative" neue Perspektiven eröffnen, das verheiße schon der Untertitel "A Beautiful Elsewhere" - eine schöne Alternative.

Und die sieht so aus: Für den Austausch haben die drei Verantwortlichen Jean-Pierre Bourguignon, der Astrophysiker Michel Cassé und der Direktor der Fondation Cartier, Hervé Chandès, sechs Mathematiker und acht Künstler gebeten, gemeinsam Möglichkeiten zu entwickeln, wie man Mathematik sehen, hören, machen, denken und interpretieren kann.

Kreativität und Phantasie gehören zu Mathematik und zur Kunst

Warum gerade der Mathematik so viel Aufmerksamkeit gilt? Weil sie eine Wissenschaft ist, die in unserem Alltag mit seiner Hochtechnologie wie zum Beispiel Mobiltelefone, Internet und Strich- oder Quick-Response-Codes angekommen ist, und weil Mathematik in allen wissenschaftlichen Disziplinen angewendet wird - in der Physik, Chemie, Biologie und Geologie, in der Wirtschaft, im Versicherungs- und Bankwesen oder auch in der Linguistik. Mit mathematischen Modellen der realen Welt, die einfach und zutreffend sein müssen, lassen sich Aussagen über das Wesentliche des abgebildeten Verhaltens machen und Lösungen finden - etwa mit deterministischen Lösungsmethoden oder mit statistischen Aussagen. Und auch für eine chaotische Welt gibt es Modelle, bei denen die Eigenschaften freies und abstraktes Denken, Kreativität und Phantasie einbezogen werden.

Über eben jene Eigenschaften verfügen die eingeladenen namhaften Mathematiker Sir Michael Atiyah, Alain Connes, Nicole El Karoui, Misha Gromov, Cédric Villani und Don Zagier; und auch die Künstler und Filmemacher Jean-Michel Alberola, Raymond Depardon und Claudine Nougaret, Takeshi Kitano, David Lynch, Beatriz Milhazes, Patti Smith und Hiroshi Sugimoto, die ausgewählt wurden, weil sie "zuhören und beobachten und wissbegierig sind" und weil man ihnen zutraut, "Hand in Hand" mit den Mathematikern deren Disziplin sichtbar zu machen.

Nun gab es schon immer die Erkenntnis, dass Mathematik ein Teil unserer Kultur ist. Primzahlen wurden schon vor Zehntausenden von Jahren von Menschen in Knochen geritzt, wie Grabungsfunde in Afrika zeigten. Und dass mathematische Grundgedanken zu Symmetrie, Proportion und Perspektive in der Kunst angewandt werden, zeigt nicht nur der "Goldene Schnitt", dessen Idealproportion von der griechischen Antike bis heute in Architektur und Bildender Kunst eingesetzt wird, sondern auch Leonardo da Vincis Beschäftigung mit der Naturwissenschaft oder Albrecht Dürers "Melencolia I" von 1514. Und die konstruktiv-konkrete Kunst der Moderne von Malern wie Josef Albers, Paul Klee, Piet Mondrian oder Max Bill wäre ohne Mathematik nicht denkbar, genauso wenig wie die "Fibonacci"-Arbeiten von Mario Merz oder Roman Opalkas Zahlenbilder. Dass aber Künstler mit Mathematikern zusammen reine Mathematik anwenden und daraus künstlerische Arbeiten entwickeln, das wird hier wohl zum ersten Mal geprobt und ausgestellt.

David Lynch zeigt zum Beispiel zusammen mit Patti Smith eine Installation zur Veröffentlichung "Library of Mysteries" des teilnehmenden Geometers Misha Gromov, in der Symbole für Wörter und Spiegel für Bücher stehen. "Man beginnt zu lesen, und die Konversation mit dem Universum beginnt", sagt Lynch. Eine andere Installation zum Thema der Vielfalt von Mathematik und ihren Beitrag zum Fortschritt hat er zusammen mit Takeshi Kitano und Beatriz Milhazes realisiert.

Hiroshi Sugimoto zeigt seine Skulptur "Surface of evolution with constant negative curvature" mit gedrehter dünner Fläche, die nur mit Hilfe von Mathematikern produziert werden konnte. Sie soll die Eleganz des abstrakten Denkens und die Leidenschaft der Mathematiker reflektieren, die auch der kurze Film von Raymond Depardon und Claudine Nougaret zum Thema hat. Und Jean-Michel Alberola zeichnet die Ideen eines der letzten Universalgelehrten Henri Poincaré (1854-1912) in der Form eines mathematischen Firmaments auf. Auch zwei wissenschaftliche Life-Experimente der beteiligten Wissenschaftler zur Astronomie sind zu sehen und die neuesten Forschungsergebnisse zu einer Gesellschaft von Robotern inklusive künstlicher Kuriositäten.

Erkenntnisse gibt es auch schon: So sagt Hiroshi Sugimoto zum Beispiel, Wissenschaftler und Künstler schöpften aus denselben Quellen und suchten nach denselben Erkenntnissen - und er frage sich, wer wohl der "smartere" sei. Das wurde im Jahr der Mathematik 2008 so beantwortet: "Aus der Sichtweise der Mathematiker folgen alle Systeme - vom Kosmos bis zum Kekskrümel - demselben System. Auch die Kunst unterliegt demnach den Gesetzen der Zahlen."

Vielleicht tröstet Sugimoto seine eigene Beobachtung: Betrachter sagen "Wow!, wie schön das ist, aber sie denken niemals darüber nach, warum."


Mathématiques, un dépaysement soudain. Paris. Fondation Cartier pour l'art contemporain. 21.10.2011-18.3.2012.



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