Zeitgenössische Zeichenkunst Eine Welt aus Stift und Papier

Ob phallische Fantasien, Dürer-Karikaturen oder ins Bild gebannter Gegenwartsverdruss: In Gent zeigt eine vielfältige Ausstellung, dass es nicht mehr als ein Blatt und einen Stift braucht, um an Großem zu rühren.


Die Zeichnung ist die Mutter aller Künste. Von ihr sagen die Künstler, sie sei die direkte Verbindung ihrer Gedanken zur Kunst. Vielleicht wie ein aus dem Hirn entlassener Faden, der sich auf ein Blatt Papier verteilt und sichtbar wird.

Nun gibt es unterschiedliche Wege des Denkens: schnelle und brillante, vorsichtige und kühle, träumerische, verbotene, sinnliche oder leidenschaftliche - und noch viele mehr, sodass die Vielfalt der Zeichnungen fast unendlich scheint; obwohl ihr Ausgang immer nur Stift und Linie ist. So reduziert ihre Mittel sind, so vielfältig ist ihre Nutzung.

Das zeigt jetzt auch die große Ausstellung "Drawing. The Bottom Line" im belgischen Gent mit Werken von 53 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern. Hier erscheint die Zeichnung, egal ob schnelle Skizze oder Dokument kühler Distanz, "als Suche nach Balance, als Weltvorführung, als schwarzes Loch, als Löschen, als Korrektur, als Zeitmessung", sagen die beiden Ausstellungsmacher Philipp van Cauteren und Martin Germann.

Zu sehen sind poetische und politische Werke, traditionelle und radikal neue - und "als primäre Kulturtechnik steht die Zeichnung ebenso für Freiheit wie für Reflexion, denn jede Linie öffnet die Möglichkeit eines Bildes und damit einer Position zur Welt," so die Kuratoren.

Das Regiment des Unbewussten

Eine Gratwanderung auf schmaler Spur ist die Zeichnung für den belgischen, in Mexiko lebenden Künstler Francis Alÿs: Er durchwandert den jüdischen und palästinensischen Sektor Jerusalems und lässt dabei eine grüne Linie aus einem Farbtopf tropfen.

"Green Line" von Francis Alÿs: Gratwanderung auf schmaler Spur
Francis Alÿs/ Julien Devaux/ Rachel Leah Jones/ David Zwirner

"Green Line" von Francis Alÿs: Gratwanderung auf schmaler Spur

Alÿs folgt so der Demarkationslinie, die einst Mosche Dajan, Kommandeur der israelischen Streitkräfte, mit einem grünen Stift auf dem Stadtplan von Jerusalem zog. Auch der Rotterdamer Künstler Erik van Lieshout setzt ein soziales und politisches Zeichen, wenn er mit seinen expressiven Zeichnungen von aufgewühlten demonstrierenden Menschen in Videos festgehaltene Aktionen begleitet.

Der Kalifornier Matt Mullican folgt der Spur seiner verschütteten psychischen Ressourcen, die er per Hypnose zutage fördert. In Trance übergibt er den Zeichenstift dem direkten Regiment des Unterbewussten und entwickelt so sein eigenes kosmologisches Zeichensystem weiter.

Zeichnung von Matt Mullican: Kunst, die das Unterbewusste spiegelt
Matt Mullican/ Mai 36 Gallery, Zürich/ Galerie Micheline Szwajcer, Brüssel

Zeichnung von Matt Mullican: Kunst, die das Unterbewusste spiegelt

Dieser Psycho-Spur folgt auch der Holländer Mark Manders, bekannt geworden durch seine Bespielung des niederländischen Pavillons auf der Biennale in Venedig 2001 und ein Jahr später auf der Documenta 11. Er entwickelt mit dem Grafitstift geisterhafte Wesen, Avatare seiner Selbst, die in geheimnisvolle Handlungen eingespannt sind.

Um starke psychologische Suggestivkraft geht es auch beim berühmten belgischen Zeichner und Maler Michaël Borremans. Seine Ruinen des 20. Jahrhunderts sind verlorene und verlassene Orte, die eine desolate Gegenwart ins Bild bannen.

Der Künstler als verlängerter Stift

Während Andrea Bowers fotorealistische Ergebnisse aus dem Stift kitzelt, entwickelt Jorinde Voigt in ihren filigranen Goldzeichnungen ein eigenes nicht sprachliches Codesystem, das zugleich komplexe existenzielle und philosophische Themen zu verhandeln versucht.

Hintergründig-humorvoll ist Thomas Schütte mit seinem dürerschen Hasen, sein comichaftes Pendant finden er im Kalifornier Raymond Pettibon. Erotische Momente, nicht selten ironisch, hält Paul McCarthy fest, die vor einem Monat gestorbene Carol Rama entrüstet das Publikum mit ihren erotischen Zeichnungen voll phallischer Fantasien.

Arbeit von Jorinde Voigt: Goldzeichnungen und filigrane Linien
Jorinde Voigt/ Galleria Marie-Laure Fleisch

Arbeit von Jorinde Voigt: Goldzeichnungen und filigrane Linien

Einen performativen Akt mit großer Geste machen William Anastasi und Adel Abdessemed. Letzter hängt sich kopfüber an einen Hubschrauber. Der Künstler wird so zum verlängerten Zeichenstift, der seine Spuren auf dieser Welt hinterlässt.


"Drawing. The Bottom Line", S.M.A.K., Gent, bis 31.01.2016

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
windpillow 16.10.2015
1.
Mein Gott, was ist aus der zeitgenössischen Kunst geworden? Um an Großem zu rühren, braucht es ganz bestimmt sehr viel mehr als ein Blatt und einen Stift.
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