Ausstellung Moderne Madonnen

Lady Di als hölzerne Heiligenfigur, Michael Jackson als Porzellan-Ikone: Die Düsseldorfer Ausstellung "Heaven" zeigt, wie schnell sich Entertainment in Religion und Stars in Götter der Kunst verwandeln.

Von Vera Stahl


Moderne Madonnen: Lady Diana aus Lindenholz
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Moderne Madonnen: Lady Diana aus Lindenholz

Die Kirchenglocken schlugen Viertel vor zwölf, als der drei Meter hohe Jesus endlich stand. In unschuldigem Weiß, mit goldenem Mantelverschluß und ausgebreiteten Armen begrüßt er die Besucher vor der Düsseldorfer Kunsthalle - fast so als segne und beschütze er sie, wie der haushohe Betonchristus die Einwohner von Rio de Janeiro. Drinnen in dem Ausstellungstempel wird allerdings profanen Heiligen gehuldigt: den Göttern der Medien und des Pop.

Eine lebensgroße Lady Di blickt da schüchtern unter einem Madonnenmantel hervor, das blasse Gesicht scheint leicht zu erröten. Die adlige Muttergottes aus Lindenholz stammt - ebenso wie der nackte Christus aus Fiberglas an der Türschwelle - aus der Werkstatt des Art Studio Demetz in Südtirol. Der Handwerksbetrieb produziert sonst Heiligenfiguren für Kirchen in der ganzen Welt, die dann vom jeweiligen Priester geweiht werden - sogar vom Papst. Aber auch Künstler wie Jeff Koons ließen dort schon fertigen. Der New Yorker Kitsch-Kreateur ist in Düsseldorf mit kostbaren Porzellan-Nippes vertreten: Michael Jackson und Äffchen Bubbles in Goldrobe.

Skulptur von Jeff Koons: Jackson und Bubbles in Goldrobe
DPA

Skulptur von Jeff Koons: Jackson und Bubbles in Goldrobe

Dem "King of Pop" ist noch eine weitere Reliquie geweiht: Der Bergkristall-besetzte Handschuh, den Michael bei der Grammy-Verleihung 1984 tragen sollte, funkelt in der Kunsthalle neben einem Bustier, mit dem Madonna in dem Film "Susan - verzweifelt gesucht" spielte, und dem Jumpsuit von Elvis.

"An exhibition that will break your heart" haben die Veranstalter ihre Trendschau untertitelt - wohlwissend, daß religiöse Erfahrung heute durch Medienspektakel ersetzt und die Erlösung im Shoppingparadies erkauft wird. Mit technisch aufwendigen Installationen und ironischen Objekten von insgesamt 36 Künstlern führt "Heaven" seinen Besuchern das Erhabene in der Pop- und Medienkultur vor Augen.

Leichenwache für Elvis-Puppe: Foto von Ralph Burns
Ralph Burns

Leichenwache für Elvis-Puppe: Foto von Ralph Burns

Wenn die Russin Olga Tobreluts Kate Moss als Nonne auf einem kunsthistorischen Meisterwerk inszeniert oder Modemacher Thierry Mugler seine "Schimäre" als satanisches Weibsbild aus Trockeneis aufsteigen läßt, schaffen sie damit nichts anderes als moderne Devotionalien. Wie nah beieinander die Manie fanatischer Staranbeter und religiöser Wahn liegen, entlarvt Ralph Burns in seinen dokumentarischen Fotos über Elvis-Fans: Da wacht eine fette Amerikanerin am Bett des aufgebahrten King, scheint es. Aber die Leiche ist eine Elvis-Puppe.

"Heaven" erzählt von den immer gleichen Ritualen: Modische Kultbilder treten an die Stelle von Ikonen, das Entertainment wird zur Religion, eine schöne Scheinheilige zum Engel. Die Kunstschau setzt Madonna mit Madonnen gleich, Videoclips mit Gebeten und Techno-Parties mit religiöser Ekstase. Ausstellungskuratorin Doreet LeVitte Harten weiß längst: Die Bilder und Reliquien von Stars werden heute von den Fans angebetet wie einst Jesus von seinen Jüngern.

Ausstellung "Heaven": Entertainment als Religion
Kunsthalle Düsseldorf

Ausstellung "Heaven": Entertainment als Religion

Wie schnell die Ikonen der Jetztzeit in den Olymp der Götter aufrücken, zeigte der Flugzeugabsturz von John F. Kennedy junior. Kaum war der Präsidentensohn für tot erklärt, hob ihn das "Time Magazine" in den Himmel: "Schau heimwärts, Engel, noch einmal", titelte das Blatt. "So makaber es klingt, sein Tod kam uns gelegen", gesteht Kunsthallen-Mitarbeiterin Sabine Krohm-Steinberg. "Er zeigt, wie schnell Ikonisierung heute stattfindet."

"Heaven - An exhibition that will break your heart", Kunsthalle Düsseldorf, 30.7. bis 17.10.



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