Ausstellung "Oh Tannenbaum": Weihnachtswurst und andere Bäumchen

Von Ingeborg Wiensowski

Ein Traditionssymbol, radikal neu interpretiert: Die Weihnachtsbaum-Design-Ausstellung "Oh Tannenbaum" an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung begann vor Jahren als lustige Idee zweier Studenten. Mittlerweile ist sie ein Hit, der mitsamt seinen kuriosen Baum-Exponaten um die ganze Welt reist.

Als vor sieben Jahren die beiden Design-Studenten Johannes Marmon und Johannes Müller an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung ein Weihnachtsbaum-Projekt starteten, ahnte keiner der beiden, dass sich einmal die halbe Welt für ihre Idee interessieren würde. Und wie: In diesem Jahr wird ihr "Oh Tannenbaum"-Projekt in 25 Städten ausgestellt - von Abidjan und Abu Dhabi bis Wellington und Jaunde.

Angefangen hatte alles 2004 als typisches Studentenprojekt: Spaß sollte es vor allen Dingen machen, einen Weihnachtsbaum zu erfinden, der mal ganz anders sein sollte als der typische Tannenbaum aus den deutschen Wohnzimmern. Alles war erlaubt, egal ob komisch, utopisch, abgefahren oder seriös. Alle an der Hochschule konnten mitmachen, vom Kommilitonen über den Professor bis zu den Mitarbeitern, und alle Ergebnisse wurden drei Tage lang in der Hochschule ausgestellt.

Schon die erste Schau ein paar Tage vor Weihnachten war ein Erfolg. 40 Weihnachtsbäume - von total verrückt bis zum ernsthaft gestalteten Produkt - wurden abgeliefert, und die Eröffnung war wahrscheinlich für alle Studenten und Teilnehmer die lustigste Weihnachtsfeier des Jahres. Klar, dass Marmon und Müller weitermachten. Nun findet "Oh Tannenbaum" in der Hochschule zum achten Mal statt, bis heute wurden 600 Weihnachtsbaum-Interpretationen ausgestellt.

Lustig ist es noch immer, chaotisch auch, denn in diesem Jahr brachten rund hundert Teilnehmer ihre Beiträge vorbei - die meisten kurz vor der Eröffnung. Noch immer wollen Marmon und Müller alle Entwürfe annehmen, noch immer gibt es eigentlich keine Zulassungsbedingungen. "Allerdings hat sich eine Eigendynamik entwickelt, und es kamen immer mehr Entwürfe ohne jeden Bezug zum Thema", sagt Marmon. So habe man die völlig freie Teilnahme doch etwas "aufweichen" müssen.

Als Würstchen oder am Besenstiel

Geändert hat sich auch, dass die beiden Initiatoren Johannes Marmon und Johannes Müller natürlich keine Studenten mehr sind, sondern Inhaber ihres eigenen Büros jjoo-Design, und dass sie "Oh Tannenbaum" mittlerweile als "exhibition project" auf ihrer Web-Seite dokumentieren.

Dass die Ausstellung inzwischen nicht mehr nur in Karlsruhe stattfindet, sondern international, ist dem Goethe-Institut in München zu verdanken. Im letzten Jahr besuchte eine Mitarbeiterin die Ausstellung in Karlsruhe und war so begeistert, dass sie Marmon und Müller den Auftrag erteilte, in diesem Jahr für 25 Goethe-Institute eine Ausstellung mit 35 ausgewählten Tannenbäumen aus den letzten Jahren zusammenzustellen. Und das bedeutete harte Arbeit für das Zwei-Mann-Büro: Eine Jury musste unter den vielen Entwürfen die geeigneten auswählen und dabei berücksichtigen, dass zum Beispiel nach Neuseeland keine Pflanzen eingeführt werden dürfen. Glaube, Ethik und Moral anderer Kulturkreise sollten auch nicht verletzt werden. Die Exponate mussten nicht allzu kompliziert verpackt und verschickt werden können, und die 35 ausgewählten Entwürfe mussten jeweils 25-mal vervielfältigt und fotografiert werden.

Denn das Goethe-Institut brachte ein kleines Buch mit 28 Tannenbaum-Entwürfen als heraustrennbare Postkarten nach dem Vorbild einer älteren Version von Marmon und Müller heraus. Eingeleitet wird es von vier kurzen Texten, die Wissenswertes bis Philosophisches zum Thema beizutragen haben.

Der Essay des Kunstwissenschaftlers Daniel Hornuff zum Beispiel heißt "Abonnement für Heiligabend. Eine Aufführungskritik", und er vergleicht darin Familienweihnachtsfeste mit "Operninszenierungen im Theater", die für Kinder "ein großes Mitmachtheater ohne Improvisationsmöglichkeiten" seien und deren "regieführende Mütter und Väter" keinen Sinn für "juxe Spontaneinfälle" hätten. Er beschreibt das "enge Korsett der Aufführungen" und das "gesellschaftlich mehrheitsfähige Bild" des deutschen Heiligabends und stellt fest, dass dieses "Weihnachts-Image" in den Köpfen festsitzt und der Tannenbaum als "scheinbar unangetastete skulpturale Autorität" eine "szenografische Notwendigkeit" der Aufführung sei. Aber Kunst und Design hätten das Privileg, dieses überstarke Image aufzubrechen und den Tannenbaum neu zu interpretieren. Und wie man in der Ausstellung feststellen könne, änderten sich dann damit auch die Inszenierungsmöglichkeiten.

Sorgen um die gute alte Weihnachtsbaumtradition muss man sich dennoch nicht machen, auch wenn es den meisten Teilnehmern bei der Gestaltung eines neuen Baums nicht "nur um ein neues Styling für ein in die Jahre gekommenes Logo" geht, wie der Designer Volker Albus schreibt. Denn auch die radikalsten Interpretationen und Entwürfe halten immer die Erinnerung an das Original hoch, selbst in der größten Verballhornung.

Frohe Weihnachten also unter dem Tannenbaum, den Sie sich in diesem Jahr vielleicht mal an einen Besenstiel gebunden vorstellen könnten, oder als geschnitztes Würstchen auf einem Stück Brot. Und falls er Ihnen abbrennt, machen Sie es wie Jürgen Hahn mit seinem Entwurf "Ruhe in Frieden": Asche zusammenfegen, in die Urne, fertig. Besinnlicher geht es kaum.


Ausstellung "Oh Tannenbaum - designer christmas trees". HfG Karlsruhe. Bis 21.12. Informationen über jjoo-Design.

Ein Buch zu "Oh Tannenbaum - designer christmas trees" mit 25 Weihnachtskarten mit Motiven der Ausstellungen von 2004 bis 2007 zum Heraustrennen sowie vier kurzen Essays über die Tradition des Weihnachtsbaums und über die Ausstellung selbst online zu bestellen beim Ausnahmeverlag, Hamburg.

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1.
eigentlicher_Schwan 20.12.2011
Zitat von sysopEin Traditionssymbol,*radikal neu interpretiert: Die Weihnachtsbaum-Design-Ausstellung "Oh Tannenbaum" an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung begann vor Jahren als lustige Idee zweier Studenten. Mittlerweile ist sie ein Hit, der mitsamt seinen kuriosen Baum-Exponaten*um die ganze Welt reist. Ausstellung "Oh Tannenbaum": Weihnachtswurst und andere Bäumchen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,804665,00.html)
Wenn ich mir so vor Augen führe, mit welchen Zukunftsvisionen wir vor 20 Jahren aufgefordert wurden, dort diese Hochschule in Koolhaas-Futurismus mitzugründen, komme ich um die Feststellung nicht umhin: Wir haben gewonnen! Small is beautiful, auch in einer 300-Meter-Fabrik. Die Zukunftstechnologien sind beim Militär auch besser bedient, und die Gedanken sind frei, natürlich im Rahmen der kulturellen Befindlichkeiten und des Goethe-Instituts. Die reinste Honigmaschine, Wärmeplasik im Winter. Danke für den Bericht, Schw. Wiensowski! ;)
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