Ausstellung "Schwarze Romantik": Wahnsinn, diese Begierde

Von Karin Schulze

Alpträume, Satansvisionen, abgeschlagene Köpfe: Die Ausstellung "Schwarze Romantik" schickt ihre Besucher auf eine Zeitreise in die Zwielichtzone. Die Nachtseiten der Kunst sind nicht einfach nur düster. Ihre dunkle Rebellion sprengt auch lustvoll die Grenzen bürgerlicher Sexualmoral.

Hier wird nicht lange rumgefackelt: Mit einem Schlag katapultiert die Schau "Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst" ihren Besucher hinein in die Zwielichtzone. Gleich am Eingang hängt Johann Heinrich Füsslis Werk "Der Nachtmahr", das zum Sinnbild der Schauerromantik geworden ist: Einer Schlafenden, halb elegisch hingestreckt, halb ekstatisch gereckt, hockt der personifizierte Alptraum auf der Brust, während ein wahnsinniges Pferd mit lüstern geweiteten Nüstern über ihr dräut.

So ist der Besucher mit einem Satz drin im Nachtzimmer der Dame, in ihrer abgründigen Traumwelt - und angelangt bei den schauerlichen Motiven, auf die sich die Kunst der "schwarzen Romantik" kapriziert.

Eben noch hatten die Aufklärung, die Erhellung der Welt durch die Vernunft, und Ideale von klassischer Schönheit und ausgewogenem Maß das Denken bestimmt. Doch als sich die Französische Revolution mehr und mehr in Terror und Krieg verkehrte, eroberte ein anderes Denken die jungen Dichter, Philosophen und Künstler. Es verlagerte die eben noch politisch-konkrete Hoffnung auf Werte wie Liebe und Freundschaft, auf das Erkunden der Innenwelten des Subjekts und die Sehnsucht nach Einheit im Unendlichen.

Mit den Schrecken der Wirklichkeit und dem tiefen Blick in die Innerlichkeit kochte auch allerhand Unheimliches und Unbewältigtes hoch: Tote und Untote, Märchen, Mythen und Mörder, Wahnsinn und Begierde, abgeschlagene Köpfe und Medusenhäupter.

Die Grausamkeit ist maßlos

Die Frankfurter Ausstellung konzentriert sich auf den Kosmos dieser Nachtseiten in der bildenden Kunst, verfolgt ihre Kreise über die deutschen Maler hinaus bis nach Frankreich, Spanien, England oder Belgien und beleuchtet das Nachleben des phantastisch-grotesken Ansatzes im Symbolismus und Surrealismus.

Dabei führt die Schau ihre Besucher immer wieder durch nachtdunkle Räume mit Filmprojektionen hindurch. Hier werden bedeutende phantastische Filme wie "Frankenstein" oder "Nosferatu" gezeigt, die später zum Medium für Motive der "schwarzen Romantik" wurden. Nebenbei laden diese filmischen Einsprengsel dazu ein, beim Gang durch die Kunstgeschichte Anklänge an aktuelle Fantasy- oder Horrorproduktionen durchaus zuzulassen.

Zuerst einmal aber können Besucher in der Ausstellung nach den Phantasiewelten von Füssli oder William Blakes Satansvisionen das wunderbare, kleine Gemälde vom "Flug der Hexen" von Francisco de Goya entdecken, das sonst im Prado in Madrid hängt. Und von Eugène Delacroix zeigt die Schau typische Unvernunft-Sujets der Schauerromantik: eine "Fledermaus" oder einen "Hexensabbat" und eine Ölstudie zur "Rasenden Medea", die bei dem französischen Romantiker trotz ihrer maßlosen Grausamkeit eine heroische Gestalt bleibt.

Der Belgier Antoine Joseph Wiertz dagegen hat seine grienende Kindsmörderin so grobschlächtig, so irrwitzig auf die Leinwand gebracht, dass man nicht recht weiß, ob die groteske Manier ihrem Thema angemessen oder doch nur schlecht gemalt ist.

Männer träumen sich in die Körper der Frauen

Diesen exaltierten Stoffen stehen die Implosionen dramatischer Handlungen bei Caspar David Friedrich gegenüber: seine Winterstimmungen, die einsamen Gräber, Ruinen, kahlen Bäume oder die von bleigrauen Wolken verhangene "Meeresküste bei Mondschein". Nahe liegt bei diesen unheimlichen Gefühlslandschaften der Verweis auf des Malers verwundete Seele. Als Knabe hatte Friedrich miterlebt, wie sein Bruder beim Eislaufen eingebrochen und ertrunken war.

Im Symbolismus - beispielsweise bei der "Sünde" des Franz von Stuck oder den "Sirenen" von Gustave Moreau - ist das Schreckliche oft verpuppt, etwa in die Darstellung schmerzlich schöner Erscheinungen und ihrer Verführungskraft. Aber es ging um 1880 auch drastischer: Zwei erotisch-blasphemische Blätter von Félicien Rops überschreiten lustvoll die Grenzen bürgerlicher Sexualmoral und religiöser Tabus.

Der Surrealismus hat sich vor allem für die entfesselte Vorstellungskraft der Romantiker interessiert. Hier dürften sich dichte Besuchertrauben bilden vor dem bunten, kleinen Dalí mit dem großen Titel: "Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen".

Der Spanier hat seine träumende Nackte dabei wie eine sonnenhelle Erwiderung auf Füsslis düsteren Alptraum gemalt: Er expliziert die Schritte der Traumlogik - Granatapfel, Fisch, Tiger, Bajonett - und fokussiert weniger ihren Schrecken als die exzentrische Schönheit des Surrealen.

Im Umfeld dieses Hinguckers sollte man ein unscheinbares, doch grandioses Ausstellungsstück nicht übersehen. Es ist ein Blatt von Hans Bellmer mit einer wuchernden, schwamm- oder korallenartigen Struktur. In ihr lassen sich ein Totenkopf und gut fünfzehn Frauenköpfe und -körper entdecken.

Spätestens vor diesem Frauensuchspiel wird einem bewusst, dass in der Frankfurter Schau gerade mal ein Exponat - ein Bild der tschechischen Surrealistin Toyen - von einer Frau stammt. So zeigt die Ausstellung untergründig auch, wie sehr die Erkundung des Unheimlichen, Dämonischen, Unbewussten vom Ende des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine Unternehmung von Männern war, die sie bevorzugt am Körper der Frau vollzogen haben.


Schwarze Romantik - Von Goya bis Max Ernst. Frankfurt am Main. Städel Museum. 26.9.2012-20.01.2013.

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1. Linksintellektueller Gewaltporno
seenoevil 27.09.2012
Zitat von sysopIhre dunkle Rebellion sprengt auch lustvoll die Grenzen bürgerlicher Sexualmoral.
Fragt sich, wer hier Gefangener seiner eigenen Sexualmoral bzw. der Abwesenheit einer solchen ist. Ich habe den Eindruck ausschließlich die, die sich als besonders sexuell befreit sehen wollen, unterliegen dem Zwang permanent darüber quatschen zu müssen.
2. ganz genau
firehorse67 27.09.2012
Zitat von seenoevilFragt sich, wer hier Gefangener seiner eigenen Sexualmoral bzw. der Abwesenheit einer solchen ist. Ich habe den Eindruck ausschließlich die, die sich als besonders sexuell befreit sehen wollen, unterliegen dem Zwang permanent darüber quatschen zu müssen.
der satz hätte genauso von mir sein können. es ist genau so, all diese smler, swinger und was auch immer tragen einen inneren zwang in sich, sich als besonders frei zu präsentieren und den anderen, die auf intimität wert legen, verklemmtheit zu attestieren.
3. Woran erkennen Sie das Zwanghafte,
spiekr 27.09.2012
Zitat von seenoevilFragt sich, wer hier Gefangener seiner eigenen Sexualmoral bzw. der Abwesenheit einer solchen ist. Ich habe den Eindruck ausschließlich die, die sich als besonders sexuell befreit sehen wollen, unterliegen dem Zwang permanent darüber quatschen zu müssen.
wenn einer mehr über Sex spricht als der Durchschnitt? Ich kenne Religiöse, die viel über Religion sprechen. Die sind keineswegs (automatisch) zwanghaft. Das "Zwanghafte" an der Romantik entstand durch den inneren Drang gegenüber den damaligen Tabus. Zur Ausstellung: Die Trennung in "schwarze" und "weisse?" Romantik ist zwanghaft, weil die "schwarze" früher z.T. nicht gezeigt wurde. Beides gehört jedoch zusammen, weil es aus derselben Quelle kommt. Diese Quelle besteht auch in den damaligen und heutigen Versuchen, die Freiheit im Denken einzuschränken, was immer schnell aufgedeckt werden kann mit der Frage: "Wie hält Du's mit der Sexualität?"
4. eine sehr interessante Frankfurter Ausstellung
Herzbubi 27.09.2012
die wieder einmal zeigt wo der kulturelle Mittelpunkt Deutschlands liegt.
5. Danke
brandmeister 27.09.2012
Zitat von Herzbubidie wieder einmal zeigt wo der kulturelle Mittelpunkt Deutschlands liegt.
Danke. Wir können uns im Rhein-Main-Gebiet wirklich nicht beschweren. Allein Städel, Schirn und Liebighaus sind im Bereich bildender Kunst immer wieder einen Besuch wert. Wobei ich im Laufe der Jahre auch den Kunstverein immer mehr schätzen gelernt habe.
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