Kunst im Kurort Der morbide Charme des Jetset

Macht frische Bergluft kreativ? Acht Künstler durften vier Wochen lang bei freier Kost und Logis in Bad Gastein arbeiten. Nun zeigt die Abschlussausstellung das Ergebnis der Frischluftkur.

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Studio Gritzbach

Ihre Wohnorte sind Wien, Berlin, Hamburg, Beirut, Tokio und zwischendrin ein Jahr in London oder Mexiko-Stadt. Mit Straßenlärm, Hochhäusern, Asphalt, Menschenmengen und allem anderen, was eine Großstadt ausmacht. Wanderungen, Kurbäder, Heilquellen und Almwiesen haben bis jetzt keine Rolle in ihrem Leben gespielt. Bis jetzt. Bis die acht Künstler, von denen hier die Rede sein soll, ihr Stipendium in Bad Gastein antraten, dem früher mondänsten Kurort überhaupt, in dem gekrönte Kaiser und Könige und die Kulturelite die Sommerfrische in luxuriösen Hotelpalästen verbrachten.

Heute hat das tausend Meter hoch gelegene Bad Gastein touristisch gesehen eher eine Talfahrt hinter sich. Es gibt viel Leerstand in den Hotelpalästen, von denen einige der attraktivsten mitten im Ort vor rund 30 Jahren von Investoren gekauft und geschlossen wurden. Nun warten sie offenbar auf steigende Immobilienpreise, während ihr Besitz verfällt und schon von der Gemeinde mit Bauzäunen gesichert werden musste.

Besonders im Sommer sind die Probleme sichtbar, und so haben der Kur-und Tourismusverband und einige Hoteliers ein Kulturprogramm entwickelt. Dazu gehört auch das "kunstresidenz"-Stipendium, dessen Initiatorin und künstlerische Leiterin Andrea von Goetz und Schwanenfliess jedes Jahr aus Hamburg in ihr Familienhaus nach Bad Gastein kommt. Nun wählt eine Jury seit vier Jahren aus rund 40 vorgeschlagenen Künstlern acht aus, die für vier Wochen nach Bad Gastein zum Arbeiten kommen und am Ende die Ergebnisse in ihren Ateliers innerhalb der "sommer frische kunst" ausstellen.

Phosphorisierende Steinmehl-Farben im Radon-Kurort

Ihre Ateliers richteten sich die Stipendiaten im alten, denkmalgeschützten Wasserkraftwerk ein, das direkt neben dem Wasserfall liegt, der mitten durch den Bergort donnert. Zur gerade eröffneten Abschluss-Schau in den Ateliers kamen viele Besucher nicht nur aus Hamburg und Berlin, wo die Mehrzahl der Stipendiaten lebt, sondern auch aus Bad Gastein. Weil die Künstler "dazu gehört haben, und da will man dann schon sehen, was sie so gemacht haben", sagt Hannes, der junge Bad Gasteiner Snowboard-Lehrer, der aussieht, als sei sein Beruf eigens für ihn erfunden worden.

So einfach mit dem "Dazugehören" war es für die acht allerdings nicht. Alle hatten keine Ahnung, was sie in Bad Gastein erwarten würde. "Ein bisschen bange" sei ihm gewesen, sagt Michael Conrads, zusammen mit sieben anderen Künstlern, die er entweder gar nicht oder nur flüchtig kannte, "Tag für Tag Tür an Tür zu arbeiten, im selben Hotel zu wohnen, täglich zusammen zu essen, und das an einem Ort, den keiner von uns kannte."

Bei allen haben sich die Bedenken schnell in Luft aufgelöst, weil "wir und alle super verstanden haben", sagt Dirk Meinzer. Für Conrads, der mit sieben Leinwänden und einem Plan, was daraus werden sollte, anreiste, haben die täglichen Gespräche zum Beispiel dazu geführt, dass er alles über den Haufen warf und eine neue Serie begann, mit der er auf jeden Fall weitermachen will. Für Nick Oberthaler war Bad Gastein ein "Experimentierfeld", ohne Stress über die Wahrnehmung seiner abstrakten Bildern auf Aluminium nachzudenken, die er jetzt in seinem Atelier ausstellt.

Was fehlt den Gästen? Ein Fischladen

Für die Geschichte des Ortes hat sich Dirk Meinzer interessiert. So haben ihn die alten Wand- und Tapetenfarben in den Ateliers gereizt und in den "opulenten Ort", der für die Wirkung seiner radioaktiven Radonbäder berühmt ist, hat er ebenfalls "strahlendes" Material mitgebracht und mit dem phosphoreszierenden, zermahlenen Steinmehl-Farben Bilder gemalt.

Die Japanerin Aiko Tezuka, die mit alten Stoffen, Stickereien und gewebten Souvenir-Bildern arbeitet, war froh über ihre Erfahrung in den Bergen. Zwar hat sie einen Fisch- und Stoffladen vermisst, aber in den alten Hotels fand sie Trachtenschürzen, Tücher und einem Kissenbezug, dessen vorgefundene Flecken sie mit Goldstickerei verdoppelt und hervorgehoben hat. Und Susanne Stroh ließ sich zu ihren zarten Zeichnungen auf weißen Bildern von Grillparzer-Gedichten inspirieren, der, so eine Tafel im Ort, in Bad Gastein gekurt und auch geschrieben hat.

Stefan Panhans' neuer Film wird noch nicht gezeigt, er muss noch geschnitten werden. Darin kriecht die Schauspielerin Lisa Marie Janke mit einer Action-Kamera auf dem Kopf durch ein Auto, das mit Requisiten vollgestopft ist, die Panhans in Bad Gasteiner Geschäften gekauft hat und die er in seiner Ausstellung in kühlen Schwarz-Weiß-Fotos zeigt.

Die "Geschichte der Hotels des Ortes, als der noch eine Jetset-City war", hat der Beiruter Siska zusammen mit Franziska Pierwoss gedreht. Zu sehen ist das Negativ eines Super-8-Films im Loop, der verfremdet die Schwermut und die Leere der alten Hotels und deren abblätternden Glanz einfängt. Daneben läuft auf einem ausgemusterten Hotel-Fernsehgerät ein kurzes Video, das ein hell loderndes Feuer auf Dach und Außenwand des Bad Gasteiner Casinos zeigt. "Es war eine Art Spektakel-Projektion, die der Ort selbst inszeniert hat", sagt Siska und grübelt bis heute über diesen "merkwürdigen schwarzen Humor" nach.


Ausstellungsangaben:
"sommer frische kunst" im Alten Kraftwerk in Bad Gastein, bis 23.10.2014.

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