Strukturalismus in der Architektur Freies Spiel mit Regeln

Eine Ausstellung in Rotterdam beschäftigt sich mit der Strömung des Strukturalismus in der Niederländischen Architektur. Während immer mehr Gebäude dieser Stilrichtung abgerissen werden, zeigt sich hier, warum die Bewegung noch immer zeitgemäß ist.


Für die Architekten Herman Hertzberger oder Aaldo van Eyck ist eine Treppe immer mehr als nur eine Treppe gewesen. Ihre Stufen können zu Sitzplätzen werden, zu Liege- oder Zuschauerplätzen. Man brauchte kaum mehr als eine Treppe anzuschauen, um zu verstehen, was gemeint ist, wenn in der Architekturtheorie die Rede ist von ambivalenten Schwellenräumen oder von kommunikativen Situationen ist. Viel schöner ist es jedoch stattdessen, die Ausstellung "Structuralisms" in Rotterdam anzusehen, die sich mit eben dieser Strömung beschäftigt.

Der Strukturalismus kam Ende der Sechzigerjahre besonders in den Niederlanden auf als Reaktion auf den damals in der Architektur vorherrschenden strengen Funktionalismus der Charta von Athen. Er geht davon aus, dass alle Dinge miteinander in Verbindung stehen, dass somit Architektur ein Abbild gesellschaftlicher Strukturen sei und dass offene, veränderbare Gebäude das Potenzial hätten, soziale Beziehungen zwischen ihren Bewohnern herzustellen.

Der heute 82-jährige Architekt Herman Hertzberger, der als Mitbegründer dieser Strömung gilt, definiert seine Architektur so: Um "Spielraum und Regel" gehe es ihm, "ich vergleiche es mit Fußball, die Leute auf dem Spielfeld sind frei, aber sie haben Regeln, ohne die das Spiel völlig unmöglich wäre." Und für die Architektur sei seine wichtigste Regel: "Das soziale Miteinander möglich machen". Daran habe er sich in allen seinen Entwürfen gehalten, mit neuen offenen Raumangeboten, in denen die Menschen ihr Potenzial frei entfalten können und in dem Interaktion und Experimentierfreudigkeit begünstigt werden. Und außerdem sei es die Quintessenz des Strukturalismus, die Struktur der Gebäude nicht "zu spezifisch" zu machen, denn deren Lebensdauer könne sehr lang sein, wenn man das Innere durch Umwandlung zu anderen, weniger langen Nutzungen verändern könne.

Ein Waisenhaus auf rotem Tisch

Wie das in Planungen, Entwürfen und in der Realität aussieht, zeigt die Ausstellung "Strukturalismus" des Nieuwe Instituuts, der Nachfolge-Institution des früheren Nederlands Architectuurinstituut in Rotterdam.

Dabei handelt es sich eigentlich um zwei Ausstellungen, nämlich die von Herman Hertzberger selbst kuratierte, autobiografische Retrospektive seines Lebenswerks, das er gerade dem Nieuwe Instituut-Archiv übergeben hat. Im zweiten Teil der Schau gibt Dirk van den Heuvel, Leiter des Jaap Bakema Study Centers der TU Delft, einen künstlerisch-installativen Überblick der niederländischen Strukturalismus-Bewegung, zu der neben Hermann Hertzberger vor allem Aaldo van Eyck und später Piet Blom gehörten.

Gezeigt werden frühe Entwürfe und Artefakte, die deutlich machen, wie sehr sich der Strukturalismus an der Anthropologie und der Kunst orientierte. Auf roten Tischen ist van Eycks 1960 fertiggestelltes Amsterdamer Waisenhaus zu sehen, das international diskutiert wurde. Heute steht es leer - ein neues Nutzungskonzept für die denkmalgeschützte Architektur gibt es bisher nicht. Auch van Eycks Entwürfe zu seinen Kinderspielplätzen werden gezeigt, von denen zwischen 1947 bis 1978 rund 730 verwirklicht wurden und heute nur einige wenige erhalten sind. Einen Vollständigkeitsanspruch hat die Schau nicht, aber Neugierde erweckt sie allemal.

Hertzbergers im selben Raum gezeigte Schau "Making space - leaving space" hingegen gibt - auch mit Videos und Dokumentationen in verschiedenen Computern - einen großartigen Überblick auf sein Werk, das er in vier "Straßen" ausstellt, die er voneinander mit schwarzen, natürlich eigens dafür entworfenen Regalen abgegrenzt.

Straßen zwischen Regalen

In seiner ersten und zweiten "Straße" zeigt er auf langen Tischen jeweils mehr als dreißig Modelle unterschiedlicher Größe von Wettbewerbsentwürfen und gebauten Projekten, darunter seinen Wettbewerbsbeitrag für die Gemäldegalerie in Berlin im Jahr 1986 oder Wohnungsbauten aus den Siebzigerjahren, die er in Kassel oder in Berlin gebaut hat und die noch heute wunderbar funktionieren.

Natürlich ist sein berühmtes Studentenheim in Amsterdam von 1964 zu sehen, das leer steht und vom Abriss bedroht ist, während das großartige Amsterdamer Altersheim "De Drie Hoven", das 1974 fertiggestellt wurde, bereits abgerissen wurde. Viele Fotos zeigen die früheren Bewohner, die sich offensichtlich völlig zu Hause fühlten, wie die mit Blumenmustertapete verschönerte Sichtbetonsäule zeigt. Schickes Design hat Hertzberger nie vorgegeben, ihn interessiere, "wie und was in meinen Gebäuden für die Bewohner funktioniert".

Die dritte Straße zeigt Assoziationen diversester Provenienz, darüber bekäme er seine Inspirationen, so Hertzberger. Zu sehen sind hunderte kleiner Skizzenbücher, Reise-Zeichnungen, Stoffe aus Mali, Zeitungsbilder, Fotografien wie das eines zerschossenen Hauses in Gaza, in dessen Fenstern lachende Kinder zu sehen sind. Es sei "gleichzeitig schön und schrecklich" sagt Hertzberger, "und ich frage mich, wie kann man das in Architektur übersetzten?"

Die Ausstellung endet mit einer Werkstatt für Kinder, für die in den Regalen jede Menge Material zum Basteln bereit steht und die Hertzbergers Tochter konzipiert und eingerichtet hat. Deren Modelle versprechen eine große Zukunft für die niederländische Architektur.


Ausstellungsangaben:
Structuralism. Rotterdam. Het Nieuwe Instituut, bis 11.1.2015.



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kurt.max.bauer 10.12.2014
1. Geschichte
Vorbei die Zeiten mit Experimentieren, mit Glauben an das Kollektiv, mit flexibler Gesellschaft, mit dem modernen Wilden, mit Vernetzung öffentlich und privat, mit dem kommunikativen Raum, mit dem offenen Raum, mit dem dienenden Raum, mit dem Raumfragment, mit dem Raumfluidum, mit dem modularen Raum, mit Meta-Mega-Strukturen....Schade, keine Visionen mehr. Nur noch Cocooning und Camouflage.
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