Kunst zur Griechenland-Krise Großartige Dinge werden passieren

Der Arbeitstitel der nächsten Documenta lautet: "Von Athen lernen". In Berlin läuft schon jetzt eine Ausstellung, in der die Besucher ahnen, was damit gemeint sein könnte. Ihr Titel: "Tempus Ritualis".

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Wie könnte Kunst aussehen, die den deutsch-griechischen Dialog fördert? Die Künstlerinnen Christina Dimitriadis und Evanthia Tsantila haben gemeinsam mit der Kuratorin Christine Nippe einen Versuch in Form der Ausstellung "Tempus Ritualis" gestartet. Sie wollen die Krise nicht einfach illustrieren oder dokumentieren, sie wollen der prekären Situation unter Vorgabe der Stichworte "Zeit" und "Ritual" nachgehen, wollen kulturelle Veränderungen, Formen von Solidarität und gesellschaftlicher Tradition und Gemeinschaft aufzeigen.

Im Sommer lief ihre Ausstellung bereits in Thessaloniki, nun ist sie in die Berliner Galerie am Körnerpark umgezogen. Zu sehen ist dort zum Beispiel die Video-Installation "Delphic Raft" von Christine Schulz, in der Arbeiter gemeinsam eine schwere Last eine Treppe hochziehen. Man hört das Rasseln der Ketten, die Anstrengung bleibt aber nur vage sichtbar, weil Schulz die Handlung mit Bildern von Thessalonikis Hafenpromenade und dem Meer überlagert hat.

Ihre Kollegin Lia Nalbantidou aus Thessaloniki nennt ihre Fotoserie "Urban Secret Garden". Sie hat Orte fotografiert, an denen Menschen improvisiert zusammenkommen, zum Beispiel eine temporäre Behausung von Obdachlosen. Lena Athanasopoulou zeigt in ihren Collagen, wie sich die Rolle der Frau in der Krise verändert, wenn sie aus ihrer Hausfrauenrolle aussteigt und im öffentlichen Leben sichtbar wird. Sie wolle zeigen, dass "etwas anderes aufgebaut wird, wenn etwas zerstört wird", sagt Athanasopoulou.

Auch in Pia Greschners Fotoserie "Amazing things will happen" funktionieren Bilder als Metaphern, wie ihr Blick auf das bronzene Denkmal Alexander des Großen in Thessaloniki zeigt. Seine Skulptur, so die Kuratorinnen, stehe dafür, wie Geschichte bleibt, neu und verschieden interpretiert wird, und trotz allem zum Symbol werden könne.

Senioren baden im Schlamm

Evanthia Tsantila fragt nach Gedächtnis, nach Reproduktion und Repräsentation von Kunst und nach deren gesellschaftlicher Rolle. Sie hat das Friedrich-Nietzsche-Gedicht "Im Süden" neunmal mit einer Schreibmaschine von 1904 abgetippt, oft fehlerhaft. Außerdem zeigt sie malerische Bilder von Menschen, die nach einem religiösen Ritual in der Kirche zusammensitzen. Sie hat sie aus der Vogelperspektive fotografiert und dann einzelne Szenen immer wieder gespiegelt und zusammengesetzt - das Individuum und sein sozialer Kontext. Darum geht es auch in dem wunderbaren Film der Griechin Eva Stefani: Senioren beim Kuren in Schlammbädern, beim Kaffeesatz-Lesen oder bei abendlichen "Parlaments"-Diskussionen auf einem Campingplatz, die auch schon mal im Streit enden.

Christina Dimitriades zeigt schachbrettartig angeordnete Fotos, die sie aus ihrem eigenen Archiv zu "Metamorphosis is the only Grace offered Greece" zusammengestellt hat. In der Mitte zieht sich eine nie fertiggestellte Rohbautreppe vom dunklen Keller hoch bis in den hellblauen Himmel. Ohne Funktion, ohne Halt. Eine perfekte Metapher. Andere Fotos zeigen die Fragilität von Beziehungen in einem Bauklotzspiel, bei dem ein einsturzgefährdeter Turm herauskommt.

Für das Spiel braucht es viel Fingerspitzengefühl, Geduld und Spielfreude - und das scheinen die Griechen zu haben, wie auch das Video "Dynamis" des Berliner Künstlerduos Nina Fischer und Maroan el Sani zeigt. Sie haben auf den Straßen Thessalonikis Menschen gebeten, vor der Kamera ein rohes Ei auf einer glatten Oberfläche zum Stehen bringen. Die meisten schaffen es, und es ist wunderbar, wenn sie nach der Anstrengung, Konzentration und Angst, sich zu blamieren, stolz in die Kamera blicken.

Ein Ei ist übrigens ebenfalls in der Ausstellung vertreten, bereit für die Besucher zum Eigenversuch.


Ausstellungsangaben:
Tempus Ritualis. Berlin, Galerie am Körnerpark. Noch bis 11.1.2015.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Trolf77 28.10.2014
1. ..
Aus der Not blüht die Kreativität. Nicht aus milliardenschweren Forschungsbudgets. Nicht aus staatstragenden Ansprachen zur Bedeutung von Innovation.
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