Thomas Mann und die Kunst Kein Augenmensch? Von wegen!

In Thomas Manns Geburtsort Lübeck will eine Ausstellung das Verhältnis des Schriftstellers zur bildenden Kunst untersuchen. Sie zeigt, mit welchen Kunstwerken er sich umgeben hat und welche er "unheimlich lasziv" fand.


Zu Thomas Mann, denkt man, sei alles erforscht, erzählt und aufgeschrieben worden. Vermutungen und Behauptungen ließen sich nach dem Erscheinen seiner Tagebücher 20 Jahre nach seinem Tod ausräumen oder belegen, und jeder kann sich ein Bild des Schriftstellers machen aus unzähligen Biografien. Und spätestens nach dem TV-Dreiteiler "Die Manns" glaubte jeder deutsche Fernsehzuschauer, die exzentrische Familie und die Vorlieben des deutschen Klassikers zu kennen, die in sein Werk eingeflossen sind.

Nun aber geht eine Ausstellung im Lübecker Museum Behnhaus Drägerhaus und im Buddenbrookhaus einem neuen Aspekt nach: wie es um Thomas Manns Verhältnis zu bildender Kunst stand, zu Gemälden und Skulpturen, zu Zeichnungen und Illustrationen und zu Künstlern. "Augen auf! Thomas Mann und die bildende Kunst" heißt sie, und zeigt das Ergebnis neuerer Forschung. Denn bisher wurde immer davon ausgegangen, dass allein die Musik, insbesondere die von Richard Wagner, eine zentrale Rolle für Thomas Manns spielte. Mann hat über sich selbst gesagt, er sei "ja eigentlich kein Augenmensch, sondern mehr ein in die Literatur versetzter Musiker".

Vielleicht habe man diese vielzitierte Aussage "zu vorschnell für bare Münze genommen", schreibt der Leitende Direktor der Lübecker Museen, Hans Wißkirchen, im Vorwort des Ausstellungskatalogs. Ein Fehler, denn "ein Autor, der seinen Gästen mit einem Feldstecher nachblickt, um deren Gang, Aussehen, Habitus, kurz: um deren Gesamterscheinung dann in seinem literarischen Personal abzubilden, traut dem Auge sehr viel zu". Mit diesem blinden Fleck in der Thomas Mann-Forschung will die Ausstellung nun "nach umfassender wissenschaftlicher Aufarbeitung" aufräumen.

Die Frau vom Kinderkarneval

Der früheste Beleg des Bildinteresses ist allerdings eher anekdotisch: Dem 16-jährigen Thomas Mann hatte die Abbildung des Friedrich-August-von-Kaulbach Gemäldes "Kinderkarneval" in der Leipziger Illustrierten gefallen, er schnitt das Bild aus und bewahrte es auf. 13 Jahre später stand er bei einem Besuch im Haus der Eltern seiner zukünftigen Frau Katia Pringsheim vor dem Original - auf dem Katia und ihre vier Geschwister zu sehen sind. Natürlich ist das Bild im Behnhaus ausgestellt.

Allerdings beginnt die Ausstellung im Entrée mit anderen Bildern aus dem Münchner Pringsheim-Haus, nämlich mit drei Paneelen aus dem 1891 entstandenen 13-teiligen Wandfries von Hans Thoma für den Musiksalon. "Orpheus mit der Lyra", der "Geharnischte Ritter mit zwei Hunden" und die "Jünglinge, Blumenkränze an die Laube knüpfend" stehen in der Ausstellung für "die Gegensätze zwischen der mittelalterlichen Tradition des Nordens und den Sehnsuchtslandschaften des Südens", so der Kurator Alexander Bastek - die Ritter also für Lübeck, Orpheus und die Jünglinge für das arkadische München.

Daneben ist das Gemälde "Die Quelle" des Mannschen Zeitgenossen Ludwig von Hofmann präsentiert. Er habe sich sofort in das Bild über "beide Ohren verliebt" schrieb Mann dem Künstler und kaufte das eindeutig homoerotische Bild, das auf blauem Grund drei schöne, nackte Jünglinge zeigt, die sich Wasserspielen hingeben. Es hing angeblich lebenslang in seinem Arbeitszimmer.

Dann geht es weiter mit Lübecker Familienbildern wie dem Bild des Urgroßvaters, der das Vorbild für den Senator aus den "Buddenbrooks" war, dazu Bilder der Lübecker Altstadt. Der Rundgang, der chronologisch in Lübeck beginnt, endet mit Bildern und Skulpturen aus der Münchner Zeit wie der Reproduktion des asketischen Predigers Savonarola, die auf dem Schreibtisch von Thomas Mann stand.

Interesse an den einschneidenden Entwicklungen in der europäischen modernen Kunst hatte Thomas Mann nie, aber immerhin äußerte er sich lobend über zwei Skulpturen von Ernst Barlach. Und zu den Holzschnitten von Frans Masereel, den er durch den Museumsdirektor und Kunstvermittler Carl Georg Heise kennengelernt hatte, schrieb er sogar für das "Stundenbuch" das Vorwort, in dem es heißt, dass es in der bildenden Kunst "Vornehmheit und Freiheit, Geschichte und Gegenwärtigkeit" geben müsse, und "diese Mischung" fände man "im Künstlertum Masereels aufs glücklichste verwirklicht".

Distanz zur Moderne

Auch die Fotografien von Albert Renger-Patzsch lernte er durch Heise kennen und verfasste auf dessen Bitte hin eine Rezension zum sachlichen Fotoband "Die Welt ist schön". Er kommt darin sogar zu der Erkenntnis, dass Fotografie endlich als Kunst anerkannt werden müsse. Und das, obwohl er sich von der Fotografie als Kunstform in seiner Erzählung "Tonio Kröger" noch entschieden distanziert hatte.

Wie distanziert er der Moderne gegenüberstand, ist in der zweiten Ausstellung im Buddenbrookhaus zu sehen. Dort sind die eher langweiligen und altmodischen Illustrationen seiner Bücher zu sehen, die er mochte. Und auch die, die ihm nicht gefielen, wie die Zeichnungen von Kokoschka zu "Jaakob" oder Alfred Kubins "Tristan"-Titelbild, das er als "unheimliche, laszive Graphik" bezeichnete. Allerdings gibt es auch hier eine Wende, denn kurz vor seinem Tod bezeichnete Mann die abstrakten schwarz-weißen Drucke von Hans Arps "Menagerie" immerhin als reizvoll.

Ob das zu einer wirkliche Begeisterung geworden wäre oder ob das zu den repräsentativen Pflichten des gebildeten Schriftstellers gehörte, bleibt ungeklärt.


Ausstellungsangaben:
Augen auf! Thomas Mann und die bildende Kunst. Museum Behnhaus Drägerhaus und Buddenbrookhaus, Lübeck. Bis 6. Januar 2015. Der Katalog ist im Michael Imhof Verlag erschienen und kostet 29,95 Euro.



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