Ausstellung "True Romance" Schmerzallerliebst

Wann hat Eros eigentlich seine Unschuld verloren? In der Moderne, mit den düsteren Beziehungsbildern von Munch? Oder in der Postmoderne, mit ihren Persiflagen auf die Liebe? Die Wiener Schau "True Romance" gibt keine Antworten, sondern überrascht.

Aus Wien berichten Nicole Büsing und Heiko Klaas


Ein Mann und eine Frau stehen sich gegenüber. Zwischen den beiden ist ein Bogen gespannt. Offenbar in stiller Opferbereitschaft hält die Frau den Griff, der Mann spannt die Sehne und richtet den Pfeil direkt aufs Herz seiner Partnerin. Das Künstlerpaar Marina Abramovic und Ulay sind die Protagonisten dieser Performance auf Leben und Tod. Ihre Videoarbeit "Rest Energy" (1980) wird direkt ins Treppenhaus der Kunsthalle Wien projiziert. Sie bildet den programmatischen Auftakt der Ausstellung "True Romance - Allegorien der Liebe von der Renaissance bis heute". Und sie deutet bereits an, dass es in dieser Schau nicht nur um Liebesgesäusel und harmonische Zweisamkeit gehen wird, sondern auch um die dunklen Seiten jenes Gefühls, das nicht nur eine anthropologische, sondern auch eine kulturelle Konstante darstellt.

Die Hamburger Kuratorin Belinda Grace Gardner hat das Gemeinschaftsprojekt der Kunsthalle Wien, der Münchner Villa Stuck und der Kunsthalle zu Kiel konzipiert. Gardner nimmt die Sonette von Petrarca (1304-1374) an seine geliebte, aber unerreichbare Laura zum Ausgangspunkt eines Parforceritts durch die Kunstgeschichte: Über 90 Künstler sind mit über 150 Arbeiten aus allen Medien vertreten. Rund zwei Drittel stammen aus der Gegenwart, doch die Schau wagt auch einen Blick zurück in die Kunstgeschichte. Sie mischt mutig Altes und Neues und verzichtet zugunsten inhaltlicher und formaler Analogien auf eine chronologische Hängung.

Petrarcas sich nach Liebe verzehrende Zeilen fanden ihren künstlerischen Widerhall erst in der Malerei der Renaissance. Eines der zentralen Bilder der Schau ist Giorgiones "Bildnis einer jungen Frau (Laura)" von 1506. Es zeigt ein junges Mädchen mit entblößter Brust im pelzbesetzten roten Mantel. Aus dem abgebrochenen Ast eines Lorbeerbaumes wird die holde Laura ihrem nach Liebe dürstenden Petrarca wohl bald schon einen Lorbeerkranz flechten. Auf Paolo Fiammingos Gemälde "Die Leidenschaft" (1585-1589) findet die Liebe unter Bäumen statt. Im lichten Hintergrund spielen nackte Jungfrauen Ringelreihen, doch haben sich die ersten Paare, von Amors Pfeilen offenbar bereits getroffen, zum intimen Liebesspiel zurückgezogen.

Verliebt in die Verklärung

Bis weit hinein in den Jugendstil rettet sich die Malerei ins Allegorische, verklärt und romantisiert, wenn es um die Liebe geht. Ob bei Angelica Kaufmann, Max Klinger oder Gustav Klimt: Amors Pfeile sind über Jahrhunderte hinweg über jeden Zweifel erhaben.

Bei Edvard Munch aber mischt sich Ambivalenz ins romantische Szenario. Er stellt Paare zwischen Anziehung und Abstoßung, Einsamkeit und Verzweiflung dar. Was folgt, sind Egon Schieles provokante Darstellungen von Sexualität und lebensnahe Darstellungen sich küssender Paare bei Käthe Kollwitz. Aber auch Dora Maars wunderbar beiläufige 1930er-Jahre-Fotografie eines weiblichen Aktes mit einem kleinen Pfeil in der Hand, der aussieht, als wäre er bloß aus Pappe.

Aus der jüngeren Kunstgeschichte versammelt "True Romance" in nahezu enzyklopädischer Vollständigkeit alles, was dieses große Menschheitsthema hergibt: einen Liebesbrief von Tracey Emin als coole Neonarbeit, heiße Motorradbräute von Richard Prince, Elizabeth Peytons Miniaturgemälde von lockenköpfigen Dandys mit Liebeskummer oder Cecilia Edefalks Gemälde aus der Serie "Another Movement" von 1990. Zu sehen ist ein junges Paar vor blauem Hintergrund. Er streicht scheinbar sanft und fürsorglich mit der Hand über den nackten Rücken. Doch das Motiv bleibt rätselhaft. Was hält der Mann in der rechten Hand, und warum schauen die beiden sich nicht an? Distanz und Nähe, Zuneigung und Entfremdung scheinen die zwei Seiten ein und derselben Medaille zu sein.

Katastrophale Beziehung

Manchmal, auch das zeigt "True Romance", führt die Fremdheit zwischen Mann und Frau zur Katastrophe. Tracey Moffat hat für ihre Arbeit "Love" (2003) Szenen brutaler männlicher Aggression gegenüber Frauen aus Hollywoodfilmen in clipartigen Sequenzen aneinandergereiht. Doch die Rache folgt: Die Damen bewaffnen sich und eliminieren am Ende ihre Peiniger mit Revolver, Pumpgun und Gewehr. Auch dafür hält Hollywood genügend Material bereit.

Und auch das will "True Romance" zeigen: die Tilgung von Eros im Kommerziellen. Ein schauerlich kitschiges Gemälde der amerikanischen Popikone Mel Ramos aus den 1970er Jahren, das Jacques-Louis Davids Gemälde "Amor und Psyche" von 1817 zur Vorlage hat, führt den Verlust des romantischen Liebesgefühls bildhaft vor Augen. Es zeigt den nackten Maler mit Charles Bronson-Schnurrbart und Afro-Look-Frisur gemeinsam mit seiner versonnen dreinblickenden Frau auf einer üppig mit Stoffen drapierten Chaiselongue liegend. In ihrer ganzen zur Schau gestellten Laszivität wirken die beiden jedoch weniger wie Göttergestalten, sondern eher wie Pornodarsteller.

Vielleicht, so legen es zumindest Tim Noble und Sue Webster in ihrer aus über 500 bunten Lämpchen bestehenden emblematischen Lichtskulptur "Toxic Shock" (1997) nahe, ist die Liebe ja auch nur eine Abfolge von chemischen Prozessen, die wir sowieso nicht steuern können. Ein glühendes Schwert, das, einem Giftpfeil gleich, unser Herz durchbohrt und für kurze Zeit heftige Reaktionen auslöst. In schönster Jahrmarktästhetik lassen Noble & Webster ihr blutendes Herz abwechselnd aufleuchten und verlöschen.

Und auch Carsten Höllers aktuelle Arbeit "Phenylovethylamour", ein Apothekerfläschchen mit ein paar Tropfen klarer Flüssigkeit, legt dem Betrachter nahe, dass seine Gefühlsaufwallungen lediglich chemischer Natur sein könnten.

Das romantische Ideal ist am Ende offenbar im Zeitalter naturwissenschaftlich erklärbarer, biochemischer Prozesse angekommen. Schade eigentlich.



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