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Kulturgeschichte von Aids: "Tina, wat kosten die Kondome?"

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Ausstellung: Superman bringt die Kondome Fotos
ACT UP New York - AIDS Coalition to Unleash Power

Von der "Schwulenpest" zum Werbeclip: In den Achtzigern war Aids ein Stigma - und heute? Eine vielschichtige Ausstellung erzählt, wie sich das öffentliche Bild der Krankheit gewandelt hat. Und wie Angst gesellschaftliche Ausgrenzung nähren kann.

Die aktuelle Plakatkampagne der "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" zum Schutz vor HIV kommt daher wie eine leicht entgleiste Parship-Werbung: Eine grauhaarige Seniorin lächelt faltenvoll, über ihr der Spruch: "Ich mach's mit Erfahrung." Unter ihr nur dezent die Botschaft, dass man nie zu alt für Kondome ist. Ein sympathischer Mittzwanziger mit Gelfrise macht "es direkt", eine Frau in Pünktchenoberteil "mit Latex".

Lifestylige sexuelle Selbstbestimmung strahlen sie vor allem aus, und nur ein kleines bisschen sanfte Erinnerung. Da war doch was.

Natürlich ist HIV nicht aus Deutschland verschwunden: Laut Robert-Koch-Institut leben derzeit 80.000 Menschen mit dem Erreger im Blut. Seit 2000 steigt die Zahl der Neudiagnosen wieder an. Aber Aids ist in Deutschland - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, wo Menschen viel schlechteren Zugang zu ärztlicher Versorgung haben - zähmbar geworden: Wenn die Infektion früh erkannt und mit Medikamenten behandelt wird, kann die Lebenserwartung der Infizierten so hoch liegen wie bei Nicht-Infizierten.

Dass Deutschland zumindest mit einer bestimmten Ära der Krankheit abgeschlossen hat, spiegelt sich auch darin, dass Aids mittlerweile Museumsreife besitzt: Eine interessante Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum erzählt jetzt die Kulturgeschichte der Krankheit; zeigt vor allem Aufklärungsplakate, aber auch Medienberichterstattung und Kunst. Dieser historische Blick auf die Krankheit ist besonders reichhaltig, weil Aids stets direkt an Moralvorstellungen geknüpft war. Und jede mediale oder künstlerische Beschäftigung so auch immer von einem sich wandelnden Diskurs über Sexualität erzählt.

Auf der Suche nach einem Schuldigen

Anfang der Achtziger, als sich die rätselhafte Krankheit in den USA und Europa verbreitete, flohen Schwangere aus Angst vor Aids aus dem Krankenhaus, in dem Rock Hudson, Hollywoodstar und der erste prominente Aidskranke, untergebracht war.

In diesem Klima begann die mediale Karriere von Aids - die ausgestellten Exponate zeugen davon, wie Unwissenheit und Angst als Nährboden für Ausgrenzung dienen: Amerikanische und deutsche Aufklärungsplakate von damals zeigen Fotos von durchtrainierten, nackten Männeroberkörpern in intimen Umarmungen, wagen sich jedoch nie auf Gesichtshöhe - hoch ästhetisch, aber anonym. Da keiner mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden wollte, so der Erklärungstext, war es schwierig, überhaupt Models für die Aufklärungskampagnen zu finden.

Die Ausstellung zeigt auch mehrere Ausgaben des SPIEGEL aus den Achtzigern, der für seine reißerische Berichterstattung über die Krankheit stark kritisiert wurde, etwa weil er in Anlehnung an den US-Begriff "gay plague" den Begriff "Schwulenpest" prägte. Auch ein Interview des Magazins mit dem CSU-Politiker Peter Gauweiler zeigt, wie ausgeprägt das Bedürfnis war, einen Schuldigen zu finden. Gauweiler fordert darin Zwangsmaßnahmen für "uneinsichtige" Aids-Kranke, diese sollten zur Not weggesperrt werden.

1991 machte Basketball-Star Magic Johnson seine HIV-Infektion öffentlich; schon vorher hatte der Tod von Rock Hudson 1985 zu einer Welle der Berichterstattung geführt, ebenso das Schicksal des Teenagers Ryan White, der sich durch eine Blutkonserve infiziert hatte. Aids war in der Mitte der Gesellschaft angelangt; parallel dazu entwickelte sich in der medialen Verarbeitung der Krankheit eine Vielsprachigkeit.

Die Ausstellung zeigt eine Reihe von Aufklärungsplakaten, die gezielt bestimmte Bevölkerungsgruppen ansprechen sollen: Das Gesicht einer jungen Frau auf einem Plakat aus den USA von 1987 etwa, darauf der Satz: "Mein Freund hat mich mit Aids infiziert. Und ich hatte nur die Sorge, schwanger zu werden."

Die rote Solidaritätsschleife wird zum modischen Accessoire

Auch die ästhetische Aufbereitung und der Ton der Appelle wurden variantenreicher - noch immer gibt es düster warnende Plakate. Die Ausstellung zeigt aber auch etwa den heute kultigen "Tina, wat kosten die Kondome?"-Sketch der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, in dem sich Ingolf Lück an der Supermarktkasse verkichert charmant für den Präservativkauf schämt.

Interessant auch, dass parallel zu diesem Bewusstseinswandel auch Unternehmen Aids für sich entdeckten - vielleicht, weil zu dem Diskurs über die Krankheit ein zweiter über die Solidarisierung mit den Kranken getreten war, der sich durchaus auch als Lebensstil vermarkten ließ: Anfang der Neunzigerjahre gehörte die rote Solidaritätsschleife am Revers bei Oscar-Verleihungen selbstverständlich zum Outfit. In einem ganzen Raum dokumentiert die Ausstellung, wie Modefirmen wie "Gap" Shopping-Events veranstalteten, bei denen ein Teil des Gewinns gespendet wurde.

Am berührendsten sind aber die medialen Verarbeitungen, die den Erkrankten selbst Platz einräumen. Nach den früheren Stigmatisierungen wirken sie nicht nur gegenüber der Krankheit, sondern auch gegenüber der Gesellschaft wie Rückeroberungen.

In einem Übergang zwischen zwei Ausstellungsräumen wird ein Ausschnitt aus "La Pudeur ou L'impudeur" an die Wand projiziert, eine Dokumentation des aidskranken Künstlers Hervé Guibert, in der er die letzten Monate seines Lebens einfängt. Wir sehen den ausgemergelten Guibert bei einer Untersuchung zwischen weißen Krankenhauskacheln. "Erkennt man es in meinen Augen?", fragt er. Dieser Mann, dessen Körper sich da aushöhlt, der so ausgeblichen scheint, als sei er nur wie zufällig noch am Leben, der scheu eine Krankenschwester anlächelt - er lässt einen nicht los.

"AIDS - nach einer wahren Begebenheit", bis 21. Februar 2016, Deutsches Hygiene-Museum, Dresden.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
DJ Doena 06.09.2015
Wer sich dafür interessiert, wie die AIDS-Welle in den 1980ern in den USA begann, wie die Schwulen behandelt wurden und auch selbst gehandelt haben, sollte sich mal den extrem starken Film The Normal Heart mit Julia Roberts, Mark Ruffalo (The Avengers), Jim Parsons (The Big Bang Theory) und Matt Bomer (White Collar) angucken.
2. Eigentlich....
Jott 06.09.2015
sollte es ja "Rita, wat kosten die Kondome?" heißen, aber da Rita Süssmuth gerade Gesundheitsministerin war...
3.
taglöhner 06.09.2015
Kleine Anekdote zum Titel: Der Originaltext im Spot mit Ingolf Lück und Hella von Sinnen lautete "Rita, was kosten die Kondome?" Das war irgendwem dann doch zu frivol, weshalb eine neue Synchronisation eingesprochen wurde. Wenn man genau hinguckt, sieht man's :).
4.
go-home-mutti 06.09.2015
In den 90igern gab es gute aids/Condome Videos im Fernsehen. Mittlerweile wird das Ganze moeglichst nicht mehr thematisiert. Steigende Ansteckungszahlen sind das Ergebnis!
5.
taglöhner 06.09.2015
Zitat von DJ DoenaWer sich dafür interessiert, wie die AIDS-Welle in den 1980ern in den USA begann, wie die Schwulen behandelt wurden und auch selbst gehandelt haben, sollte sich mal den extrem starken Film The Normal Heart mit Julia Roberts, Mark Ruffalo (The Avengers), Jim Parsons (The Big Bang Theory) und Matt Bomer (White Collar) angucken.
Nicht zu vergessen den Film "Philadelphia", der sehr viel für die Stimmung im Land und in der Welt zugunsten der Schwulen bewirkt hat.
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