Architekturmodelle Klein, kleiner, Kunst

Bonsai-Architektur oder eigenständige Kunstform? Das Frankfurter Architekturmuseum widmet zum ersten Mal weltweit dem Modell eine eigene Schau. Die Mini-Exponate sind dabei nicht nur überaus schön - ein Modell hat sogar eine halbkriminelle Vergangenheit.

Andreas Kretzer / Dennis Röver, TU Kaiserslautern

Der Potsdamer Einsteinturm des Architekten Erich Mendelsohn ist eine Ikone der Architekturgeschichte. Bis vor kurzem glaubte sich das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt im Besitz eines Entwurfsmodells des Baus aus dem Jahr 1919. Und der Wert dieses Gipsmodells wurde auf 250.000 Euro geschätzt.

Dann hatte das Museum eine Idee. Es konzipierte die weltweit erste Ausstellung zur Entstehung und Verwendung von Architekturmodellen im 20. Jahrhundert. Im Vorfeld wurde gründlich recherchiert, insbesondere zur Herkunft der Modelle aus eigenem Besitz. Und siehe da, nach diversen akribischen Untersuchungen lieferten ein paar im Gips feststeckende blaue Fäden den Beweis: Das Renommierexponat "Einsteinturm" ist erst nach 1950 entstanden und schlägt deshalb nur noch mit zehn bis zwanzig Prozent des angenommenen Wertes zu Buche.

An juristische Schritte denkt das Museum - es hatte das Turmmodell 1988 von einer Kölner Galerie gekauft - derzeit nicht und an eine Vertuschung der Story erst recht nicht. Sie wurde an diesem Mittwoch auf der Eröffnungspressekonferenz der Architekturmodell-Ausstellung publikgemacht.

Schließlich kann das DAM trotz des Einstein-Debakels stolz sein auf seine Schau, die auch andere kritische Aspekte von Modellen nicht unterschlägt. Erst einmal aber versammelt sie 300 zum Teil bildschöne Exponate. Meist sind sie aus Gips, Holz, Metall oder Plexiglas, manchmal aber auch aus Knetgummi, Wachs, Strohhalmen oder angesengtem Styropor.

Zur Parade architektonischer Pretiosen gehört die bronzene Version des berühmten New Yorker Seagram-Hochhauses von Ludwig Mies van der Rohe. Magisch leuchten in einem dunklen Kabinett die Modelle von Axel Schultes und Charlotte Frank, den Architekten des Bundeskanzleramts. Und ein Modell des Berliner "Denkmals für die ermordeten Juden Europas" macht deutlich, wie Peter Eisenman und Richard Serra mit Holz und Pappe die welligen Formen des Stelenfeldes austüftelten.

Wunderbau im Weckglas

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts standen Modelle hoch im Kurs. Modellierte Formen galten als sinnlich-handwerkliche Alternativen zum verkopften Entwerfen per Reißbrett und Lineal. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es von den USA ausgehend einen Modell-Boom. Die Miniaturen wurden jetzt oft von selbständigen Modellbauwerkstätten erstellt und mitunter mit Beleuchtung oder gar Klimaanlage ausgestattet.

In den sechziger Jahren bildeten sich Visionen futuristischer Wohnformen in phantastischen Modellen ab. Und ein Jahrzehnt später wurden sie für den Kunstmarkt entdeckt. Die österreichische Architekten- und Künstlertruppe Haus-Rucker-Co etwa produzierte 1973 gleich 25 Exemplare einer in einem Weckglas konservierten Holzhütte, mit denen sich die Gruppe über beginnende Öko-Tendenzen lustig machte.

Immer aber gab es auch Fachleute, die dem Modell kritisch gegenüber standen. Der US-amerikanische Architekt Bruce Goff sprach in den fünfziger Jahren abwertend von "Modellitis". Und Jacques Herzog von Herzog & de Meuron nennt Modelle, die als verkleinerte Formen von Bauten funktionieren, schon mal ironisch "Bonsai-Architektur".

In der Regel gelten Architektur-Insidern nur Modelle als akzeptabel, die deutlich abstrahieren: die im Material abweichen, auf die Wiedergabe von Details verzichten und bei denen erst der künstlerische Eigensinn des Objekts auf den realen Bau verweist. Wer sich um diese Gebote nicht schert, wie etwa Friedensreich Hundertwasser - in der Ausstellung wird das realistische und puppenstubenhaft niedliche Modell seiner Frankfurter Kindertagesstätte gezeigt - der gilt schnell als Outsider.

Der Stellvertreter wird zum Star

Problematisch sind Architekturmodelle aber auch, weil sie Bauten zwar im Ganzen erfassbar machen, aber gerade nicht aufzeigen können, wie Menschen sie erleben würden. In der Vergangenheit wurden deshalb Fotos aus dem Inneren der Modelle gemacht. Oder es wurde per Endoskop gefilmt, um die Wahrnehmung von Bewohnern zu simulieren.

Heute werden Gebäude- und Innenraumvisualisierungen längst digital erzeugt. Und letztlich lässt sich mit dem Datensatz eines Entwurfs gleich dreierlei erzeugen: ein digitales Modell, ein reales Modell, das durch einen 3D-Drucker ausgeformt wird, und letztlich auch das Gebäude selbst - indem nämlich Bauteile oder Gussformen digital produziert werden.

So ist es kein Wunder, dass das Modell gerade jetzt, da es in seiner herkömmlichen, handwerklich erstellten Form leicht angegraut und entbehrlich erscheint, aus seinem Stellvertreterdasein heraustritt und im DAM eine großangelegte Schau bekommt, die seine Eigenständigkeit gegenüber dem Entwurfszweck betont.

Aber nicht nur diese melancholische Note durchzieht die Ausstellung. Das Museum beweist auch Humor: Es zeigt den zum "Präsentationsmodell (Nachbau), nach 1950" deklassierten gipsernen Einsteinturm inmitten von drei Doppelgängern: Sie wurden für das DAM gebaut, um das zerbrechliche und vermeintlich wertvolle Stück bei auswärtigen Ausstellungen zu vertreten.


"Das Architekturmodell - Werkzeug, Fetisch, kleine Utopie." 25. Mai bis 16. September im Deutschen Architekturmuseum DAM, Frankfurt am Main.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
jot-we 25.05.2012
1.
Ein sehr interessanter Beitrag über Wesen und Funktion des "Modells an sich". Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob der Weg vom Modell zum eigenständigen Objekt stets vorgezeichnet oder ausgeschlossen ist: denkbar wäre zum Beispiel, dass ein Modell gleichzeitig sein eigenes Kunstwerk wird - alleine deswegen, weil in den Phasen des Ausprobierens und Suchens zwar der Weg das Ziel ist, sein Ende jedoch weder erstrebt noch gefürchtet wird. Gerade Gips und Ton eignen sich hervorragend für diesen Prozess der Ideenfindung - und werden doch immer noch stark unterschätzt. Wie sehr man sich da täuschen kann, kann man hier z. B. entdecken: http://bergerslichtwerk.de Kunst ist eben immer mehr, als der Rahmen, in den man sie verfrachtet.
catcargerry 25.05.2012
2. Modelle bleiben sinnvoll
Es ist ja durchaus interessant, dass das Modell "aus seinem Stellvertreterdasein heraustritt und im DAM eine großangelegte Schau bekommt", klar scheint mir aber, dass "seine Eigenständigkeit gegenüber dem Entwurfszweck" nicht von sich aus gegeben ist, sondern entschieden wurde - nicht geboren, sondern gekoren ist. "Problematisch sind Architekturmodelle aber auch, weil sie Bauten zwar im Ganzen erfassbar machen, aber gerade nicht aufzeigen können, wie Menschen sie erleben würden", was allerdings auch für aktuelle Weisen der Veranschaulichung gilt - und es gibt ja auch Teil- bzw. Detailmodelle. Mit Simulationen und Modellen können halt nur Teilaspekte der späteren realen Verhältnisse und Erlebniswelten abbgebildet werden. Für diese Grenzen des Modells, aber auch der Simulation, wird man immer sensibel bleiben müssen. Insofern sind die neuen Möglichkeiten eine Erweiterung, aber nicht unbedingt ein vollständiger Ersatz. Der Punkt, an dem der Aufwand für ein Modell gegenüber einer Entwurfs-Software unwirtschaftlich wird, hat sich allerdings stark zu Ungunsten von Modellen verschoben.
niska 25.05.2012
3.
Zitat von catcargerryEs ist ja durchaus interessant, dass das Modell "aus seinem Stellvertreterdasein heraustritt und im DAM eine großangelegte Schau bekommt", klar scheint mir aber, dass "seine Eigenständigkeit gegenüber dem Entwurfszweck" nicht von sich aus gegeben ist, sondern entschieden wurde - nicht geboren, sondern gekoren ist. "Problematisch sind Architekturmodelle aber auch, weil sie Bauten zwar im Ganzen erfassbar machen, aber gerade nicht aufzeigen können, wie Menschen sie erleben würden", was allerdings auch für aktuelle Weisen der Veranschaulichung gilt - und es gibt ja auch Teil- bzw. Detailmodelle. Mit Simulationen und Modellen können halt nur Teilaspekte der späteren realen Verhältnisse und Erlebniswelten abbgebildet werden. Für diese Grenzen des Modells, aber auch der Simulation, wird man immer sensibel bleiben müssen. Insofern sind die neuen Möglichkeiten eine Erweiterung, aber nicht unbedingt ein vollständiger Ersatz. Der Punkt, an dem der Aufwand für ein Modell gegenüber einer Entwurfs-Software unwirtschaftlich wird, hat sich allerdings stark zu Ungunsten von Modellen verschoben.
Haptisch-optische Modelle bleiben im Entwurfs- und Gestaltungsprozess weiterhin unersetzlich. Visualisierungen, die wir, wenn beauftragt, auch vermehrt einsetzen, stellen halt nur 3D in 2D dar. Zeigen dann oft zuviel oder zu früh zu genau, wecken Erwartungen beim Laienbetrachter/Bauherren, die der Bau dann nicht 100% erfüllen kann. Wir lassen uns Modelle (real oder virtuell) von den Bauherren wenn möglich als besondere Leistungen vergüten, ansonsten lassen sie sich leider im Honorar nach HOAI nicht wirtschaftlich darstellen. Bauen tun wir die Realmodelle für den internen Gebrauch meist trotzdem, auch wenn wir leider immer öfter auf den Kosten sitzen bleiben. Modell, ob real oder virtuell ist beides unwirtschaftlich, aber für gute Architektur bleibt zumindest das Realmodell unersetzlich.
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