Vermutlich haben die hippen Fotogaleriemenschen von der Galerie c/o Berlin sehr lange drüber nachgedacht, wie sie wohlige Gruseleffekte erzeugen können in ihrer jüngsten Ausstellung, die Arbeiten des Fotografen Ron Galella präsentiert. Also haben sie genießerisch in großen Buchstaben zwei Zitate an die Wand des ersten Raums der Show geschrieben. Das eine stammt von Steve McQueen und lautet, wenn ich richtig mitgeschrieben habe, "Ich gebe Ihnen zehn Minuten - damit Sie in ein Flugzeug steigen und verschwinden". Das andere ist von Greta Garbo und besteht aus dem Verzweiflungsruf "Gehen Sie weg, gehen Sie weg!" Man bekommt also schon zum Start der Ausstellung "Ron Galella - Paparazzo Extraordinaire" einen Eindruck von dem Zorn und dem Schrecken, den der Fotograf Galella mit seinem Handwerk verbreitete.
Die Bilder der Ausstellung machen diesen Schrecken noch deutlicher. Greta Garbo presste im Juni 1978 ein weißes Taschentuch über ihren Mund und ihre Nase, als Galella sie überfiel; Mick Jagger streckte ihm im Januar 1983 einen Mittelfinger entgegen; Michael Jackson hielt sich im November 1986 in einer New Yorker U-Bahn-Station einen schwarzen Hut vors Gesicht.
Der Amerikaner Ron Galella, Jahrgang 1931, ist ein berühmter und berüchtigter Mann. Er hat es als einer der ersten Fotografen der Welt zu seiner Leidenschaft gemacht, Prominente auch in ihrem Privatleben heimzusuchen. Marlon Brando hat ihm dafür fünf Zähne ausgeschlagen. Jackie Onassis hat ihn dafür vor Gericht gebracht. Und immer ist Galella als Sieger vom Platz gegangen - jedenfalls, wenn wir dem offensichtlich begeisterten c/o-Berlin-Kurator Felix Hoffmann und dem Fotografen Galella selber glauben. "Schuldgefühle kenne ich nicht", behauptet Galella, "ich glaube an das, was ich tue". Er habe an die Kunst der Kriegsreportage und an die "kriminalistische Fotografie" angeknüpft, in der "gegen den Willen der Täter oder Verdächtigen Porträts erzwungen wurden", lobhudelt der Kurator, Galella mache "die Pose als Geste der Ohnmacht und der Selbstermächtigung sichtbar".
Aus der Loren wird eine dralle Witzfigur
Was aber sieht man wirklich in der Ausstellung "Ron Galella - Paparazzo Extraordinaire" im ehemaligen Postfuhramt in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte? Man sieht die Ausbeute eines sogenannten Bildreporters, der die Reichen und Berühmten bespitzelte, hetzte und gnadenlos bedrängte. Und der es dabei schaffte, die schönsten Frauen der Welt schlimm mitgenommen aussehen zu lassen.
Die großartige Ali McGraw ("The Getaway") hat Galella 1971 in einer New Yorker Flughafenhalle abgepasst und aus einer höheren Etage von schräg oben mit schnippisch verzogenem Mund geknipst. Brigitte Bardot hat er 1968 mit speckfaltigem Bauch beim Baden auf ihrem Privatgrundstück abgelichtet, während er selber im knietiefen Wasser am Nachbarstrand lauerte. Sophia Loren blitzte er bei einem Party-Schnappschuss im Jahr 1965 mit himmelwärts verdrehten Augen als dralle Witzfigur.
Wir leben in einer Gegenwart, in der Tausende deutsche Normalbürger, von der "Bild"-Zeitung und anderen Blättern zu "Leserreportern" ermächtigt, nichts dabei finden, jede Begegnung mit einer Fernsehansagerin, mit einem Star-Fußballer oder einem Politiker mit gezücktem Handy zu fotografieren, egal ob im Restaurant, im Supermarkt und in der Schwimmbadumkleide. Das könnte Anlass genug sein, sich über einen Typen wie den Fotografen Ron Galella und dessen Handwerk ein paar kritische Gedanken zu machen. Für diesen Job haben sich die c/o-Berlin-Ausstellungsmacher den Prominentenanwalt Matthias Prinz ins Boot und in den Ausstellungskatalog geholt.
Arbeit im Nahkampf
Prinz ist der Mann, der die Chefs von "Bunte", "Bild" und Konsorten verklagt, wenn sie die Privatsphäre seiner Klienten verletzen - und er spielt hier den Advocatus des notorischen Privatleben-Zerstörers Galella. "Paparazzi benutzen heute Kameras, die aussehen wie Waffen", schreibt Prinz, mit modernen Zoom-Objektiven könnte Reporter den Gejagten heute aus großer Ferne und ungesehen auf die Pelle rücken. Galella aber habe noch im Nahkampf gearbeitet und sei "ein Fotograf von einer Qualität, die es heute in der anonymen Masse der Paparazzi nicht mehr gibt."
Stimmt das? Tatsächlich hat Gallela auch einige schöne Glamourfotos gemacht, mit dem Einverständnis der Abgebildeten oder bei offiziellen Fototerminen, auch sie werden in einer Auswahl in Berlin gezeigt. Es sind auffallend viele gute Bilder von Männern darunter, von Frank Sinatra zum Beispiel, von Tom Jones und David Bowie, ein besonders netter Abschuss zeigt Ringo Starr und Peter Sellers 1969 in Schlafsäcke eingemümmelt im Londoner Hyde Park.
Geld und Ruhm eingebracht aber hat Galella vor allem die Hetzjagd auf Prominente, die nicht wollten, dass er sie abbildet. Brando hat er erfolgreich auf ein Schmerzensgeld verklagt und posierte dann neben ihm in einem Footballspielerhelm, Jackie Onassis erwirkte einen Gerichtsbeschluss, dass er sich nicht näher als 50 Fuß an sie heranpirschen durfte.
"Der Missbrauch der Pressefreiheit ist nicht liebenswert und frech"
Ein Haufen skrupelfreier Reporter mit Motiven, die dem Berufsverständnis von Ron Galella stark ähneln, sind 1997 in Paris der geschiedenen britischen Prinzessin Diana Spencer und ihrem Geliebten Dodi Al-Fayed nachgejagt, bevor das Auto des Paars an einer Tunnelwand zerschellte. Galella wird in Berlin und vom deutschen Feuilleton trotzdem als Held gefeiert. "40 Jahre lang stalkte er die Stars mit seiner Kamera. Schnappschüsse reichten ihm nicht, er wollte diesen einzigartigen Moment: den Star ohne Maske, unverstellt, echt", jubelt das ARD-Kulturmagazin "Titel, Thesen, Temperamente" in einem hymnischen Beitrag über die Ausstellung, den auch die "Kulturzeit" auf 3sat routinemäßig ins Programm nahm und ins Internet stellte.
Der britische Schauspieler Hugh Grant hat vor wenigen Wochen vor einem britischen Parlamentsausschuss sehr anschaulich über die abstoßenden Praktiken der Murdoch-Sensationsreporter berichtet. "Der Missbrauch der Pressefreiheit ist nicht liebenswert und frech", sagte Grant, "er ist feige und schrecklich." Kann es wirklich sein, das all das nichts mit dem in Berlin präsentierten Handwerk von Galella zu tun hat? Einer wie er sei noch "der Wahrhaftigkeit des Moments" verpflichtet gewesen, pries die Kritikerin der "Süddeutschen Zeitung" Mann und Werk.
Tatsächlich sieht man in der c/o Berlin-Ausstellung Bilder eines ewigen Nachtlebenmitläufers, der mal Grace Jones knipste, mal Paloma Picasso und mal Andy Warhol, wie sie schwitzten oder ihre Münder aufrissen oder Grimassen zogen. Es sind Schwarzweißbilder, die aus einer fernen Zeit zu stammen scheinen und in einem feierlichen Rahmen präsentiert werden, stets nur mit den Vornamen der Promis, was Intimität suggeriert, weil Ron Galella sich auf Augenhöhe sieht mit Grace, Paloma und Andy. Besser macht das die Bilder nicht.
Wer vermietet ernsthaft sein Gesicht?
Im Werbetext von "Titel, Thesen, Temperamente" für die Ausstellung heißt es, Galella sei eine Art Waisenknabe im Vergleich zu jüngeren Kollegen: "Das Geschäft mit den Promis ist dreckiger geworden. Besoffen, hilflos, aufgedunsen, Stars in peinlichen Momenten: Damit verdienen die Paparazzi heute ihr Geld."
Die Bilder, die Galella uns zeigt, von Dean Martin und Frank Sinatra, Richard Burton und Elizabeth Taylor, mögen eine gewisse Patina haben, weil sie vor vielen Jahren gemacht wurden, aber sie zeigen genau das: vom Alkohol gezeichnete, nicht mehr voll steuerungsfähige, keineswegs wirklich ansehnliche Menschen. Vor allem aber beweisen sie: Voyeurismus war als Kind schon scheiße.
Klar gibt es heute eine Menge Menschen, die ernsthaft predigen, jeder habe das Recht, die Prominenten der Gegenwart, ob sie Popsänger sind oder Models oder Friseure, in jeder Lebenslage abzufilmen oder abzufotografieren: weil es ja deren Beruf sei, ihr Gesicht zu vermieten. Das war Unsinn, als Ron Galella damit anfing. Und es ist nicht schlauer geworden im Zeitalter der Murdochs und des knipsenden Allerwelts-Klatschkollektoren.
Leider findet sich nirgends im Katalog und in der Ausstellung Sigmund Freuds bis heute gültiger Lehrsatz: "Der Verlust von Scham ist das erste Zeichen von Schwachsinn." Den Prominenten unserer Zeit aber muss man dringend raten, egal ob sie sich einem "Leserreporter" gegenübersehen oder einem nur angeblich guten Paparazzo-Schlachtross wie Ron Galella, auf jeden Fall so loszuschreien wie Greta Garbo: Gehen Sie weg, gehen Sie weg!
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