Ausstellung "Visual Leader 2011": Arm, aber sexy

Sie haben die visionärste Zeitschriften-Ästhetik: Die Hamburger Ausstellung "Visual Leader 2011" zeigt die Sieger des Lead Awards. Ein Großteil der Preise ging an Low-Budget-Blätter, doch ein paar Gewinner haben längst den Marsch durch die Institutionen angetreten.

Bei Rewe werden an der Kasse derzeit Sammelbildchen verschenkt: Aussterbende Arten - der iberische Luchs ist auch dabei, nicht aber die Zeitschrift, das Magazin, das Heft zum Blättern. Dabei waren es doch genau die, um die sich über Jahre und Jahrzehnte die Sehnsüchte so vieler Menschen rankten, die mit den Medien zu tun hatten: Endlich mal das beste Blatt der Welt gründen, träumten Journalisten; endlich mal ein Magazin, wie es das noch nie gab, hofften Leser.

Das ist vorbei. Sehnsucht: Endstation, wie ein witziger Bildunterschriftentexter wohl schreiben würde. Selbst auf einem Fest wie der Verleihung des Lead Awards, am Mittwochabend in den Hamburger Deichtorhallen, dürfte es schwer gewesen sein, jemanden zu finden, der noch an die ganz große neue Zeitschriftenidee glaubt. Spätestens nach dem teuren und pompösen Fehlschlag mit einer deutschen Ausgabe von "Vanity Fair" hat sich Pragmatismus breit gemacht. Da kann man es fast schon artenpflegerische Sorgfalt nennen, wenn sich eine Jury wie die des Lead Awards die Mühe macht, die Veröffentlichungen des Jahres 2010 zu sichten.

Zu entdecken gibt es dabei durchaus noch was. So das kleinformatige, hedonistische Modemagazin "I Like My Style", aus einem Blog hervorgegangen und somit einer der seltenen Fälle einer printtauglichen Online-Idee. Adriano Sack, einer der beiden Chefredakteure, war früher Kulturchef der "Welt am Sonntag". Jetzt macht er ein Nischenblatt - eine für die Branche derzeit gar nicht so untypische Entscheidung: Man verhebt sich nicht am ganz großen Traum, man verwirklicht den etwas kleineren.

Neugierige Kleinstleserschaften

Low-Budget-Magazine wie "Dummy", "032c", "Kids Wear", Kulturfachblätter wie "Monopol", "Spex" - fast alle aus Berlin - beherrschen die Auslagen der Ausstellung "Visual Leader 2011", in der die Gewinner des Preises nun gezeigt werden. Deren Machern dürfte es wohl kaum darum gehen, Auflage zu machen. Man konzentriert sich auf Kleinstleserschaften, deren Neugier zwar der ganzer Großstadtbevölkerungen gleichkommen mag, den Schreibern der Magazine allerdings ein äußerst karges Auskommen beschert. Wer schon ist heutzutage noch auf Honorare aus? Wir leben doch alle im Postmaterialismus.

Einen ganz anderen Rückzug, den ins Familienleben, begleitet publizistisch der zweite Preisträger als "Newcomer Magazin" des Jahres: "Nido", Gruner + Jahrs Fachblatt für ein aufgeräumtes, geschmackvolles Familienleben. Man könnte "Nido" als Gegenpol zu "I Like My Style" betrachten - und doch sind sich die Welten näher, als es auf den ersten Blick scheint: Die Art-Direktoren teilten sich lange Zeit sogar ein Büro.

Wer nicht für ein Nischenblatt arbeitet, hat den Marsch durch die ganz klassischen Institutionen angetreten: Seinen Niederschlag findet das in den Auszeichnungen für das "Zeit Magazin", unter anderem als "Lead Magazin des Jahres", aber auch darin, dass Veronika Illner, früher mal bei "Tempo", nun als "Bild"-Artdirektorin in der Kategorie "Visual Leader" mit einer Silbermedaille ausgezeichnet wird. Wer von den vielen, die Mitte der Neunziger den Journalismus neu erfinden wollten, hätte damals geglaubt, dass dieser Weg mal bei Springers Boulevardgazette endet?

Ja, da kann man schon mal seufzen, besonders wenn man sich gar nicht weit weg von der Wand, an der Veronika Illners Arbeiten präsentiert werden, die Kopfhörer mit der derzeitigen Kampagne der "Welt am Sonntag" aufsetzt: "Der Tag, an dem der Radiowecker Pause macht", beschwört da ein Sprecher den Erscheinungstag des Blattes, in einem Tonfall, so seifig, als wären die Achtziger noch immer nicht vorbei.

Wenn Tatortbilder Werbefotos ähneln

Es gibt eben, auch das zeigt die Hamburger Ausstellung, keine einheitliche, beherrschende Ästhetik mehr. Bei den prämierten Foto- und Reportagearbeiten steht Harf Zimmermanns frappierende Gegenüberstellung von Bildern der Ostberliner Hufelandstraße aus den Jahren 1986 und 2010 (veröffentlicht in "Geo") direkt neben Rimaldas Viksraitis Schwarzweiß-Aufnahmen "Gesichter eines müden Dorfes - die letzten Bewohner einer aussterbenden Gemeinde in Litauen" (aus "Dummy"). Welches Foto ist hier alt, welches neu, fragt sich der Betrachter, wenn er hin- und herschaut: Entstammt die propere Familie einer untergegangenen Welt oder doch eher jener Nackte, der mit einem Huhn zu tanzen scheint?

Man sieht Bodybuilder aus "Vice", Thomas Lekfeldts erschütternde Fotoreportage "Abschied von Vibe - die letzten Tage eines todkranken Mädchens" aus dem "Stern", den als "Cover des Jahres" ausgezeichneten SPIEGEL-Titel mit Angela Merkel und Guido Westerwelle, Zeile: "Aufhören!"

Wenn es doch immer so einfach wäre. Wer lang genug in dieser Ausstellung herumgeht, wird sich einige Fragen stellen und vielleicht sogar ein paar überraschende Zusammenhänge entdecken: Warum, zum Beispiel, ähneln die Tatortfotos der Amsterdamer Polizei, die das Magazin "Dummy" abgedruckt hat, so erstaunlich den Mode- und Werbefotos anderswo in der Halle? Oder die: Ist die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses, wie sie der Künstler Simon Schubert in "AD" zeigt, nicht viel poetischer und dann auch noch um Hunderte Millionen preiswerter als der Wiederaufbau des wirklichen Gebäudes? Oder auch: Wen eigentlich berührt das Elend nordafrikanischer Flüchtlinge im Mittelmeer, wenn sie doch so malerisch stranden wie in Joel van Haudts Fotoserie "Eine fast normale Reise"?

Peter Handke hat einmal von einem "Wespensirren" im Kopf geschrieben, das ihn befalle, wenn er zu viel Zeitung lese. Aus "Visual Leader 2011" dürfte er kaum ohne das Gefühl herauskommen, einem ganzen Schwarm begegnet zu sein - aber auch mit der Erkenntnis, dass die Gattung Zeitschrift noch immer ziemlich lebendig ist.


"Visual Leader 2011", Haus der Fotografie - Deichtorhallen Hamburg, bis 14. August

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insgesamt 3 Beiträge
sabaidii 09.06.2011
Arm? Das ist ja wohl das einzige das man nicht sieht.
Zitat von sysopArm aber sexy
Arm? Das ist ja wohl das einzige das man nicht sieht.
jellicoe 09.06.2011
Bei NEON und Nido kriege ich ja immer derart das Kotzen. Diese altbackene Ästhetik, diese unerträglichen Titelbilder, diese unterirdischen Themen. Todeszuckungen einer kranken Zivilisation oder welche Hyperbel man auch verwenden [...]
Bei NEON und Nido kriege ich ja immer derart das Kotzen. Diese altbackene Ästhetik, diese unerträglichen Titelbilder, diese unterirdischen Themen. Todeszuckungen einer kranken Zivilisation oder welche Hyperbel man auch verwenden möchte.
favela lynch 10.06.2011
Ich sehe allerdings auch nichts, was sexy ist. Es sei denn, man hielte banale Mimesis für solches. Ich möchte doch sagen: Schön, dass visuelle Führerschaft so gymnasial geworden ist - was selbstverständlich infantil bleibt. Ich [...]
Zitat von sabaidiiArm? Das ist ja wohl das einzige das man nicht sieht.
Ich sehe allerdings auch nichts, was sexy ist. Es sei denn, man hielte banale Mimesis für solches. Ich möchte doch sagen: Schön, dass visuelle Führerschaft so gymnasial geworden ist - was selbstverständlich infantil bleibt. Ich freue mich schon auf Führerschaften aus dem Praenatalen.
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  • Donnerstag, 09.06.2011 – 18:32 Uhr
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