Ausstellung von Reportagefotos Der Blick geht aufs Wesentliche

Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Salvador Dalí - mit ihren Porträtfotos für "Elle" oder "Vogue" wurde die Schweizerin Monique Jacot in den Fünfzigern bekannt. Nun würdigt eine Berliner Ausstellung auch ihre Reportagefotos.


Leicht zu finden ist das Verborgene Museum e.V. in Berlin nicht. Dabei heißt es gar nicht "verborgen", weil es in einem Hinterhof liegt. Seinen Namen trägt es, weil es die Kunst von Frauen zeigt, deren Werke sich oft in Museen befinden, dort aber unbeachtet und oft vergessen in den Archiven lagern. Verborgen also für den Museumsbesucher.

Um diese Arbeiten kümmert sich der Verein des Verborgenen Museums mit Archivarbeit, wissenschaftlicher Aufarbeitung, Dokumentation und öffentlicher Präsentation der Werke von Künstlerinnen, die meist um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geboren sind.

Jetzt zeigt das Verborgene Museum die erste deutsche Ausstellung der Schweizer Fotografin Monique Jacot. Sie ist mit 80 Jahren die jüngste unter den bisher ausgestellten Frauen.

Jacot wurde in Neuchâtel geboren und war bereits mit 22 Jahren diplomierte Fotografin der École des Arts et Métiers in Vevey. Dort wurde das berufliche Rüstzeug - richtige Lichtführung, die Grundsätze der Komposition und technisch perfekte Studiofotografie - auf hohem Niveau gelehrt, allerdings im Geiste der Vorkriegszeit. Schon im Studium hatte sich Jacot bei den perfekten Inszenierungen im Studio gelangweilt, sie ging lieber raus, um in der Natur zu fotografierten und um Szenen in den Straßen der Stadt und Begegnungen mit Menschen festzuhalten.

Kein Wunder also, dass sie mit Reportagen ihr Brot verdienen wollte. Mit Erfolg, denn in den Fünfzigerjahren wurde der Fotojournalismus populär, getragen vom wirtschaftlichen Aufschwung, auch in der Medienbrache. Es gab einige neue Magazine, und Jacot bekam ihre Chance, zum Beispiel bei "Die Woche" oder dem Frauenmagazin "Annabelle".

Eine ratlose Dame im Spielcasino

Allerdings wurden anfangs nur wenige ihrer Fotos gedruckt. Von Jacots Reise in die USA 1959 zum Beispiel erscheinen nur die Porträts des Designerpaars Charles und Ray Eames, andere Aufnahmen zeigte die Fachzeitschrift "Camera", die meisten aber sind bis heute unveröffentlicht.

Im Verborgenen Museum sind von dieser Reise zwei Fotos aus der Serie "Las Vegas" zu sehen: Eine elegante Frau wendet sich anscheinend ratlos von einer Reihe "einarmiger Banditen" ab, auf dem anderen Bild füttern zwei ältere Männer den Spielautomaten in einer billigen Kneipe. Ein anderes frühes Bild ist aus einer Zirkusserie von 1954 und zeigt einen Jungen direkt vor der Manege sitzend, der lieber in seinem Comicheft liest, als den Dressurakten zuzusehen.

Schön wäre es, wenn man die ganze Serie sehen könnte, aber weil das Verborgene Museum nur zwei Räume hat, sei das nicht möglich, sagt Geschäftsführerin und Chefkuratorin Marion Beckers. "Deshalb geben wir einen Überblick über die Vielfalt von Jacots Themen, um damit den Blick generell auf ihr Werk zu lenken, in dem es noch viel zu entdecken gibt", so Beckers.

Viele der ausgestellten Fotografien stammen aus den Sechzigerjahren, in denen Jacot mit Reportagen zu eigenen Themen und mit ihrem persönlichen Stil bekannter wurde. Sie porträtiert für die Magazine "Du", "Elle" oder "Vogue" Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und François Truffaut, Salvador Dalí oder Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely, fotografierte für Theater, das Jazzfestival in Montreux, für ein Buch mit Pantomimen oder in der Zirkuswelt.

Bilder aus dieser Phase wie "Der Pantomime Dimitri" oder die Jazzsänger-Porträts sind in der Ausstellung zu sehen, genau wie Fotos von ihren Reisen durch Krisengebiete in der ganzen Welt, die sie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO machte, um die unzureichenden sozial-hygienischen Zustände zu dokumentieren.

Einfühlsame Langzeitaufnahmen von Bäuerinnen

Besonders diese Aufträge waren für die inzwischen alleinerziehende Mutter von zwei Kindern die finanzielle Grundsicherung, konfrontierten sie aber auch mit prekären Verhältnissen. Das führte bei Jacot zu einem entschiedenen sozialen und feministischen Engagement, das sich bis heute in ihren Fotos manifestiert.

Gezeigt werden zum Beispiel Aufnahmen aus ihren Serien über das Ende des Franco-Regimes in Spanien, von disziplinierten Internatsschülerinnen in England oder die einfühlsamen Langzeitaufnahmen von Bäuerinnen und Fabrikarbeiterinnen. Da hatte sie bereits ihre Auftragsarbeiten aufgegeben, um frei ihre Themen zu wählen und zur Veröffentlichung anbieten zu können. Dass sich Jacot auch für die Sache der Frauen starkgemacht hat, zeigen ihre Aufnahmen von Demonstrationen für die Rechte der Schweizerinnen aus den Neunzigerjahren.

Eine ganz andere Seite Jacots jenseits des Fotojournalismus zeigen Bilder unberührter Landschaften, verlassener Landstriche, von Weinbergen oder Gebirgen. Und zu sehen sind auch großformatige Polaroidfotos, meist Stillleben, sowie die sogenannten Transfers, die durch Experimentieren beim Bearbeiten von Polaroidnegativen in der Dunkelkammer entstanden und die nicht reproduzierbar sind.


Ausstellungsangaben:
Monique Jacot. Reportagen und Tagträume. Fotografien. Polaroids. Transfers. Fotogramme. Berlin. Das Verborgene Museum, Schlüterstraße 70, 9.10.2014 bis 1.3.2015.

Katalog:
Peter Pfrunder (Hg.): Monique Jacot. Fotostiftung Schweiz. 25 Euro, in der Ausstellung zu erhalten.



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