Ralf Schmerberg: Voll auf der Droge Berlin

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Ralf-Schmerberg-Ausstellung: Die Droge Berlin Fotos
Ralf Schmerberg

Geht sie zu Ende, die große Ära der Hauptstadtkultur? Der Künstler und Werber Ralf Schmerberg hat 15 Jahre lang das Leben in Berlin dokumentiert. Die Ausstellung mit seinen Fotos und Filmen wirkt wie ein Nachruf.

Vor ganz großen Sätzen fürchtet sich Ralf Schmerberg nicht. "Der Tod nimmt sich einen Tag nach dem anderen" nennt er seine Ausstellung in der Schlesischen Straße 38. Nur der Untertitel klingt bescheidener: "Berliner Arbeiten 1997-2012" werden hier gezeigt, und die sind eine Art Retrospektive des Werbers, Fotografen und Regisseurs Schmerberg, der vor 15 Jahren aus Stuttgart nach Berlin kam.

Warum er kam? "Ich war blind in dich verliebt" - wie in einem romantischen Brief wendet sich Schmerberg schriftlich an Berlin im Vorwort des Texthefts zum Ausstellungskatalog. Er habe sein Leben weit hinter sich gelassen, "um besinnungslos nah bei dir zu sein". Seine "Droge" Berlin nehme allerdings auf niemanden Rücksicht, "wer von dir fällt, wird nicht aufgehoben", schreibt Schmerberg weiter, und das habe ihn "magisch angezogen". Er selbst kam in Berlin allerdings nicht ins Straucheln, im Gegenteil. 15 Jahre Berlin, das sind 15 erfolgreiche Jahre im Leben Schmerbergs, und was er da alles gemacht hat, zeigt die Ausstellung in drei Kapiteln wie eine Art Tagebuch.

Es beginnt in einem großen Loft mit 126 Fotografien, die dicht an dicht die Wände bedecken, es geht weiter in zwei Nebenräumen mit den Filmen und Videos, die Schmerberg in Berlin gedreht hat und endet im dritten Hinterhof in den Räumen von Mindpirates, einem "Kreative Outlaw"-Kollektiv um Schmerberg, das sich um "gesellschaftliche Fragen und Lebensformen" kümmert. Dort werden Schmerbergs Projekte wie "Dropping Knowledge" in verschiedenen Videos und einer raumfüllenden Sound-Installation gezeigt, ein Making-of der Baumpflanzaktion "Holy Wood" oder Arbeiten zu seinen Filmen "Problema" und "Poem".

Alles ist möglich mit dem Allesmögliche-Fotograf

Aber angefangen hat Schmerberg autodidaktisch als "Mode- und Alles-Mögliche-Fotograf". "Das wissen wenige hier in Berlin", sagt Schmerberg. Wahrscheinlich weil er mit der Fotografie aufgehört hat, als der Werbefilm dazukam. Da wollte er keine Bilder mehr für Geld machen, sondern die Fotografie "als Seelenfreiheit erleben, ohne Kompromisse wie bei Auftragsarbeiten". Deshalb sei dann daraus in 15 Jahren etwas ganz Intimes geworden mit einer Geschichte zu jedem Bild, egal, ob Kinder, Familie, Freunde, Spaziergänge, Freizeit und Arbeit, Filme und Aktionen oder Partys darauf zu sehen sind.

Der Schwan zum Beispiel, der in Nahaufnahme porträtiert ist, besucht Schmerberg regelmäßig an seinem Hausboot, natürlich weil er gefüttert wird. Fotos anderer Tiere entstanden auf Spaziergängen mit seinen Kindern im Zoo oder im Naturkundemuseum. Freunde sind zu sehen, den Künstler Jonathan Meese kennt man oder die Schauspielerin Meret Becker und natürlich Harvey Keitel, der bei Dreharbeiten in Potsdam in seiner Garderobe neben einem Weihnachtsbaum steht. Unbekannt sind die Feiernden einer Silvesterparty im Grunewald oder auch die Drag-Queen "Aphrodite", die im weißen Abendkleid verloren in einem Boot sitzt.

Zertretene Blumen und Essensreste, die sich morgens nach einer Party auf dem Boden fanden, nennt Schmerberg "Ästhetik der Achtlosigkeit". Irgendwo ein Regenbogen, Randale am 1. Mai, Fotos von selbstvergessenen Ravern auf der Love Parade oder das Bild "Coming home", das Berlin vom Flugzeug aus im Morgenlicht zeigt, "so gelb-orange wie die afrikanische Savanne", sagt Schmerberg. Und besonders liegt ihm ein Foto am Herzen, das einen Rocker in der Nationalgalerie vor Bildern der Deutschen Romantik zeigt. Dafür hat er einen Werbedreh unterbrochen, weil die 15 Rocker, mit denen er drehen wollte, die Bilder so super fanden, dass Schmerberg lieber sie fotografiert hat.

"Kein Applaus für Scheiße"

Um Ästhetik oder einen schönen Moment gehe es aber hier nicht, Stück für Stück habe sich alles zusammengefunden, nicht mit System, sondern mit Gefühl. "Da hängt nun die Ära Berlin, die wir alle lieben und von der manche sagen, dass sie gerade vorbeigeht", sagt Schmerberg, und "ja ja ja, ich war überrascht, dass wir, die Vierziger-Generation, schon in so 'ner sentimentalen Brühe landen."

Lange hält Schmerbergs Erstaunen darüber nicht an. "Anna, kannst Du mir mal eine Zigarette besorgen?" Und Themenwechsel: "Ich wollte alles, was ich gemacht habe, mal gemischt sehen." Weil er in der Werbung "als Künstler gilt und in der Kunst als Werber". Aber diese Kategorisierung sei überflüssig, "denn am Ende ist es immer meine Handschrift, ob ich angewandt oder frei arbeite". Er selbst sieht sich heute mehr als Künstler, "das ist einfach meine Seele, die ich verkaufe und verschenke oder öffne oder zeige".

Alle Filme und Videos und Fotos haben viel miteinander zu tun. Weil Schmerberg immer mit einem Grundsatz an Aufgaben herangeht: Er möchte spielen, ausprobieren, Dinge entdecken. So stürmten er und Die Fantastischen Vier als Medienguerillas verkleidet in Fernseh-Live-Sendungen. "Kein Applaus für Scheiße" hieß die Aktion, "eine Woche lang 18-mal rein in die Shows, ohne dass wir geschnappt wurden". Alles ist in einem Raum mit zwölf Videos zu sehen, darunter Musikvideos für die Toten Hosen oder Marius Müller Westernhagen, andere für die Uno oder zu Werbung und zu Schmerbergs Projekt "Dropping Knowledge".

Auf dem Weg in den Videoraum bleibt man vor einer Leinwand stehen, auf der zu sehen ist, wie Hochzeitskleider in einem Verkaufsraum nacheinander zu brennen beginnen und völlig in Flammen aufgehen. Alles sollte beim Dreh zum Film "Poem" in der Babelsberger Halle in Asche versinken. Es kam schlimmer: "Als ich 'Cut' rief", sagt Schmerberg, "brannte es einfach weiter, die Lüftung funktionierte nicht, die Elektronik schaltete ab, und die Sicherheitstüren aus Stahl schlossen sich automatisch. Wir wären beinahe erstickt, es gab viele Verletzte, und ich hatte eine Nahtoderfahrung und das Gefühl, dass bis dahin noch nie in meinem Leben was passiert war."

Dass das definitiv nicht stimmt, zeigt die Ausstellung, die vorerst bis zum 1. März verlängert wurde und voraussichtlich bis zum Berliner Gallery Weekend Ende April geöffnet bleibt.


"Der Tod nimmt sich einen Tag nach dem Anderen. Berliner Arbeiten 1997-2012". Ralf Schmerberg. Schlesische Straße 38, Haus F, 3. Hinterhof, 10997 Berlin.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Darstellung des Banalen
wiwi 12.02.2013
In Berlin ist sogar ein Schwan etwas ganz Besonderes.
2. belanglosigkeiten
andy.o. 12.02.2013
die durch den doppelten hinweise darauf, doppelt geadelt werden, ich schäme mich nicht nur heimlich mindpirates: die aneignung eines konzeptes freier aneignung als werbekonzept, das dann in kommerzieller form urheberrechtlich geschützt wird, dummdreister gehts nicht
3.
GoBenn 12.02.2013
"Anna, hol mal Kippen!" Auch in Berlin ist es wie überall. Ingeborg, stell uns Anna doch mal vor oder ist die nur Staffage?
4. http://de.wikipedia.org/wiki/Ralf_Schmerberg
netzpolizei 12.02.2013
hypovereinsbank, mastercard, american express, nike ...schöne referenzen für einen "künstler" der was zu sagen hat !
5. Ein Schwabe unter Schwaben
Guderian 12.02.2013
---Zitat--- "Da hängt nun die Ära Berlin, die wir alle lieben und von der manche sagen, dass sie gerade vorbeigeht", sagt Schmerberg, und "ja ja ja, ich war überrascht, dass wir, die Vierziger-Generation, schon in so 'ner sentimentalen Brühe landen." ---Zitatende--- Ich nicht. Für den Berliner ist Berlin ein Fixpunkt des Universums. Ein unveränderlicher Ort der Ruhe, der immer gleich bleibt, auch wenn die ganze Welt verrückt spielt. Für den Schwaben ist Berlin eine Ära spannender Veränderungen, vor 89 hat es sie nicht gegeben und nun ist sie auch schon wieder vorbei. Möge er zurück kriechen in das Loch aus dem er gekommen ist.
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