Von Ingeborg Wiensowski
Milchschleckende Katzen kommen vor und niedliche Bären-Skulpturen, weiße Tauben, blaue und andere Pferde auf Bildern und im Film, übermütige Fohlen in Bronze und kluge Eulen, gemalt auf eine Kanne. "Weiße Federn, schwarzes Fell. Tiere in Darstellungen des 20. Jahrhunderts" heißt die Ausstellung im hannoverschen Sprengel Museum, die mit diesem Titel zum beliebten Familienausflugsziel taugen könnte.
Könnte! Denn nur das wenigste ist bei genauem Hinsehen so harmonisch, natürlich, erhaben oder so niedlich, wie es sich anhört, weil Künstler für ihre Auseinandersetzung mit existenziellen Themen wie Leben und Tod, gesellschaftlichen Utopien und politischen Verhältnissen schon immer Tierdarstellungen benutzt haben. Auf die enge Verbindung von Mensch und Tier in früheren Gesellschaften ist das zurückzuführen, die sich allerdings seit dem 20. Jahrhundert enorm geändert hat. Das Tier verschwindet mehr und mehr, zumindest aus dem städtischen Lebensraum - oder es hat als Haustier, Nahrungslieferant oder Kuscheltier eine unnatürliche Nähe zum Menschen.
In der Kunst kann "das Tier zu Metapher, Symbol oder Gleichnis werden, zum beredten Attribut, Reflexionsmoment oder Seelenbild; es ist wesentlicher Bestandteil einer Betrachtung der Welt, die sich zur Vision oder Desillusion ausweiten kann", schreibt Isabelle Schwarz, die Kuratorin der Schau, im Katalog.
Wie das aussieht, zeigen 190 Werke von so unterschiedlichen Künstlern wie Max Beckmann, Marc Chagall, Nathalie Djurberg, Paul Klee, Franz Marc, Pablo Picasso, Dieter Roth, Niki de Saint Phalle oder Corinna Schmidt und Anri Sala. In dessen Film "time after time" von 2003 steht zum Beispiel ein altes Pferd für den Kulturverlust des Menschen, der die Fähigkeit des Sicheinfühlens und des Mitfühlens verloren oder abgelegt hat. Sala zeigt das klapprige Tier in der Nacht, angebunden direkt neben einer Durchfahrtsstraße. Abgestellt, ausrangiert und vergessen steht der alte Gaul da, hebt manchmal hilflos seine Hufe und wankt kaum merklich, wenn Sattelschlepper direkt an ihm vorbeirasen. Wie eine Ewigkeit kommen dem Betrachter die 5.36 Minuten vor, in denen die Autoscheinwerfer das Leiden des Tieres beleuchten und es dann wieder ins Halbdunkle verschwinden lassen. Kein Fahrer hält an, kein Mensch zeigt Mitleid, und selbst der Filmbetrachter wendet sich hilflos von der Szene ab, die einen Endpunkt im Verhältnis von Mensch und Tier am Beginn des 21. Jahrhunderts beschreibt.
Menschliches bei Pferden, Bären, Stieren und Katzen
Dass Pferde zu den ersten domestizierten Tieren gehörten, die dem Menschen schon in der Frühzeit Mobilität gaben und für seine zivilisatorische Entwicklung eine wichtige Rolle spielten, ist heute im Gegensatz zum Beginn des 20. Jahrhunderts vergessen. Für Franz Marc spielten Tiere und besonders das Pferd noch eine zentrale Rolle als Chiffre einer künstlerischen Utopie vom gemeinsamen irdischen Paradies - Mensch und Tier sollten eins sein mit der Natur. Andere Künstler, wie Pablo Picasso oder Renée Sintenis, deren aufrecht stehender "Kleiner Bär" die Vorlage zum Wahrzeichen Berlins ist, setzen die Tiersymbolik in ihren Arbeiten ein. Bei Sintenis stehen ihre Jungtier-Skulpturen und Zeichnungen für ein intimes Lebensgefühl, später während der Nazizeit, in der sie als "entartet" galt, für den einzigen noch möglichen Ausdruck von Gefühl und Besinnung.
Picasso malt und zeichnet Schädel von Ziege, Schaf und Stier in der Zeit des Zweiten Weltkrieges als Metaphern. Seine Stierkampf-Bilder erzählen von Ritualen, Mut und Stärke, die über Triumph oder Niederlage entscheiden - und über den Tod. Und ein Stier in Gestalt des Minotaurus ist sein Alter Ego in der "Suite Vollard". Auch sein Gemälde "Der Hahn und die Katze" ist ein Bild über privaten Kampf und Unterliegen. Picasso hat die Katze, die sich in einen liegenden Hahn verbissen hat, 1953 gemalt, als er und Françoise Gilot sich voneinander trennten. Die Katze ist bei ihm das Weibliche, später malt er sie heiter und verspielt in Bildern von seiner neuen Lebensgefährtin Jacqueline Roque.
Bei Künstlern wie Marc Chagall, Niki de Saint Phalle oder Nathalie Djurberg sind Tiere Fabelwesen. Bei Chagall leben Mensch und Tier respektvoll nebeneinander und Saint Phalle stellt sich einen Drachen stellvertretend für ihre Lebensängste an die Seite, die durch seine Stärke ihren Schrecken verlieren. So gut geht es bei Nathalie Djurbergs zusammengewachsenem Mischwesen aus Wolf und kleinem Jungen nicht aus. In ihrem Video "We are not two, we are one" ringen die beiden miteinander, stellvertretend für Gut und Böse, für das rücksichtslose Animalische und die kindliche Unschuld. Ihr Kampf wird niemals zu Ende gehen.
Da ist man ganz froh, dass - anscheinend - auch mal die Tiere siegen. Im Film "Once upon a time" von Corinna Schnitt zeigt eine auf Kleintier-Augenhöhe montierte, sich drehende Kamera, wie in ein aufgeräumtes, menschenleeres Wohnzimmer nach und nach immer mehr Tiere hineinkommen. Erst Katzen, Hunde, ein Kaninchen, ein Kakadu, dann eine Kuh, Ponys, Ferkel, Gänse und Hühner und schließlich sogar ein exotisches Lama. Chaos breitet sich aus, Gegenstände stürzen um, dabei machen die Tiere einfach nur das, was in ihrer Natur liegt: schnuppern, spielen, in Deckung gehen, fressen, streiten und sich putzen. Nach zwölf Umdrehungen ist der Film vorbei - die "Haustiere" haben alles gefressen, erobert und zerstört, sie haben Rangfolgen geklärt und sich kreatürlich verhalten, wenn Hund und Katze aus dem Goldfischglas getrunken haben. Und was nun? Das ist die Frage, die die Ausstellung zum Verhältnis von Mensch und Tier heute stellt. Antworten gibt sie nicht.
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