Ausstellung zur tunesischen Revolution Der Fotograf der Freiheit

Früher fotografierte er einfach Landschaften - doch dann hielt Hamideddine Bouali die Proteste gegen den tunesischen Diktator Ben Ali mit der Kamera fest und schuf bleibende Bilder der Revolution. Nun werden sie in Berlin gezeigt - ausgerechnet in der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen.

Von Jenni Roth


Die junge Frau reißt ihren Mund auf, und die Hände in die Höhe. Verzweifelt, jubelnd, kämpferisch. Sie trägt eine große tunesische Flagge, und am Leib ein bemaltes weißes Shirt. "Tunesien gehört mir und dir und allen", steht darauf.

Auch Hamideddine Bouali war dabei an jenem 19. Februar, bei der Demonstration für ein freies und laizistisches Land. Der "Sieg Tunesiens", wie das Foto heißt, wird als Gesicht der Revolution in die Geschichte eingehen. Noch aber ist es Teil der Ausstellung "Révolution à la tunisienne - le fil rouge" (Revolution auf Tunesisch - der rote Faden), die im Frühjahr in Tunesien zu sehen war. Überlebensgroß prangte das rot-weiße Bild auf einem Plakat vor dem Mad'Art, dem kulturellen Zentrum des Städtchens Karthago, 20 Kilometer von Tunis entfernt. Dahinter, in einem weitläufigen Raum, zeigten die großformatigen Bilder, was der Fotograf Bouali sah, als er sich im Januar und Februar mit seiner Lumix in die Menge mischte.

"Ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viel erlebt", sagt der Fotograf. Dabei ist Bouali schon 50 Jahre alt. Klein ist er, fast zerbrechlich, er hat einen Schnurrbart und schütteres Haar. Er kuratiert Ausstellungen, unterrichtet und hat den ersten Fotoclub von Tunis gegründet. Vor der Revolution lichtete er Landschaften ab, wollte einfach ein "netter Fotograf" sein. Noch am 13. Januar bloggte er begeistert von dem Sieg seines Volkes, als der Diktator Ben Ali seinen Untertanen Reformen und Freiheit versprach. Es war sein letzter politischer Kommentar. Dann beschloss Bouali, nur noch mit Bildern zu sprechen - auch wenn gleich am Anfang ein Kollege, der Fotograf Lucas Mebrouk Dolega, sein Leben lassen musste, nachdem er aus nächster Nähe von einer Tränengaskartusche ins Gesicht getroffen worden war. Ganz nüchtern sei er losgezogen, erzählt Bouali, mit seiner Kamera und der Tränengasmaske. Die Emotionen habe er zu Hause gelassen: "Wenn ein Chirurg sich von Gefühlen leiten lässt, kann er nicht operieren. So ähnlich ist es auch bei mir."

Stacheldraht am Place de Kasbah

Die Revolution hat Hamideddine Bouali groß gemacht. Vorher kannte ihn keiner, nicht in Tunesien und nicht anderswo. Jetzt wandern seine Bilder um die Welt, nach London, nach New York - und Berlin. Ab Montag hängen seine Bilder in der Gedenkstätte Hohenschönhausen, einem ehemaligen Stasi-Knast. Hubertus Knabe, der Direktor der Gedenkstätte, kennt sich aus mit der Aufarbeitung autoritärer Systeme. Auch wenn sich beim deutschen Mauerfall keine Demonstranten mit Militärs verbrüdert hätten, "erinnern mich die Fotos an den Umbruch in Osteuropa".

Auf einer Tunesien-Reise im April hatte der Historiker die Fotos von Bouali entdeckt, jetzt zeigt er sie in Hohenschönhausen. Das Foto von den Demonstranten etwa, die am 14. Januar, dem Tag, als Ben Ali nach Saudi-Arabien floh, den Sarg eines getöteten Rebellen durch die Menge tragen. Oder den "Reiter der Apokalypse": Vor einer Wand aus Tränengas steht eine Mülltonne mit Graffiti, vor dem Nebel zeichnet sich ein Polizist in schwarzer Montur und Kampfstiefeln ab, das Visier seines Helms hat er hochgeklappt, in den Händen ein Tränengasgewehr, das er direkt in die Kamera zu richten scheint. Oder das Foto von dem jungen Pärchen, das bei der ersten Besetzung auf dem Place de Kasbah campiert, zusammen mit unzähligen Jugendlichen, die aus den ärmeren Landesteilen mit einer Karawane nach Tunis gekommen waren.

Neun Monate später ist der Place de Kasbah noch immer mit Stacheldraht abgeriegelt, Soldaten mit Panzerwagen bewachen ihn, die Graffiti an den Mauern sind überpinselt. Auch hinter den Mauern bleibt vieles verdeckt. "Da hat wohl ein Großreinemachen stattgefunden", sagt Knabe. Der Stasi-Aufklärer aus Berlin war Anfang Oktober der erste Deutsche, der Einblicke in die Geheimdienstvergangenheit gewinnen durfte: In den Räumen des Innenministeriums im Zentrum der Stadt wurden frisch Verhaftete gefoltert, um dann an die Stasi überführt zu werden. Ein Ort, der offiziell gar nicht existierte.

Immer noch besetzen zahlreiche alte Kader Schlüsselpositionen - Tarnung und Vertuschung seien da vorprogrammiert. "Die Wände sind übermalt, die Böden tadellos geschrubbt", berichtet Knabe von den Zellen. "Der Sprecher des Innenministeriums erklärt, er habe keine Ahnung, wo die Akten seien", sagt Knabe. Und doch seien die Spuren des Horrors nicht zu übersehen. An der Decke hängen noch die Haken für das "Poulet rôti", das Grillhähnchen. Bei dieser Foltermethode werden die Gefangenen aufgehängt, an Stöcke gefesselt und bis zur Bewusstlosigkeit um die eigene Achse gedreht.

Tunesier haben Wahrheitsfindung "ganz gut hingekriegt"

Knabe versucht nun, die Tunesier davon zu überzeugen, aus dem ehemaligen Gefängnis eine Gedenkstätte zu machen. Aufgrund seiner Erfahrung in Sachen Aufklärung von Unrechtsregimes berät er auch die tunesische Kommission zur Wahrheitsfindung. "Es sind immer dieselben vier Fragen, wenn eine Diktatur zusammenbricht", sagt der Historiker: Was geschieht mit den Tätern? Wie entschädigt man die Opfer? Wie findet man die Wahrheit? Und wie trägt man sie in die Gesellschaft?

Verglichen mit der DDR, findet Knabe, "haben die Tunesier das ja ganz gut hingekriegt". So hätten sie etwa die Partei von Ben Ali sofort verboten und die Parteizentrale zugemacht, Mitgliederkarteien hätten damit - anders als bei der SED/PDS - nicht nach und nach verschwinden können.

Und die Dinge in Tunesien haben sich auch nach dem Umsturz schnell und immer weiter verändert. Ein Dutzend freie Radiosender und sechs Fernsehkanäle haben Sendegenehmigungen erhalten, immer neue Zeitungen erscheinen. Die Menschen lesen, hören, diskutieren, zu Hause, bei der Arbeit und auf der Straße. Alles, was über Jahre verdrängt wurde, bricht auf. Auch die Kunst geht über ihre ehemaligen Grenzen hinaus. So wurde erst bei den Berliner Festspielen das Revolutionsstück "Amnesia" des tunesischen Theatermachers Fadhel Jaïbi aufgeführt.

Doch immer wieder kippt die Stimmung in Enttäuschung und Ernüchterung um, auch bei Kulturschaffenden und Intellektuellen. Große Wellen schlug vor allem die gewaltsame Verhinderung der Aufführung des religionskritischen Films "Ni Allah ni Maître" von Nadia al-Fani. Hundert militante Islamisten skandierten am 29. Juni vor dem Studiokino "AfricArt" in Tunis "Allahu Akbar"- "Gott ist groß", drangen gewaltsam in den Kinosaal ein und verprügelten den Betreiber. "Es ist gefährlich, wenn die neue Freiheit von innen ausgehöhlt wird", sagt Knabe.

Dabei wirkte es nicht unbedingt beruhigend, dass al-Nahda erst lange schwieg, bevor sie sich endlich, wenn auch gewunden, von den Vorfällen distanzierte. Al-Nahda ist die islamistische Partei, die bei den Wahlen vom Sonntag wohl gewonnen hat. Doch zeigt eine Wahlbeteiligung von rund 90 Prozent, dass der Kampf gegen Diktaturen nicht Geschichte ist. Der 23.10.2011 war für die Tunesier das, was für die Ostdeutschen der 18. März 1990 war: die ersten freien Wahlen der Staatsgeschichte. Nach dem Sturz des Präsidenten war es das zweite historische Ereignis in diesem Jahr. Und das erste Mal, dass Hamediddine Bouali frei wählen durfte.


Die Ausstellung "Revolution auf Tunesisch - Der rote Faden" mit Fotografien von Hamideddine Bouali ist noch bis zum 31. Dezember täglich von 9 bis 18 Uhr in den Räumen der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Genslerstr. 13a, 13055 Berlin zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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tetaro 25.10.2011
1. Schöne Bilder, aber...
... darunter Frauen ohne Schleier, das wird vielleicht nicht mehr lange so gehen.
gelldaschaust 25.10.2011
2. Hm?
Aus dem Artikel: "Neun Monate später ist der Place de Kasbah noch immer mit Stacheldraht abgeriegelt, Soldaten mit Panzerwagen bewachen ihn, die Graffiti an den Mauern sind überpinselt. Auch hinter den Mauern bleibt vieles verdeckt. "Da hat wohl ein Großreinemachen stattgefunden", sagt Knabe. Der Stasi-Aufklärer aus Berlin war Anfang Oktober der erste Deutsche, der Einblicke in die Geheimdienstvergangenheit gewinnen durfte: In den Räumen des Innenministeriums im Zentrum der Stadt wurden frisch Verhaftete gefoltert, um dann an die Stasi überführt zu werden. Ein Ort, der offiziell gar nicht existierte." Das kapier ich nicht. Der Place de Kasbah ist doch in Tunis. Was hat denn nun die DDR-Stasi damit zu tun? Im Übrigen ist die Einschätzung, dass die Tunesier das mit der Aufklärung "ganz gut hingekriegt" hätten, schon etwas gewagt, schließlich sind die Tunesier erst grade mitten drin, das "hinzukriegen". Eine seriöse Bewertung ist m.E. erst retrospektiv möglich. Diese Einschätzung ist nichts weiter als eine unbedeutende Einzelmeinung zu einem gerade erst statt findenden und bei weitem nicht abgeschlossenen Prozess
Pepito_Sbazzagutti 25.10.2011
3. Genießen
Die Bilder müssen unbedingt als Erinnerung erhalten bleiben. So lange wird Herumgrölen auf der Straße in Tunesien wohl nicht mehr erlaubt sein.
Chris110 25.10.2011
4. Welche Freiheit?
Nach der Revolution kommen die Islamisten: Kopftuch, Burka, Steinigungen... Soll das Synismus sein?
Haywood Ublomey 25.10.2011
5. Der Ausstellungsort ist schlecht gewählt.
Hubertus Knabe hat nie irgendein Interesse an Menschenrechtsverletzungen in westlichen oder mit dem Westen verbündeten Staaten erkennen lassen; er kennt nur den „Fall Rot“. Aber was soll’s, darin unterscheidet er sich ja nicht von unseren Regierenden, wie die Titanic uns noch mal ins Gedächtnis gerufen hat: http://www.titanic-magazin.de/uploads/RTEmagicC_Trauer-um-Gaddafi-ticker.jpg.jpg
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