Ausstellungen in Hamburg Nachgebaute Hütten und ausgedruckte Paläste

Die zeitgenössische Kunst gehört gemeinhin nicht zu den Stärken der Hamburger Museumslandschaft. Doch nun präsentieren zwei Institutionen mit frischen Leiterinnen gelungene Ausstellungen über Mythen und ihre Gegenwart.


In Hamburg haben sich verschiedene benachbarte Museen von der Kunsthalle bis zu den Deichtorhallen zur "Kunstmeile" zusammengetan, damit der Besucher von Entdeckung zu Entdeckung flanieren kann. Zwei Ausstellungen machen dieses Marketingversprechen nun wahr - und das, obwohl die eine von ihnen im Kunsthaus Hamburg stattfindet, das zwar in der Nähe liegt, aber gar nicht zur Kunstmeile gehört.

Beide Ausstellungen sind völlig unterschiedlich - und doch haben sie gemeinsam, dass beide den Zustand unserer Gesellschaft betrachten, dass sie Bezüge zur Vergangenheit herstellen, Mythen und Geschichte hinterfragen, die Digitalisierung behandeln, dass sie verschiedene Medien wie Videos und Filme, Schrift und Bild, Kopie und Adaption gleichwertig benutzen, dass sie Aufmerksamkeit generieren wollen und dabei in ihren Arbeiten eine politische, soziale und ästhetische Perspektive einnehmen.

Im Kunstverein zeigt Bettina Steinbrügge, Direktorin seit rund einem Jahr, eine großartige Ausstellung mit dem bisher eher als Experimentalfilmer bekannten Amerikaner James Benning, die in jeder internationalen Institution bestehen kann.

Und gleich nebenan, im vorher ziemlich angestaubten Kunsthaus Hamburg, hat die neue Chefin Katja Schroeder ihre erste Ausstellung aufgebaut: "All Tomorrow's Past" heißt ihre Gruppenschau, der Auftakt zum diesjährigen thematischen Schwerpunkt: unterschiedliche Formen der Erinnerungskultur unter dem Motto "Die Zukunft war früher auch besser".

Geschichte als subjektive Verhandlungssache

Im Kunsthaus zeigt Carsten Benger auf drei Tischen gefakte Prominenten-Interviews des Journalisten Tom Kummer aus alten "SZ"-Magazinen. Dazu legt Benger Comics über Prominente aus und ein eigenes Interview, das er mit Kummer geführt haben will - ob authentisch oder fiktiv bleibt offen. So können Mythen und Behauptungen im Kontext der Pop- und Medienwelt zu Fakten werden und die Wahrheit zu einer relativen Kategorie.

Kerstin Kartscher verwebt in ihren Zeichnungen Gegenwart und Zukunft mit der Vergangenheit. Auf einem runden Lampenschirm verschmelzen zum Beispiel romantische Springbrunnen und geflochtene Pavillons mit Bretterzäunen und Architekturutopien zu zeitlosen atmosphärischen Stadtlandschaften.

Oliver Laric hingegen zeigt, wie Vergangenheit heute gelesen wird und wie sie in die Zukunft weitergetragen werden kann. Mit einem 3-D-Scanner hat er in einem norwegischen Museum sieben Säulen aus dem alten Sommerpalast in Peking digitalisiert, ausgedruckt und auf einen Sockel ausgestellt. Die Daten stellt er auf einer Website zum kostenfreien Herunterladen zur Verfügung.

Zeit nehmen sollte man sich unbedingt für vier Filme: Maya Schweizer verwebt eigene Filmaufnahmen der herrschaftlichen klassizistischen Villa Torlonia, in der Benito Mussolini residierte, mit Archivbildern, die sie wie Schatten über die Gegenwart legt. In einem zweiten Film führt eine Archäologin, die sich als Schauspielerin bezeichnet, durch die historischen jüdischen Katakomben unter der Villa.

Die Otolith Group hinterfragt mit ihrem im palästinensischen Flüchtlingslager Dschenin gedrehten Film nicht nur die Politik, sondern auch das Genre Film zwischen Dokumentation und Inszenierung. Und um Subjektivität und Objektivität geht es auch in "Vita Nova" des Belgiers Vincent Meessen. Er suchte den salutierenden afrikanischen Jungen auf einem Foto, das Roland Barthes in "Mythen des Alltags" zu staatlicher Propaganda erklärt hat, und zeigt in seinem Film eine aktualisierte Version der bisher geltenden Geschichtsschreibung.

Natur, Technologie und der Ungehorsam gegen den Staat

Im Kunstverein hat der amerikanische Filmemacher James Benning ein Projekt in allen Facetten ausgebreitet, an dem er seit den Achtzigerjahren arbeitet. Dabei geht es ihm um die Ambivalenz von Technologisierung, die gesellschaftlichen Auswirkungen des Fortschritts, unbegrenzte Möglichkeiten, um Unabhängigkeit und die verfassungsverbriefte persönliche Freiheit.

Im Mittelpunkt der Schau stehen die in der Wildnis gebauten Blockhütten zweier Außenseiter, die Benning nachgebaut hat. In einer hat der Philosoph Henry David Thoreau 1849 sein bis heute wichtiges Manifest "Resistence to Civil Government" - "Über den Ungehorsam gegen den Staat" - geschrieben, in der anderen hat der als "Unabomber" bekannt gewordene, hochintelligente Mathematiker Theodore Kaczynski von 1970 an gelebt und "Die Industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft" geschrieben. Und er hat von dort aus zwischen 1978 bis zu seiner Verhaftung 1995 Briefbombenattentate verübt, bei denen Menschen starben.

Benning erzählt dazu Geschichten mit seinen 121 Minuten langen Filmen "Stemple pass" und "Concord Woods", in denen er jeweils Texte von Kaczynski und Thoreau vorliest.


Ausstellungsangaben:
James Benning. Decoding Fear. Hamburg, Kunstverein, bis 10.5.,

All Tomorrow's Past. Hamburg, Kunsthaus, bis 15.3.



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insgesamt 2 Beiträge
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hermannheester 17.02.2015
1. Kunst ist die Kunst des Handelns
Diese Erkenntnis hat sich nun ja auch schon in dicken Büchern niedergeschlagen. Nicht die Erzeugnisse der Künstler machen Kunst aus sondern seine Fähigkeit, diese als "Kunst" auch zu verkaufen.
thelix 17.02.2015
2.
Zitat von hermannheesterDiese Erkenntnis hat sich nun ja auch schon in dicken Büchern niedergeschlagen. Nicht die Erzeugnisse der Künstler machen Kunst aus sondern seine Fähigkeit, diese als "Kunst" auch zu verkaufen.
Nö.
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