Kunst-Star Tino Sehgal Tausche Geld gegen Meinung

Der Künstler Tino Sehgal schafft keine Bilder, Objekte oder Videos, sondern "konstruierte Situationen", flüchtig und immateriell. Damit bespielt er nun gleichzeitig die Londoner Tate Modern und ist zur Documenta eingeladen. Sammler seiner Werke bekommen keinen Kaufvertrag.


Tino Sehgal, 36, in London geborener deutscher Künstler, ausgebildet als Tänzer und Choreograf und studierter Volkswirt, ist der meistbeschäftigte und meistbeachtete Künstler dieses Jahres. Vier Ausstellungen sind allein in diesem Monat in Deutschland und Großbritannien zu sehen: Auf der Documenta in Kassel zeigt er in einem dunklen Hinterhof-Raum "This Variation", in der Londoner Tate Modern führen rund 70 Darsteller täglich in der riesengroßen Turbinenhalle "These Associations" auf. Im Folkwang-Museum in Essen bespielt Sehgal einen Raum der Schau "12 Rooms", und in Hamburg wird während des Sommerfestivals auf Kampnagel "This is Exchange" fast täglich ab 19 Uhr bis nach Mitternacht aufgeführt.

"This is Exchange" ist eine ältere Arbeit, die Sehgal schon vor einigen Jahren in der Londoner Tate Modern zeigte, die aber nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Man kommt in einen Raum und trifft auf ein oder zwei Darsteller, die bei Sehgal "Interpreters" heißen. Sie begrüßen die Besucher und sagen: "Dies ist ein Kunstwerk von Tino Sehgal und heißt 'This is Exchange'. Das Werk ist ein Angebot, das ich Ihnen machen möchte. Sie können einen Teil Ihres Eintrittgeldes zurückbekommen, wenn Sie mir Ihre Meinung zum Thema Marktwirtschaft sagen und sich auf ein Gespräch einlassen. Möchten Sie das Angebot annehmen?"

Wenn das nicht selbst ein höchst marktwirtschaftlicher Vorgang ist - ein Geld-gegen-Meinung-Tausch. "Soziale Marktwirtschaft finde ich gut, wenn sie sozial bleibt", sagt eine Frau, ein Mann will wissen, ob Marktwirtschaft oder Kapitalismus gemeint sei. Es liege bei ihm, was er unter "Marktwirtschaft" verstehe, sagt der "Interpreter", und schon spricht eine kleine Gruppe über die Euro-Krise, über die eigenen und die unterschiedlichen Vorstellungen in der Wissenschaft zur Lösung der Krise und was eigentlich das Soziale in der Marktwirtschaft sei.

Codewort "Panda Bär"

Über Ungerechtigkeit und Ungleichheit wird geredet und diskutiert, über Verteilung, Banken und auch über ganz persönliche Beispiele. Der "Interpreter", der im Fernstudium Volkswirtschaft studiert, hört sich alles freundlich an, korrigiert nie, steuert keine eigene Meinung bei, sondern fragt einfach immer wieder nach der Meinung der Besucher. Und am Ende teilt er jedem aus der Gruppe das Codewort "Panda Bär" für die Abholung des halben Eintrittsgeldes mit.

Was ist nun daran eigentlich die Kunst, fragt man sich, wenn man draußen ist. Man kann sich doch auch im Freundeskreis über Marktwirtschaft unterhalten. Ja, kann man, aber hier ging es sanft zu, freundlich, zuhörend, ermutigend. Oder wurde man vielleicht doch vorgeführt? Nach dem Motto: die anständige Marktwirtschaft verlangen und sich dann bezahlen lassen? Für welche Leistung denn? Man ist doch unterhalten worden? Und von welchem Geld geht denn die Auszahlung ab, die man sich abholen kann? Bei Sehgal kostet es ja gar keinen Eintritt, also schmälert man dann den Kampnagel-Etat? Und das genau will Sehgal: den Besucher offen und subjektiv ansprechen, oft als Einzelnen in der Gruppe, ihn zum Mitdenken bewegen, er will irritieren und auch erheitern, ohne zu verunsichern.

Sehgal rüttelt damit an festgefügten Vorstellungen, was Kunst sein kann, denn er stellt weder Bilder noch Objekte her, baut keine Installation, dreht kein Video und will seine Arbeit nicht als Performance bezeichnen. Er selbst nennt seine Werke "konstruierte Situationen". Sie sind flüchtig und vollkommen immateriell. Und das heißt bei Sehgal: keine Fotos, keine Texte, keine Kataloge, nicht mal einen Kaufvertrag für Sammler.

Eine Herausforderung für jedes Finanzamt

Ein Sammler, der als einer der ersten eine der Situationen gekauft hat, war Axel Haubrok. 2003 kaufte er "This is Propaganda" von 2001, für 15.000 Euro. Wie das vor sich ging, wird Haubrok nie vergessen, sagt er - beim Notar trug Sehgal einen mündlichen Vertrag vor: wo und unter welchen Bedingungen das Werk gezeigt werden soll. Denn der Käufer verpflichtet sich, es weiter ausstellen zu lassen. Haubrok stimmte mündlich zu. Zahlen kann man bei Sehgal entweder bar oder per elektronischer Überweisung ohne Unterschrift. Eine Herausforderung für jedes Finanzamt!

Heute wäre "This Is Propaganda" sehr viel mehr wert, würde Haubrok es verkaufen. Aber inzwischen hat er es in seine Stiftung eingebracht, und die wiederum hat es zusammen mit anderen Arbeiten als Dauerleihgabe an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegeben. Dort, zum Beispiel im Bode-Museum oder in der Nationalgalerie, singt nun eine als Museumswärterin gekleidete Sängerin unverhofft "This is Propaganda, you know, you know", und sagt dann: "Tino Sehgal, 2001". Eine mündliche Signatur. Das Werk wird nun regelmäßig gezeigt, denn "es war von Sehgal ja als eine Arbeit für die Öffentlichkeit konzipiert", sagt Haubrok.

Wie die meisten Arbeiten Sehgals. Deshalb sind viele immer wieder zu sehen. Selbst wenn sie von den Sammlern weiterverkauft werden sollten, bleiben die Klauseln des ersten Kaufvertrags gültig, die sichern, dass das Kunstwerk nicht einfach so aus der Öffentlichkeit verschwindet. Über die Preise der Weiterverkäufe allerdings steht nichts darin, Sehgal selbst hat sogar schon mal das Doppelte des Ausgangspreises gezahlt, als er eine seiner Arbeiten zurückkaufte - und das für seine eigene Idee!

Absurd, mag man denken. Ist es aber nicht so sehr, wenn man an die Banken denkt, die ja auch mit immateriellen Werten handeln und spekulieren, von denen allerdings kaum jemand weiß, wie sie eigentlich genau definiert sind. Und schon denkt man wieder an "This is Exchange" auf Kampnagel und wie man dort über die neue Euro-Krise sprach und die vorhergehende Finanzkrise schon vergessen hatte.


The Unilever Series: Tino Sehgal 2012', "These associations". London. Tate Modern. Noch bis 28.10.;
"This is Exchange". Hamburg. Kampnagel. Noch bis 25.8.;
"12 rooms". Essen. Folkwang Museum. Noch bis 26. 8.;
documenta (13). Kassel. Noch bis 16.9.



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