Ausstellungs-Event in Berlin Schön, wenn der Schmerz nachlässt

Höllenqualen, Schmerzensmänner und spitze Gerätschaften - eine große Berliner Ausstellung nähert sich künstlerisch und wissenschaftlich dem Schmerz, einer der intensivsten menschlichen Empfindungen. Wirklich weh tut sie damit allerdings keinem.

Von Jenny Hoch


Wer pilgert, möchte zu sich selbst finden und sich von Schmerzen meist psychischer Art befreien. Harmlose Wehwehchen, wie zum Beispiel wundgelaufene Füße, nehmen die Heilswanderer gerne in Kauf. In unseren Wellness-seeligen Zeiten ist die harte Tour in Mode gekommen. Das hat nicht nur Hape Kerkeling bewiesen, der mit seinen Pilger-Erfahrungen "Ich bin dann mal weg" einen Bestseller landete. Auch der "Stern" hat dem Phänomen jetzt eine Titelgeschichte gewidmet und serviceorientiert Tipps mitgeliefert für einen reibungsloseren Weg zum Selbst.

Auch in Berlin, der Trendhauptstadt, gibt es ab sofort einen richtigen Pilgerpfad. Er führt vom Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof direkt hinüber ins Medizinhistorische Museum der Charité. Obwohl nur 400 Meter lang und ordentlich gepflastert, verspricht er, ein echter Leidensweg zu sein.

Zum Sündenablass taugt er zwar nur bedingt, aber dafür brennt sich das, was der geneigte Kultur-Pilger an dessen beiden Enden zu Sehen bekommt, empfindlich in die Netzhaut ein. Denn dieser neu eröffnete Pfad verbindet zwei Teile einer großen Ausstellung, die sich künstlerisch und wissenschaftlich dem Thema Schmerz und dessen Ausdrucksformen widmet.

Die Bandbreite reicht von einem kleinen Abguss der berühmten Laokoon-Gruppe und verschiedenen Darstellungen der Passion Christi, deren zum Teil drastische Schmerzszenarien längst Teil unseres Bildgedächtnisses geworden sind, über Vitrinen mit präparierten Gehirnen und anderen Körperteilen, medizinischen Messern, Schabern und Nadeln bis zu Lehrfilmen. Bruce Naumanns eindrücklich die Ausweglosigkeit chronischer Schmerzen thematisierendes Video "Violine tunend D E A D" ist ebenso zu sehen wie das bekannte Fleisch-Kreuzigungsgemälde von Francis Bacon oder Louise Bourgeois' Schmerz-Erinnerungskabinett "Cell VII".

Glaube contra Wissenschaft

Beide Einrichtungen haben dafür ihren Fundus geplündert. In Opposition zur allgemein grassierenden Eventkultur, die in Mammutschauen aus allen Teilen der Welt zusammengeliehene Kunstwerke präsentiert, haben sich die Kuratoren ganz auf in der Hauptstadt vorhandene Stücke konzentriert. Das allerdings nur teilweise überzeugende Ergebnis ist nun, auf die Schwerpunkte "Ansichten des Schmerzes", "Reiz des Schmerzes", "Die Zeit des Schmerzes" und "Der Ausdruck des Schmerzes" verteilt, in den Museen zu besichtigen.

Vor allem aus dem volksreligiösen Bereich wurde Erstaunliches zu Tage gefördert. Da gibt es etwa eine winzige hölzerne "Schabfigur" in Mariengestalt, von der man sich einst ein paar Späne übers Essen hobelte, in der Hoffnung, durch göttliche Kräfte geheilt zu werden. Hübsch ist auch das "Heilmagnetische Benediktuskreuz" aus dem 19. Jahrhundert: Da man sich nicht sicher war, ob der Glaube oder die Wissenschaft die größere Heilwirkung besaß, kombinierte man einfach beides um maximalen Effekt zu erzielen.

Um eine allzu wissenschaftlich trockene Präsentation zu vermeiden, haben die Kuratoren ihre Schau in zwölf Kapitel unterteilt und diese jeweils mit lexikalischen Schlagworten wie "Compassio - Mitleid", "Incarnatio - Verfleischlichung, Menschwerdung" oder "Pharmakon - Zaubermittel, Heilmittel" versehen. Das hat den Vorteil einer assoziativen, thematisch gebündelten Ausstellungsarchitektur. Werke aus den unterschiedlichsten Jahrhunderten und Provenienzen hängen so sinnfällig zusammen, genau wie das Nebeneinander von Kunst und medizinischen Gegenständen problemlos möglich ist.

Physiognomie des Leidens

In der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Schmerz sind es vor allem die Augen, die einen verfolgen. Vielmehr der Ausdruck, der in ihnen liegt. Ob der zum Himmel gerichtete Blick des gequälten Laokoon, Jesus' entsagungsvoller Ausdruck auf der frühneuzeitlichen Darstellung "Die Heilige Dreieinigkeit als Gnadenstuhl", die dramatische Mimik der Heiligen Agathe auf Giovanni Battista Tiepolos Gemälde, der nach innen gerichtete Blick auf der Totenmaske von Friedrich Nietzsche, bis hin zu den zu Schlitzen verengten Augen Trauernder in Bill Violas Video "Observance" - es ist die Physiognomie des Leidens, der Schmerzensblick, Jahrhunderte alt oder aus unserer Zeit, der das eigene Schmerzgedächtnis empfindlich berührt.

Trotz gelegentlichen Mit-Leidens vermisst man in der Ausstellung die Anbindung an aktuelle gesellschaftliche Debatten. Das ist bei einem so großen wie wichtigen Thema wie dem Schmerz nur schwer zu verzeihen. Krieg, Folter, Terrorismus - Anknüpfungspunkte hätte es viele gegeben, auch künstlerischer Art. Man habe eben nicht die Grenze dessen überschreiten wollen, was die Besucher sehen wollen und sich deswegen bewusst etwa gegen die Darstellung drastischer Folterszenarien entschieden, sagt Mit-Kurator Daniel Tyradellis.

Alltag in homöopathischen Dosen

Kein von konservativen Geistern entfachter und deshalb umso kathartischer wirkender "Ekel-Alarm" also wie im zeitgenössischen Regietheater. Injektionen von Realität und Alltag nur in homöopathischen Dosen. Dafür verschenkte Gelegenheiten: Rineke Dijkstras berührende Portraits von Frauen, die sich nur wenige Minuten nach der Geburt ihrer Kinder schutzlos und gezeichnet der Linse der Fotografin ausgesetzt haben, machen den Schmerz und seine Überwindung jenseits von Pathosformeln sichtbar - in der Ausstellung jedoch, hängen sie fast unsichtbar in einer Ecke.

Stattdessen wird das überwältigende Thema Schmerz in leicht verdaulichen Häppchen präsentiert. Garantiert jugendfrei und aseptisch kann sich der Zuschauer aus sicherer Distanz dem Leiden annähern. In gewisser Weise wirkt das wie ein Rückfall in frühere Jahrhunderte. Affektverdrängung war damals die Devise. Das Ziel: Trotz Leidens erhaben und schön zu bleiben.

Das ist Schade, denn ein paar mehr Nebenwirkungen hätte man in diesem Fall durchaus in Kauf genommen.


"Schmerz": Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart und Medizinhistorisches Museum der Charité, Berlin. Bis zum 5. August 2007

Katalog: Blume, Hürlimann, Schnalke, Tyradellis (Hg.): Schmerz. Dumont Literatur und Kunst Verlag, 320 Seiten, 39,90 Euro



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