Auto-Talk bei Anne Will "Es muss nicht immer Vollgas sein"

Ist das Auto ein Auslaufmodell, fragte Anne Will - und ihre Gäste drückten argumentativ auf die Tube: die Ökos, die Raser, die Wirtschaftsfundis. Doch die Runde brauste am eigentlichen Problem vorbei: Die Moderne ist nicht rückgängig zu machen.

Von Henryk M. Broder


Okay, es ist Juli, und aus dem Sommerloch tauchen die üblichen Verdächtigen der nachrichtenarmen Zeit auf: das Ungeheuer von Loch Ness, Brigitte Nielsen, Gina-Lisa und die Doping-Stars der Tour de France. Dabei ist eigentlich eine Menge los.

Talkmasterin Will: Es geht nicht um Fakten, sondern um den richtigen Glauben
NDR

Talkmasterin Will: Es geht nicht um Fakten, sondern um den richtigen Glauben

Obama kommt nach Deutschland, der Ausverkauf der SPD geht zügig voran, die Inflation nähert sich dem Zinsniveau und im Nahen Osten droht ein atomarer Showdown. Nicht, dass uns all das nicht interessieren würde, nein, wir nehmen es schon zur Kenntnis, aber es lässt uns kalt. Denn wir haben ganz andere Probleme. Die steigenden Spritpreise und die sogenannte Pendlerpauschale.

Ab 1,50 Euro pro Liter Super nimmt auch der Widerstand gegen die Atomkraft ab, denn was man heute für eine Tankfüllung hinlegen muss, dafür konnte man zu DM-Zeiten schon übers Wochenende nach Mallorca düsen, all inclusive.

Die "Pendlerpauschale" ist so deutsch wie das Wort selbst

Also reden wir in diesem Sommer unseres Missvergnügens nur noch über die steigenden Spritpreise und die Pendlerpauschale, über der sogar die Einheit der Union zu zerbrechen droht. Die CDU ist dagegen, die CSU ist dafür, während die SPD sowohl dafür wie auch dagegen ist. Tu felix Germania! Früher hat man uns um alles beneidet, worauf "Made in Germany" stand, heute um unsere Sorgen.

Denn die "Pendlerpauschale" ist so deutsch wie das Wort selbst, wie "Waldsterben", "Kaffeeklatsch" und "Freizeitjacke". Die Idee, Menschen dafür zu entschädigen, dass sie aus der Stadt auf das Land ziehen, wo das Leben billiger ist, wäre in jedem anderen Gemeinwesen eine Lachnummer - in Deutschland ist es eine Frage der "Gerechtigkeit", sagt Christine Haderthauer, die Generalsekretärin der CSU.

Bärbel Höhn von den Grünen ist anderer Meinung: "Man muss den Menschen helfen – helfen wegzukommen vom Auto"; Franz Alt, von Beruf "Öko-Visionär", ruft: "Wir leben in einer Autodiktatur!" Dabei leistet er Widerstand, indem er ein japanisches Hybridauto fährt. Würde er freilich nachrechnen, wie viel Energie für die Herstellung und die Entsorgung seines Toyota nötig ist, wäre er bestimmt überrascht, dass der Betrieb eines Hummer-Jeeps günstiger ist.

Waldemar Hartmann, Sportmoderator und Autofan, mag sich ein "Leben ohne Auto" gar nicht vorstellen. Er fährt einen Sportwagen mit 350 PS – aber nicht, um Bräuten zu imponieren oder an der Ampel die Sau rauszulassen, nein, wegen der "präventiven Sicherheit", soll heißen, wegen der "Möglichkeit, mit Gasgeben einen Unfall zu verhindern". Allerdings: "Es muss nicht immer Vollgas sein."

Wie überall im Leben, kommt es auch beim Fahren auf die richtige Einstellung an. Das gilt auch für Matthias Wissmann, einst Verkehrsminister unter Helmut Kohl und heute Sprecher des Verbandes der Automobilindustrie. Er ist ein "begeisterter Radfahrer und ein engagierter Autofahrer" und er bekennt sich dazu, "dass ich auch die Bahn benutze". Im übrigen plädiert er "für eine Neuordnung der KFZ-Steuer nach CO2-Gesichtspunkten". Das ist Franz Alt nicht genug. "Das Auto muss bezahlen, was es anstellt!" Es ist "unsozial" und für 5000 Verkehrstote jährlich verantwortlich.

Man muss kein "Öko-Visionär" wie Alt sein, um sich die richtige Lösung des Problems vorzustellen. Ein Totalverbot des Autoverkehrs würde nicht nur den CO2-Ausstoß erheblich reduzieren, sondern auch die Zahl der Verkehrstoten auf Null drücken. Und würde man dazu noch den Verkauf von Haushaltsleitern verbieten, könnten auch die vielen Unfälle mit Todesfolge in privaten Haushalten halbiert werden.

Wie immer, wenn über Autofahren oder die Klimakatastrophe geredet wird, ging es auch gestern bei Anne Will nicht um Fakten, sondern um den richtigen Glauben. Fundis wie Franz Alt würden am liebsten Tabula rasa machen, Realos wie Bärbel Höhn empfehlen den Ausbau von Mitfahrzentralen, Interessenvertreter wie Wissmann predigen die friedliche Koexistenz von Individual- und öffentlichem Nahverkehr.

Und auf dem Menschensofa saß als Vertreter der angewandten Vernunft ein Freiburger Architekt, der Wasserkisten mit seinem Fahrrad, Möbel mit der Straßenbahn und seine ganze Familie mit Bahn, Schiff und Bus bis vor das Ferienhotel auf Elba transportiert – ohne nachzurechnen, dass ein Flug billiger und unter dem Strich auch energiegünstiger wäre. Hauptsache sauber, Hauptsache öko.

Öko kommt nicht von Ökonomie

So erlebte der Anne-Will-Zuschauer wieder einmal eine perfekte Muppet-Show, wenn auch ohne die grimmigen Kommentare von Waldorf und Statler. Die Teilnehmer der Runde hielten sich an ihre Rollen, keiner verfiel auf den Gedanken, dass es unmöglich ist, die Uhr zurückzudrehen. Und keiner versuchte sich vorzustellen, was für ein parteiübergreifendes Geschrei ausbrechen würde, wenn die Autoindustrie tatsächlich auf die Produktion von Fahrrädern und Tretrollern umsatteln würde.

Seit dem ersten bundesweiten autofreien Sonntag am 25. November 1973 sind inzwischen 35 Jahre vergangen. Man hatte also genug Zeit, sich Alternativen zum Auto zu überlegen. Man hat es nicht getan, weil man es nicht tun musste. Und nun benehmen sich alle, als wären in Plettenberg die Aliens gelandet und hätten die Einheimischen als Geiseln genommen. Überraschung! Damit hatte keiner gerechnet.

Nur Franz Alt hat es schon immer kommen sehen, der "Öko-Visionär" hat sich auf Katastrophen spezialisiert. Jetzt fordert er "Überall muss Lindau werden!", denn in der Kleinstadt am Bodensee hat man den Busverkehr so organisiert, dass die Leute ihre Autos stehen lassen. Dass so etwas in Großstädten wie Berlin oder Hamburg nicht machbar ist oder Milliarden kosten müsste, das sagt Alt nicht. Öko kommt nicht von Ökonomie.

Wenn die Gäste von Anne Will einmal einen Blick ins benachbarte Ausland werfen würden, bekämen sie vielleicht wieder Boden unter die Füße. In Holland, wo der Treibstoff noch teurer ist als bei uns, wo es mehr Fahrräder als Einwohner gibt, wo der Nahverkehr perfekt organisiert ist und man jedes Dorf mit Bahn oder Bus erreichen kann, wo das Parken in den Städten so viel kostet, dass nur Top-Verdiener es sich leisten können, wo es keine Pendlerpauschale gibt, obwohl jeder zweite berufstätige Holländer pendelt – auch in Holland bricht der Verkehr zweimal täglich zur Rushhour zusammen. Die Holländer nehmen es hin, mit Disziplin und Gelassenheit.

In Peking, wo das Radfahren eine ganz andere Tradition hat als bei uns, wird für die Zeit der Olympischen Spiele eine Regelung eingeführt, die sowohl der Umwelt wie der Mobilität zugute kommen soll. Je nach Wochentag dürfen Autos mit einer geraden oder einer ungeraden Zulassungsnummer fahren. So etwas wäre auch in Deutschland möglich – wenn es nicht so gemein einfach wäre.



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