Von Stefan Kuzmany
Berlin - So könnte die Zukunft der Spiritualität aussehen: ein umgebauter Passbildautomat, rot gestrichen, "Gebetomat" darauf geschrieben, hinter dem Vorhang ein Schemel, ein Touchscreen und zwei Lautsprecher. "Willkommen im Gebetomat", grüßt eine freundliche Automatenstimme - und dann kann der religiös gesinnte Gast die gewünschte Glaubensrichtung wählen und in jeder denkbaren Variante Lobpreisungen hören.
Früher war das so einfach mit Gott und dem Glauben an Ihn: Da gab es keine Zweifel, alle glaubten, die ganze Familie schon seit Generationen, das ganze Dorf, die ganze Stadt. Und auf welche Weise an was und wen geglaubt wurde, das bestimmten, zumindest in weiten Teilen Europas, die weltlichen Machtverhältnisse: cuius regio, eius religio, wessen Gebiet, dessen Religion, das galt nicht nur für die Zeit nach der Reformation, sondern noch lange danach.
Und heute? Verdammte Toleranz, verdammte Postmoderne, möchte man als durchaus glaubenswilliger Mensch fluchen, denn nicht nur ist es längst nicht mehr sicher, ob es einen Gott gibt - selbst wenn man an die Existenz eines höheren Wesens glaubt, sind die Möglichkeiten seiner Anbetung mittlerweile so zahlreich und nebeneinander gültig, dass man sich kaum entscheiden kann.
Geistergesänge per Touchscreen
Muss man auch nicht. "Schauen Sie, wenn ich dann einfach hier drauf klicke ", sagt Oliver Sturm, 52 Jahre alt, Hörspielkünstler, Regisseur und Erbauer des Gebetomaten. Er drückt auf dem Touchscreen herum, und schon switcht er durch die Glaubenswelten: Christentum gibt es selbstverständlich, das Judentum, den Islam auch, Buddhismus sowieso. Oder soll es mal etwas Exotischeres sein? "Es gibt sehr schöne Geistergesänge von den Salomonen", sagt Sturm. Insgesamt hat der Gebetomat 300 Gebete in 65 Sprachen vorrätig.
Zumal die Bedienung des Gebetomaten alles andere als respektvoll gegenüber höheren Wesen wirkt: Während das Gebet in Stereo abgespielt wird, zeigt ein Fortschrittsbalken auf dem Bildschirm an, wie lange man noch bis zum Amen warten muss. Wem das zu lange dauert, der kann jederzeit auf ein anderes Gebet wechseln. Das alles gibt es nicht gratis: Vor die Besinnung hat Sturm die Bezahlung gestellt, 50 Cent für fünf Minuten sind vorgesehen, schon vorher erinnert ein unschöner Störton ganz profan ans Nachwerfen frischer Münzen.
Hier am Berliner Standort in einer Markthalle in Berlin-Moabit ist der Geldschlitz deaktiviert. Der Künstler hatte ihn abgeklebt, weil das Gerät vorher in einem SOS-Kinderdorf stand, und nicht wieder geöffnet, weil ihm das Markthallen-Publikum als nicht gerade zahlungskräftig erschien. Zum Thema Provokation schweigt Oliver Sturm denn auch lieber - er möchte sein Objekt selbst wirken lassen. Ihm zufolge ist der Gebetomat eher als Angebot an spirituell Interessierte aller Glaubensrichtungen zu verstehen: "Das Archiv ist eine ganz seriöse Angelegenheit, und tatsächlich plane ich, es nicht nur stetig zu erweitern, sondern es auch eines Tages - etwa im Ethnologischen Museum - als der Öffentlichkeit zugängliches Archiv auch außerhalb des Gebetomaten zu präsentieren." Wobei auch Sturm seinem Werk das "Provokationspotential" nicht absprechen mag.
Prima Geschäftsidee für Japan
Die Idee zum Gebetomaten hatte Sturm 1999 bei einem Besuch in New York. Dort stand er am Bahnsteig einer U-Bahn-Station und hörte einen Automaten sprechen - und zwar völlig unverständlich. So füllte Sturms Phantasie die Verständnislücken, er sah die vielen anderen Menschen, die wie er auf dem Bahnsteig standen, Menschen aus aller Herren Länder, und stellte sich vor, wie es wäre, wenn der Automat Gebete sprechen würde.
Die Markthalle in Berlin ist jetzt der erste wirklich öffentliche Ort, an dem der Gebetomat im Einsatz ist. Vorher war er nur in mehr oder weniger geschützten Räumen zu sehen und zu erfahren: in einem Museum im Allgäu, im Foyer des Hessischen Rundfunks, im Berliner Radialsystem. Oliver Sturm könnte sich gut vorstellen, seinen Automaten international zu präsentieren, vielleicht in der Nähe von Ground Zero, dem Ort in New York, an welchem früher das World Trade Center stand. Oder in Tokio, wo die Menschen ein sehr entspanntes Verhältnis zu Automaten haben. Dort könnte es sich lohnen, den Geldeinwurf zu aktivieren. Das japanische Börsenmagazin nikkeibp.co.jp hat seinem Projekt bereits einen langen Artikel gewidmet - unter der Rubrik "Geschäftsidee".
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