Automatisierung der Arbeit Wie sollen wir das nur überleben?

Die Menschheit spürt, dass eine große Veränderung ansteht. Aber worum es wirklich geht, merkt keiner. Die Wahrheit ist: Menschliches Leben ist unwichtig für den Kapitalismus geworden.

Schlecht besuchtes Einkaufszentrum
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Eine Kolumne von


Die Leitkulturdebatte ist schon wieder so out, dass sie eine Retrobetrachtung verdient. Was war das für ein Abend! Minister Thomas de Maizière sprang jubelnd vom Rindergulascheintopf auf, die Serviette fiel zu Boden, die Platte mit den Schubert-Liedern eierte. "Alter," schrie der Minister, "morgen geht die Bombe hoch." Er verschwand ins Badezimmer, um schnell ein paar Thesen in seinen Rechner zu hauen - und wusch, ab damit zur "Bild"-Zeitung.

Es ging irgendwie um die Frage, ob es zumutbar sei, Leute, die über das Meer gepaddelt waren, zum Abhören von Wagner zu verpflichten. Ein paar gute Gedanken waren sicher in Thomas' Thesenpapier versteckt, aber man muss ja nicht alles ausformulieren. Ist auch zu kompliziert. Hat keinen Wumms, niederzuschreiben, wie Staaten funktionieren, Sozialsysteme, Steuern, Gesetze, und wie man Menschen, die in anderen Staaten aufgewachsen sind, die Regeln erklärt, ob man das muss, und wie sich Staaten heute überhaupt noch definieren lassen.

Und verdammt noch mal, wie man sie in die Zukunft führt, die Staaten, die alle auf einer Erde befindlich sind, in der die Menschen die gleiche Luft atmen, die gleichen Rohstoffe benötigen, die gleichen Probleme haben: Wie überleben wir. Ähm ja, keine Ahnung, scheint im Moment die einzig klare Antwort zu sein. Das größenwahnsinnig eingebildete Verständnis von dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, scheint uns gerade zu entgleiten.

Und nun? Die Künstliche Intelligenz ist noch nicht so weit, das für uns zu lösen. Was machen wir jetzt? Wir reden über Burka und Wagner und starren dabei gelähmt auf einen Haufen Männer, die von einer Umstrukturierung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens reden und das auch machen. Industrie 4.0. Hurra, wir ersetzen fürs Erste die Hälfte aller arbeitenden Menschen auf der Welt durch Roboter. Maschinen, Algorithmen, Sie wissen schon. Das ist toll, das spart irrsinnig Lohnkosten. Das ist die Zukunft.

Menschliches Leben ist unwichtig für den Kapitalismus

Mehr Menschen auf der Welt, weniger Arbeitsplätze, klingt clever. Ist es auch. Es sind kluge Menschen, die gerade den Neustart der Welt vorantreiben. Sie sind begeistert von der Technik und ihren Möglichkeiten. Aber - es sind eben auch Menschen, die Geld verdienen wollen. Was erwarten wir von denen? Dass sie ein ausgeklügeltes Programm für unser aller Überleben in Ruhe und Behaglichkeit mitliefern? Peter Thiel for World Präsi? Mercer for Chief of all other stuff?

Laut Caspar Dohmen (Profitgier ohne Grenzen) kommen jedes Jahr 40 Millionen Menschen auf den Arbeitsmarkt. Kleine Pause, um die Zahl wirken zu lassen. Thomas, was machen wir mit denen? Selbst wenn wir zehn Kilometer hohe Grenzen bauen, was machen wir mit den eignen Leuten, sollen die alle YouTuber und Influencer werden? Wovon leben die Leute, wie erhält man ihre Kaufkraft, wie hält man sie vom Durchdrehen ab?

Die Menschen spüren weltweit, dass eine gigantische Veränderung ansteht. Die wenigsten haben eine Ahnung davon, was da auf sie zukommt. Die meisten ahnen Verluste, die Angst vor der Wahrheit: Dass menschliches Leben unwichtig für die Endlösung des Kapitalismus ist, macht sie alle ein klein wenig nervös. Also, was ist der Plan, außer sich auf die Seite der Maschinenstürmer zu schlagen, die mit einfachen Parolen ein globales, unlösbares Problem angehen: Grenzen zu, zurück in die Vergangenheit? Klingt schön einfach. Wird nicht helfen. Aber vermutlich ist die Benennung wirklicher Probleme unmöglich, wenn man keine Lösungen dafür hat. Oder die Lösungen so unendlich kompliziert sind, dass man die Menschen mit Details verschonen will. Dafür meinen Dank.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass 40 Millionen Menschen pro Tag auf den Arbeitsmarkt drängten. Es handelt sich allerdings um 40 Millionen pro Jahr. Wir haben dies korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 186 Beiträge
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specialsymbol 13.05.2017
1. Wieso hat jeder Angst vor freier Zeit?
Oder ist es der Neid, der die Leute dazu antreibt anderen ihr Glück nicht zu gönnen? Das wäre die Neidkultur über die wir debattieren müssten. Nicht ob man ein paar Superreichen ihr virtuelles Vermögen nicht gönnt wenn man Steuern anheben möchte, um das Geld denen zu geben, die es tatsächlich ausgeben (müssen).
moritz27 13.05.2017
2. Liebe Frau Berg,
Sie meinen es gibt keine Lösungen? Doch, der allererste Lösungsansatz heißt: Geburtenkontrolle. Jüngst habe ich im Fernsehen eine Dokumentation über Ägypten gesehen, in der ein einheimischer Statistikprofessor genau diese fordert. Ansonsten würde das Ägyptische Volk sehenden Auges Selbstmord begehen, da sich die sprunghaft wachsende Bevölkerung einfach nicht mehr ernähren läßt. Wie wurde China für seine 1-Kind-Politik beschimpft. Jetzt erkennt man, im Vergleich zu anderen asiatischen Staaten oder Afrika, wie Weise, wenn auch unpopulär, gehandelt worden ist. Und allen, die glauben, Europa oder gar nur Deutschland wäre in der Lage durch Aufnahme des "Überschusses" an Menschen etwas Gutes zu erreichen, empfehle ich, sich das kurze youtube-Video von Roy Beck anzusehen. Es dauert nur ein paar Minuten, hat aber denn Aha-Effekt.
observerlbg 13.05.2017
3. Und Deutschland ist schon gaanz vorne dran...
Ja, Frau Berg, gut erkannt. Wenn der Konsum nicht mehr mit derProduktion hinterher kommt, gerät etwas gehörig aus der Balance. Diesen Schuss hat nun auch unser Finanzminister erkannt. Vielleich werden die Dystopien, wie z.B. in "Blade runner" war. Und? Steuern wir gegen? Nein! Nach uns die Sintflut.
adrian142 13.05.2017
4. Den exponentiellen Wandel in den Griff bekommen
Die Digitalisierung ist ein Treiber für den exponentiellen Wandel und die Beschleunigung, die wir alle erleben. Wenn die Manager in den Institutionen allen Aufgaben gleichermaßen verfolgen, die schon von Peter F. Drucker beschrieben wurden, dann findet sich auch eine konstruktive Antwort auf die Frage, die der Artikel berechtigterweise stellt! Digitalisierung nicht um der Digitalisierung willen. Und Automatisierung nicht um der puren Automatisierung willen. Es geht um uns Menschen und die Gesellschaft, in der wir leben wollen. Neue Ansätze dazu existieren (Stichworte: humanistische Informationsökonomie und pluralistische Organisationen)...
jufo 13.05.2017
5. Die meisten Jobs sind doof
Als LKW fahrer tagelang durch Staus zu fahren und irgendwo auf einem Parkplatz übernachten zu müssen - ist das gute Arbeit ? Arbeit in Lagern der Internetversender, Lieferungen zusammenzustellen damit der Onlinehandel funktioniert. Das alles für kleines Geld - ist das gute Arbeit ? Ich kann die Liste beliebig fortsetzen, um die allermeisten Jobs die von der Automatisierung gefährdet sind ist es nicht schade. Arbeit ist nicht per se erstrebenswert, man macht sie um Geld zu verdienen um leben zu können; ohne Lohn würde man nicht daran denken. Automatisierung ist eine Chance für die Menschen, sich von dem Joch der Arbeit zu lösen. Sie bietet der Menschheit ungeheure Chancen. Wer es nicht glaubt kann gerne mal ein paar Tage bei großem Internetversendern arbeiten.
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