Autor Zaimoglu zum Opernstreit "Bitte nicht die Bodenhaftung verlieren"

Alle Welt geißelt die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo". Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der heute an der Islamkonferenz teilnahm, zeigt im Interview mit SPIEGEL ONLINE "hohen Respekt" für die Entscheidung. Die Intendantin der Deutschen Oper werde ungerechtfertigt zum Sündenbock gemacht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Zaimoglu, die Mozart-Oper "Idomeneo" ist in Berlin wegen einer Szene, in der die abgeschlagenen Köpfe von Jesus, Buddha, Poseidon und Mohammed gezeigt werden sollten, abgesetzt. Darf Kunst, frei nach Tucholskys Feststellung, dass Satire alles dürfe, nicht alles?

Feridun Zaimoglu: Ich bin da etwas vorsichtig. Besonders in diesen Tagen, da sich jeder CDU-Politiker aus der Kreisliga als Verteidiger von Kunst, Kultur und Frauenrechten gebärdet. Ich bitte darum, die religiösen Gefühle der Menschen - und zwar aller - ein bisschen zu berücksichtigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie verträgt sich das mit der Freiheit der Kunst?

Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu, 41, schreibt in seinen Büchern ("Kanak Sprak", "Leyla") über das Schicksal türkischer Migranten. Die türkische Einwanderung nach Deutschland sieht Zaimoglu als Erfolg. Zwar gebe es Konflikte, aber "wenn wir uns das große Bild anschauen, sehen wir, dass es doch ganz gut funktioniert", sagte Zaimoglu kürzlich im SPIEGEL-Gespräch. Dort stellte er auch folgende Frage: "Wie kann ein Mensch so bescheuert sein, sich als Ausländer zu fühlen und zu verhalten, wenn er in Deutschland aufgewachsen ist?" Zaimoglu wurde in der Türkei geboren und wuchs in München, Bonn und Berlin auf.
DPA

Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu, 41, schreibt in seinen Büchern ("Kanak Sprak", "Leyla") über das Schicksal türkischer Migranten. Die türkische Einwanderung nach Deutschland sieht Zaimoglu als Erfolg. Zwar gebe es Konflikte, aber "wenn wir uns das große Bild anschauen, sehen wir, dass es doch ganz gut funktioniert", sagte Zaimoglu kürzlich im SPIEGEL-Gespräch. Dort stellte er auch folgende Frage: "Wie kann ein Mensch so bescheuert sein, sich als Ausländer zu fühlen und zu verhalten, wenn er in Deutschland aufgewachsen ist?" Zaimoglu wurde in der Türkei geboren und wuchs in München, Bonn und Berlin auf.

Zaimoglu: Die muss berücksichtigt werden. Im Gegensatz zu diesen Aufklärungsenthusiasten erachte ich es als meine Ermessensentscheidung und auch die anderer Künstler, es vielleicht nicht zu grob zu übertreiben.

SPIEGEL ONLINE: Die Kanzlerin hat im Opernstreit erklärt, sie glaube nicht, dass Selbstzensur weiterhelfe gegen Menschen, die im Namen des Islamismus Gewalt ausüben wollten. Liegt Angela Merkel da falsch?

Zaimoglu: Ich halte den Ball flach. Ich schreibe mit meinem Koautor Theaterstücke und von daher weiß ich, dass der Regisseur zusammen mit dem Stückeschreiber und den Schauspielern bei besonders brisanten Aufführungen schon einmal zusammensitzt und das Provokationspotential abwägt gegen Gefährdung an Leib und Leben.

SPIEGEL ONLINE: In scharfer Kritik steht nun die Intendantin der Deutschen Oper in Berlin, Kirsten Harms, die das Stück aus Angst vor Angriffen von Islamisten abgesetzt hat. Ist sie nicht zu vorsichtig gewesen?

Zaimoglu: Ich finde es ungerecht, wie sie in diesem Fall angegangen wird. Sie muss jetzt den Sündenbock spielen. Irgendwie scheint die halbe Republik nur darauf gewartet zu haben, um sich endlich einmal auf eine Person zu stürzen. Frau Harms hat eine Ermessensentscheidung getroffen, vor der ich hohen Respekt habe.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem das deutsche Theater hat sich lange Zeit provokativ an christlichen Symbolen, insbesondere den katholischen wie dem Papst, abgearbeitet. Wird nun in einer weitgehend säkularisierten Welt wie der deutschen der Islam zum Ersatzspielfeld für Künstler?

Zaimoglu: Genau so wie ich es für plump und billig halten würde, wenn man eine Kuh ans Kreuz schlägt, aus der die Zunge heraushängt, genau so plump und billig finde ich es, wenn man allein nur auf die Provokation der Moslems abzielte mit dieser Oper. Es scheint mittlerweile so zu sein: Gestern haben wir die Christen geärgert, heute ärgern wir die Moslems. Aber ich sage auch ganz klar: es kann und darf keine Zensur von Außen geben. Es kann aber auch nicht sein, dass eine Intendantin, die sich für die Sicherheit ihres Publikum und ihrer Schauspieler entschieden hat, als Selbstzensorin verunglimpft wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist das Zurückziehen des Stückes nicht ein Niederknien vor den islamistischen Kräften, die sich dadurch bestärkt fühlen können in ihrem Kampf gegen bestimmte Formen der in ihren Augen westlichen Dekadenz?

Zaimoglu: Papperlapapp. Was ich in diesem Deutschland, meinem Mutterland, gelernt habe, ist: Dass man bitte, bitte, bitte die Bodenhaftung nicht verlieren darf. Ich sehe im Grunde auf der einen Seite die üblichen Verdächtigen, die nur einen Grund suchen, um schon wieder beleidigt zu sein. Und auf der anderen Seite sehe ich die Aufklärungsspießer, die es ja sehr einfach haben und nun erklären, man sei vor den Islamisten in die Knie gegangen. Das ist doch Humbug.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum?

Zaimoglu: Es wird doch im Grunde genommen nicht über die Sache gestritten, über die Frage etwa, ob die Inszenierung angemessen war oder nicht. Es geht vielen darum, an der Intendantin ein Exempel zu statuieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren heute einer der Teilnehmer der Islamkonferenz in Berlin. Wurde da über den Opern-Fall gesprochen?

Zaimoglu: Ja, natürlich. Wir haben über die Oper gesprochen, über die Rolle der Frauen, den Alltag in Deutschland. Das Gute war, dass es eine spannende Mischung war. Ich habe mich über diese Konferenz gefreut. Ich lasse sie mir auch nicht madig reden, denn es war ein historischer Schritt. Ich war angenehm überrascht, weil es kein Laberklub war.

SPIEGEL ONLINE: Die Konferenz war Auftakt für ein zweijähriges Projekt. Was würden Sie sich wünschen?

Zaimoglu: Selbstverständlich sind wir alle, zu Recht, skeptisch. Denn was haben wir nicht alles an Gipfeln erlebt, aus denen nichts wurde. Man soll bitte schön auf von Außen darauf achten, dass das nicht zu einer Feierabendveranstaltung wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind oft ein schroffer Kritiker. Heute aber sind sie sehr positiv gestimmt.

Zaimoglu: Ich sehe - und das ist kein diplomatisches Gewäsch - ein großes Potential in dieser Konferenz. Da sitzen sehr viele unterschiedliche Leute, die alle etwas machen wollen. Als ich heute in die Runde geschaut habe, hatte ich den Eindruck, dass es viele noch gar nicht fassen können, dass diese Konferenz tatsächlich stattgefunden hat.

Das Interview führte Severin Weiland

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.