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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Denn ich bin nur ein Mann des Holzes

Eine Kolumne von

Tischler sind Handwerker - wie Schriftsteller auch. Was würde dabei herauskommen, wenn sie auch so reden würden wie sie?

Die Buchmesse ist vorbei. Irgendwann ist ja immer irgendeine Buchmesse vorbei oder steht bevor, und danach fallen die Schriftsteller immer in eine Depression, denn sie haben erkannt, dass es außer ihnen noch andere Schriftsteller gibt. Nur das Wozu will keinem einleuchten.

Auf allen Kanälen wurden Schriftsteller wieder über ihr Schriftstellertum befragt, und sie gaben mit schiefgelegtem Kopf Auskunft. Warum Leute, die schreiben, auch noch reden müssen, ist unklar. Aber sie tun es. Es wird erwartet. Da muss irgendein Anspruch befriedigt werden, von wem auch immer. Da muss es wabern, tief und kapriziös sein. Das muss sein, denn das Schreiben ist so ein ungemein tiefer Beruf, dass jeder gerne ein wenig von der leidenden tiefen Tiefe spüren mag.

Wie arbeiten Sie?

Nun, sagt der Tischler, ich gehe natürlich sehr lange mit den Ideen zu einem Möbelstück in meinen Gedanken spazieren, gleichsam schwanger, würde ich sagen. Ich sage das natürlich nicht wirklich so, denn ich bin nur ein Mann des Holzes. Ich recherchiere über Tische, ich mache mir Notizen, ich versuche, die Seele des Tischs zu verstehen. Sport hilft mir dabei sehr. Mich zu fokussieren, wissen Sie, Disziplin ist das A und O in meinem Beruf, der ja gleichsam mehr eine Berufung ist. Durch meine Biografie - oh, erzählen Sie mehr darüber -, nun ja, über meine Biografie rede ich nicht so gerne. Ich bin ja eher ein Mann des Holzes, aber nur so viel: Ich stand immer am Rande, war unverstanden, immer fremd in meinem Geworfensein. Und dann fand ich das Holz, um mich auszudrücken, ein holzgewordener Schrei. Das Ringen um den richtigen Anschnitt, die Vermeidung von allem, was schnell zugänglich ist.

Haben Sie darum Ihren aktuellen Tisch rund gestaltet?

Ja, genau, danke, dass Sie es erkannt haben. Er ist rund, der Tisch, entzieht sich jeder Funktion. Er ist ein Messer im Fleisch des Konsumenten. Ich will mit diesem Tisch aufrütteln, denke aber nie an den Verbraucher, sondern immer nur an die Geschichte, die dieser Tisch erzählt. Er ist vollkommen ohne Funktion. Wissen Sie, die Kleinstadt, aus der ich komme, hat mich zu einem Opfer gemacht. Ein Opfer der Kleinstadt, kann man sagen. Ich bin ja einer der wenigen, die in einer Familie aufgewachsen sind.

Eine Familie?

Ja, denken Sie, ich habe eine Familie gehabt. Und die erste große Erschütterung war, als ich herausfand, dass die Familie meiner Mutter auch aus einer Familie bestand.

Das muss sehr hart für Sie gewesen sein?

Ja, ich bin aber heute nicht Vertreter jener, die eine Familie haben, sondern ich suche nach der Holz gewordenen Wahrheit.

Erstaunlich, ganz erstaunlich, lieber Herr Schmitt-Rudloff. Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch und das Leiden, das Sie mit der Erstellung dieses runden Tisches, für den Sie auch den großen Tischpreis der Handwerkskammer und ein Schnitzstipendium in einem alten Postamt bekommen haben, auf sich genommen haben.

Gerne.

Danke.

Die Buchmesse ist also zu Ende oder fängt gerade an, und je mehr die Leute reden, ihre Wichtigkeit betonen, umso... Nun, ich lasse diesen Gedanken an mir vorüberziehen, wie all die Bücher, die von all den Menschen mit einmaligen Schicksalen erstellt worden, wie alle eigentlich ein einmaliges Schicksal haben, ein außerordentlich ungewöhnliches Schicksal. Wie das, ein Mensch zu sein, beispielsweise.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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insgesamt 42 Beiträge
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    Seite 1    
1.
L!nk 21.03.2015
Ja, solche Tischler gibt es - Rudolph Steiner Milieu.
2. Danke,
muskat51 21.03.2015
so pfiffig hätte ich es nie ausdrücken können, warum ich in manchen Arten von Büchern keinen Sinn entdecken kann.
3. na, nicht ungerecht werden
Widerstandsgewächs 21.03.2015
denn "Warum Leute, die schreiben, auch noch reden müssen, ist unklar." trifft es nicht. Ich hatte Sie vor 3-4 Wochen oder etwas länger mal im TV gesehen, sorry weiß nicht mehr wo, war aber angenehm überrascht. Viel mehr herzlicher Humor als Ihre doch manchmal sehr verbissenen Texte! Zudem können manche nicht lesen, andere nur zwischen den Zeilen, obwohl dar gar nichts steht. Zugegeben, Zwischen und Untertöne hört ebenfalls nicht jeder, aber die Sprache ist und bleibt ein Medium zum Nachfragen, gelichgültig ob mündlich oder schriftlich!
4.
pankoken 21.03.2015
Köstlich! Danke
5. so toll
spon-416-d4ir 21.03.2015
wie wunderbar Frau Sybille - den Nagel auf den Kopf getroffen!
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