Autorentheatertage in Berlin Die Jurorin versöhnt sich mit dem Schauspiel

Der Literaturkritikerin Sigrid Löffler gehen manche Theaterregisseure auf den Geist, seit zehn Jahren schreibt sie nicht mehr über das Geschehen auf deutschen Bühnen. Nun hat sie sich wieder auf ihre alte Liebe eingelassen - als Jurorin der Autorentheatertage Berlin.

Uwe Lewandowski

Sigrid Löffler hatte gewarnt. Vor sich. Sie und das Theater? Eine schwierige Beziehung. Als der Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, Ulrich Khuon, auf sie zukam und fragte, ob sie als alleinige Jurorin Stücke von Nachwuchsautoren auswählen wolle, da gestand die Literaturkritikerin ihre Skepsis. Sie gehe nicht mehr oft ins Theater, gab die 70-jährige Österreicherin zu. Jahrzehntelang hatte sie über das Bühnengeschehen geschrieben, vor rund zehn Jahren hörte sie damit auf. Aus Überdruss.

"Was mich wirklich genervt hat, waren die Regisseure", sagt Löffler heute. "Die Epigonen der Epigonen von Frank Castorf - das war nicht mehr auszuhalten." Manche Regisseure gehen ihr noch immer "schwer auf den Geist", sagt Löffler, die sich beruflich nur noch mit Prosaliteratur beschäftigt.

Für die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin hat sie sich dennoch auf ihre alte Liebe eingelassen, die Bühne. Der Intendant Ulrich Khuon fand gerade das interessant: Löfflers neu erworbenen fremden Blick von außen. Nach jahrelanger "Fast-Theater-Abstinenz", wie sie selbst es nennt.

Für "Die Lange Nacht der Autoren" am 15. Juni hat die Kritikerin nun also drei Stücke aus den 87 eingereichten ausgewählt. Die "Lange Nacht" ist traditionell der Höhepunkt und Abschluss der Autorentheatertage, bei denen zuvor zehn Tage lang Gastspiele mit den interessantesten neuen Stücken der Saison zu sehen sind. In diesem Jahr sind zum Beispiel "Wir lieben und wissen nichts" von Moritz Rinke dabei (Konzert Theater Bern) und "Ich wünsch mir eins" von Azar Mortazavi (Theater Osnabrück); beide Inszenierungen waren gerade auch beim renommierten Mülheimer "Stücke"-Wettbewerb zu sehen. Vom Münchner Residenztheater ist "Call me God" zu Gast, eine hochaktuelle Geschichte über einen Attentäter und die Hysterie der Medien..

Die Arbeit als Alleinjurorin habe sie in Zweifel gestürzt, sagt Sigrid Löffler. "Weil man sich fragt: Wo sind meine eigenen blinden Flecke? Warum gefällt mir dieses Stück nicht? Ist das meine Schuld, bin ich in meinem ästhetischen Sensorium eingeschränkt?" Eine strengere Selbstreflexion sei die Folge gewesen, ein Hinterfragen der eigenen Auswahlkriterien.

Die Welt des Kapitals mit ihren eigenen Tricks schlagen

Unter den Einsendungen habe es Avantgardisten und Pragmatiker gegeben: Die radikalen theatralen Formen auf der einen Seite, die sich an Autoren wie René Pollesch oder Elfriede Jelinek orientieren - und die konventionellen Arbeiten auf der anderen Seite, Drei- bis Vier-Personen-Stücke und Kammerspiele mit schrägen Charakteren.

"Keine Prosa-Bearbeitungen, keine Monologe!" So lauteten die Vorgaben an die Autoren, die zudem nicht älter als 40 Jahre sein durften. Ein Motto gab es auch, "Das Weite suchen" sollten die Texte. Dieses Thema sei aber eher ein Vorschlag gewesen, es ging ihr um Welthaltigkeit, um "politisch wache Zeitgenossenschaft", sagt Löffler. "Ich wollte, dass sich die Autoren mal umsehen in unserer heutigen Welt und sich nicht nur an den Eltern, den Kindern und dem Partner abarbeiten." Familienaufstellungen sehe man dauernd im Theater, davon sei sie gelangweilt, so die Kritikerin.

Reale und virtuelle Welten, utopische und dystopische - die thematische Bandbreite der Stücke war groß. Die Jurorin bemerkte dabei vor allem den starken Bezug auf die Gegenwart, ein zweiter Zeithorizont sei praktisch nie eingezogen worden. Es gehe den Autorinnen und Autoren um das Hier und Jetzt. Und das stimmt offenbar wenig optimistisch: Ratlosigkeit, gedimmte Erwartungen und das Sich-Fügen in die Gegebenheiten fielen Löffler immer wieder auf. "Das Theater ist zurzeit kein Ort der großen Entwürfe oder mutigen Aufbrüche", resümiert sie angesichts verzagter Bühnenfiguren, die kaum mehr täten, als auf die meist unguten Umstände zu reagieren.

Anders in Matthias Naumanns "Schwäne des Kapitalismus", einem der drei ausgewählten Stücke. Ein "theatralisch und politisch hochinteressanter Text", wie Löffler findet. "Weil er versucht, die bösen Investmentbanker in den Griff zu bekommen und ihnen gleichzeitig Aktivisten entgegenstellt, die diese Welt des Kapitals mit ihren eigenen Tricks schlagen wollen."

Die beiden anderen Stücke seien in ihrem politischen Anspruch kleiner dimensioniert, scheinen für Löffler aber ein heutiges Lebensgefühl widerzuspiegeln. "Exzess, mein Liebling" von Olivia Wenzel und "Die Schweizer Krankheit" von Uta Bierbaum sind Texte, in denen Menschen hilflos im falschen Leben feststecken, verloren in der Welt und mit sich selbst unzufrieden. Für Löffler steckt darin ein allgemeines Grundgefühl: "Zu wissen, dass man irgendetwas an seinem Leben ändern möchte, aber nicht genau, was."

Die drei Texte werden zum Abschluss der Autorentheatertage in Form von Werkstattinszenierungen auf die Bühne des Deutschen Theaters gebracht. "Energetische Schnellkurse durch die Stücke" nennt Löffler diese Form der Aufführung - und sieht es als gutes Zeichen, dass sich die Regisseure Martin Laberenz, Lily Sykes und Sewan Latchinian sofort für die Texte interessiert und eigene Bilder entwickelt hätten.

Auch über "Die Lange Nacht der Autoren" hinaus wird Sigrid Löffler im Zuschauerraum zu finden sein. Von den 16 Gastspielen, die gezeigt werden und laut dem Deutschen Theater zu den aktuell "bemerkenswertesten Inszenierungen von Gegenwartsdramatik" gehören, kennt sie bisher keines. Doch ihre Neugier ist geweckt, und der Wille, sich viele der Inszenierungen anzusehen. Vielleicht dient das Festival ja letztlich auch der Versöhnung zwischen dem Theater und seiner ehemaligen Kritikerin.


Autorentheatertage Berlin. 3.-15.6. am Deutschen Theater Berlin, Tel. 030/28 44 12 34; die "Lange Nacht der Autoren" beginnt am 15.6. um 19 Uhr.



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