Zum 100. Geburtstag des Verlegers: Das Testament des Axel Cäsar Springer

Von Michael Jürgs

Das Internet ist doof? Die "Bild"-Zeitung blöde? Der Kapitalismus ein Irrtum? Was würde Axel Springer sagen, wenn er seinen 100. Geburtstag selbst erleben könnte? Lesen Sie hier, was der große, alte und umstrittene Mann der deutschen Verlagsbranche zu seinem Jubeltag wohl gesagt hätte.

"Bild"-Verleger: 100 Jahre Springer Fotos
DPA

Nehmen wir an: Der 1985 verstorbene Axel Cäsar Springer wäre noch am Leben. Was hätte den 100-Jährigen beschäftigt?

Einen Staatsakt in Berlin, angeboten von Angela Merkel ihm zu Ehren, dem einzigen Deutschen außer Willy Brandt, der against all odds an die deutsche Einheit glaubte, hatte Axel Springer mit Verweis auf sein doch ziemlich fortgeschrittenes Alter absagen lassen.

Der Verleger, der am 2. Mai 100 wird, lebt seit vielen Jahren zurückgezogen auf Patmos. Entdeckt hatte er die Insel, wo er sich Gott nahe glaubte wie im Land seiner anderen Sehnsucht, Israel, 1974 bei einem Segeltörn mit seiner damaligen Gefährtin Friede Riewerts. Als Griechenland im Euroionischen Meer der Schulden versank, kaufte er nach einem nächtlichen Gebet mit den ortsansässigen Mönchen die ganze Insel und garantierte zudem den Ureinwohnern ein Grundeinkommen auf Lebenszeit. Einzige Bedingung: Sie mussten ab jetzt Steuern bezahlen. Das war für alle eine ganz neue Erfahrung.

Danke, nein, bitte kein Fest! Aber zum Thema "Journalismus - Segen oder Fluch, gestern, heute, morgen" wollte er sich dann doch äußern. Seine Rede wird am 2. Mai über den hauseigenen Kanal "bild.de" in Endlosschleifen versendet. Axel Springer, bei der Aufzeichnung eingerahmt von seiner Frau Friede, 69, und Konzernchef Mathias Döpfner, 49, stellt darin Überlegungen zur Zukunft der Branche an, deren Cäsar er in der Vergangenheit war.

In jenen Hoch-Zeiten des Gedruckten gab es außer ihm noch drei Überlebensgroße in Gutenbergs Reich: den unheilbaren Denker Rudolf Augstein, den instinktsicheren Blattmacher Henri Nannen und den volksnahen Provinzbeobachter Franz Burda. Das Image der Medien in der Gegenwart dagegen prägen zu viele Riesen, die sich jeden Morgen in den Radkappen ihrer Dienst-SUVs spiegeln können.

Einem investigativen Team von SPIEGEL ONLINE ist es gelungen, Axel Springers ungehaltener Rede bereits vor der Ausstrahlung habhaft zu werden. Wie die Redaktion von ungewöhnlich gut unterrichteten Greisen erfuhr, hat Axel Springer alle Thesen selber formuliert und dann seinem Lieblingsenkel "Aggeli", 46, als neues Testament des Alten diktiert.

Auszüge, sinngemäß:

  • Die Auflagenverluste der "Bild"-Zeitung, die ich einst in einem Londoner Hotel erfand, indem ich auf dem Teppichboden liegend Ausschnitte aus der britischen Boulevardpresse zu einem deutschen Gesamtbild klebte, sind nicht nur dem Zeitgeist geschuldet, dem wir ja auch alle exklusiven Plattmacher von "Bild" (Manager zocken ab, Politiker belügen uns, Stars gehen fremd) verdanken. Sondern dem Verharren im Zweitgeist, der Prolos aus den Gossen mit Proleten aus den Gassen verwechselt. Denn die sind das wahre Volk, deren Zentralorgan meine Milchkuh "Bild" sein muss.
  • Es war ein Managementfehler, nach der deutschen Einheit das weite Feld in der Zone, die ich bekanntlich nie DDR nannte, zumeist der Konkurrenz zu überlassen, statt eine Massenzeitung für die lange unterdrückte Bevölkerung Ost und deren Bedürfnisse - Sonnenbänke, Baumärkte und Veröffentlichung aller Stasi-Büttel - durchzusetzen.
  • Kaufleute eines Medienhauses, auch "Flanellmännchen" genannt, sind Garanten der journalistischen Freiheit. Über Inhalte aber bestimmen ausschließlich Journalisten. Die einen bauen das Haus auf festen Fundamenten, zu denen gern auch Nebengeschäfte gehören dürfen, die anderen lassen in den Räumen Gedanken in die Ferne und in die Höhe fliegen.
  • In welcher Form diese Inhalte verbreitet werden, hängt ab von Angebot und Nachfrage. Unabhängig von der Form, egal ob Fernsehen, Internet, Online, Print, gilt eine wesentliche Regel der Marktwirtschaft, und die lautet: Qualität gibt es nicht zum Nulltarif.
  • Deshalb muss künftig Qualität per Online-Angebot ebenso bezahlt werden wie die Qualität einer gedruckten Zeitung oder einer Zeitschrift.
  • Aufgabe der unter Punkt eins genannten Manager ist es, ein passendes Geschäftsmodell für digitalen Qualitätsjournalismus zu generieren. Zum Beispiel auf Stufe eins kostenlos "bild.de" als Köder. In Stufe zwei zum Preis einer Tageszeitung ein "Wahl-On-Abo", so ähnlich wie es Theater für eine ganze Spielzeit anbieten. Der Abonnent zahlt eine Summe X und hat im Rahmen einer Marge nach eigener Wahl Zugriffsrecht auf Artikel in ausgewählten Produkten. Ein Premium-Abo wiederum beinhaltet unbeschränkten Zugriff auf alle Angebote des Hauses, ausgenommen Nebengeschäfte wie Jeans von "Bild" und so weiter.
  • Ich weise zwar ausdrücklich auf die diesjährigen Pulitzer-Preise für "Huffington Post" und "Politico" in den USA hin, beide online kostenlos erfolgreich mit den Tools des klassischen Journalismus, aber im gleichen Atemzug auf die Erfolgszahlen der "New York Times", seit sie für bestimmte Artikel auf ihrer Online-Seite Gebühren verlangt.
  • Der Erfolg des Magazins "Landlust" ist auch ein Versagen der klassischen Blattmacher. Sie haben das Bedürfnis des Publikums nach Ruhe, Idylle, Heimat nicht erspürt, weil sie für ihren Beruf, erschlagen von Marketing und Co., das Gespür verloren haben. Gewinnen wird in Zukunft nur, wer die erste, die originelle Idee hat. Denn in Gefahr und Not - ich weiß, wovon ich rede! - bringt der Mittelweg den Tod.
  • Ähnlich groß wie das Bedürfnis nach Ruhe scheint mir die Sehnsucht vieler Menschen nach leicht verdaulichen Antworten bei ihrer Sinnsuche zu sein. Nur die Bibel erfüllt dieses Bedürfnis. Wir sollten sie digital aufbereiten und auf allen Portalen des Hauses anbieten.
  • In Zeiten wie diesen, die ich aus der Ferne online verfolge, ist jedes Ereignis, ob schrecklich, schaurig, schön, innerhalb von Minuten - Ausnahme die Offline-Reiche der Bösen Nordkorea, Weißrussland, China und so weiter - weltweit verfüg- und abrufbar. Deshalb kommt es in unserem Geschäft so wie gestern und heute als auch morgen auf Wahnsinnige an, auf Ideen, auf Journalisten. Ich vermeide es tunlichst, mich zu loben. Das dürfen gern andere tun. Meine Erfolge als Verleger sind ja aktenkundig.

An dieser Stelle schläft AS kurz ein, wacht aber nach einer sanften Berührung durch seine Frau wieder auf und schließt mit dem Bekenntnis zu den vier Essentials seines Weltbildes, die er sich im Laufe seines Lebens entliehen und dann zu eigen gemacht hat: Ich liebe das Geld, weil es Freiheit mir schafft (Fritzi Massary), Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner (aus den Aufzeichnungen eines aufrichtigen Pilgers), Schau auf zu den Sternen, hab acht auf die Gassen (Wilhelm Raabe) und Ich habe mich ergeben mit Herz und Hand, dir Land voll Lieb und Leben/Mein deutsches Vaterland (Hans Ferdinand Maßmann).

Das fünfte, fügt der Gentleman aus Altona wehmütig lächelnd hinzu, Gern hab ich die Fraun geküsst (Richard Tauber), entspreche nicht mehr der Würde seines Alters.

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1.
smelmoth 27.04.2012
medien berichten über medien... solange das so ist, scheint es nichts wichtigeres, also nichts schlimmeres zu geben. vllt läuft heute abend ja irgendwo im tv ein bericht, wie gntm produziert wird. oder ich gucke am we presseclub :)
2. ...
adam68161 27.04.2012
was für ein Schmarrn!
3. Aus Caesars gesammeltem Schweigen
artikel.5 27.04.2012
was Axel Caesas sonst noch gesagt hätte: "Es freut mich immer wieder, dass selbst der SPON so eifrig in meine Fusstapfen tritt." mit freundlichen Grüssen aus der Unterwelt Axel Caesar
4. Bild feiert ja groß seinen a. c. springer.
buutzemann 27.04.2012
Dann feiert mal alle mit. Vielleicht schreibt auch mal jemand drüber, dass der große freund israels sich 1938 von seiner halbjüdischen Frau scheiden ließ, um "edeka" - ende der karriere - zu vermeiden.
5. "ddr"
cooner 27.04.2012
Zitat von sysopDPADas Internet ist doof? Die "Bild"-Zeitung blöde? Der Kapitalismus ein Irrtum? Was würde Axel Springer sagen, wenn er seinen 100. Geburtstag selbst erleben könnte? Lesen Sie hier, was der große, alte und umstrittene Mann der deutschen Verlagsbranche zu seinem Jubeltag wohl gesagt hätte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,829782,00.html
Die "Tüttelchen", die den Namen des ostdeutschen Staates umrahmten, war keine Erfindung Springers. Conrad Ahlers schrieb Ende der Fünfziger von der "sogenannten DDR". Mithin ist der Spiegel dafür verantwortlich.
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Zum Autor
  • dapd
    Michael Jürgs, 66, ist ein deutscher Journalist und Autor. Der frühere Chefredakteur der Zeitschriften "Stern" und "Tempo" ist Verfasser mehrerer Biografien, darunter "Der Fall Romy Schneider", "Bürger Grass" und "Der Fall Axel Springer". Jürgs berät die SPIEGEL-Gruppe bei neuen Projekten.