Springers Print-Ausverkauf: "Geld verdrängt Gewissen"

Radikal dünnt Springer sein Printgeschäft aus. Was bedeutet der Schritt für die Branche - und für die deutsche Demokratie? Im Interview spricht der Medienforscher Klaus-Dieter Altmeppen über die Strategie des Verlags, die Zukunft des Journalismus und moralfreie Manager.

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Axel Springer: Schafft sich die vierte Gewalt selbst ab?

SPIEGEL ONLINE: Der Springer-Verlag verkauft Traditionsblätter wie die "Berliner Morgenpost" und das "Hamburger Abendblatt" sowie sämtliche Frauen- und Programmzeitschriften. Haben Sie mit diesem radikalen Schritt gerechnet?

Altmeppen: Nein, in dieser konkreten Form nicht. Aber dass die Medienbranche in den kommenden Jahren einige größere Deals erleben wird, war klar. Die Bewegung wurde von der Digitalisierung angestoßen.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie den Schritt des Verlags denn aus wirtschaftlich-strategischer Perspektive für sinnvoll?

Altmeppen: Aus Unternehmenssicht ist er folgerichtig, wenn man - so wie Springer - konsequent auf Digitalisierung setzen will und dafür in den nächsten Jahren Geld benötigt. Ob die Strategie dauerhaft aufgeht, ist dagegen schwer zu sagen. Springer hätte bei seinen Printprodukten auch einen langen Atem beweisen können - immerhin werden sie sicher noch einige Jahren fortbestehen und für Erträge sorgen. Ob die Digitalisierung ein vergleichbar gutes Geschäft ermöglicht, ist zumindest zweifelhaft.

SPIEGEL ONLINE: Erwarten Sie, dass andere Verlage dem Beispiel von Springer folgen?

Altmeppen: Verlage lernen - wie andere Organisationen auch - durch Beobachtung. Wenn ein Verhalten erfolgreich ist, wird es imitiert. Und ein Großverlag wie Springer ist sicherlich ein Vorreiter.

SPIEGEL ONLINE: Wenn einer der traditionsreichsten Verlage des Landes einen Großteil seines Printgeschäfts abstößt - was bedeutet das für den Journalismus in Deutschland?

Altmeppen: Erst einmal eine weitere Konsolidierung der deutschen Medienlandschaft. Sie wird immer mehr zu einer normalen rationalisierungsgetriebenen Branche. Die Frage nach Qualitätsjournalismus oder publizistischer Verantwortung wird nicht mehr gestellt - und von der Frage abgelöst, was ich an meine Anteilseigner auszahlen kann. Geld verdrängt Gewissen, wenn Sie so wollen.

SPIEGEL ONLINE: Massenmedien in einer Demokratie sollen - so das Ideal - zur Information und Meinungsbildung beitragen, Kontrolle und Kritik ausüben. Schafft sich die vierte Gewalt im Staate jetzt selbst ab?

Altmeppen: Künftig organisieren jedenfalls immer weniger große Konzerne den gesellschaftlichen Kommunikationsprozess. Wir werden also einen Meinungsverlust erleben, die Vielfalt wird leiden. Die Funke-Gruppe, so sehr sie auch ihre Meriten im Ruhrgebiet hat, spezialisiert sich seit Jahren darauf, profitable Regionalprodukte und Zeitschriften herauszubringen. Ob eine Redaktion vor Ort sitzt oder in weiter Ferne, spielt in ihrem Konzept keine große Rolle mehr. Und mit diesen internen Konzentrationsprozessen geht eine Nachrichten- und Meinungsuniformierung einher.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehen also davon aus, dass die Funke-Gruppe die neugekauften Printtitel gesundschrumpfen wird.

Altmeppen: Klar. Wenn Springer verkauft, weil die Produkte ökonomisch keinen Sinn mehr machen, dann machen sie für einen Käufer auch nur Sinn, wenn er sie strategisch verändern kann. Die Funke-Gruppe wird die Blätter durch die berühmten Restrukturierungen in ihr System integrieren - was bedeutet, dass man sie zu niedrigeren Kosten erstellen will.

SPIEGEL ONLINE: Bei Springer gewinnen Unternehmenssparten wie idealo.de oder die exklusive Online-Ausstrahlung der Bundesliga nun deutlich mehr Gewicht. Kann man Springer überhaupt noch als klassischen Verlag bezeichnen?

Altmeppen: Eine berechtigte Frage. Es ist natürlich völlig normal, wenn Medienunternehmen im Kapitalismus Geschäfte machen wollen. Wenn diese Firmen jedoch ständig darauf pochen, ein Medienhaus zu sein und deswegen anders behandelt werden wollen, weil sie angeblich einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn die Gesellschaft sie irgendwann danach fragt, wie und ob sie diesen Auftrag überhaupt erfüllen, wenn es ja doch nur noch um Moneten und Reinvestments geht.

SPIEGEL ONLINE: Wieso kommen die Medienunternehmen denn ihrer Verantwortung nicht nach?

Altmeppen: Weil danach derzeit nicht mehr gefragt wird, so was kommt in den Köpfen gar nicht mehr vor. Die publizistischen Persönlichkeiten sind weitgehend weg. An ihre Stelle ist ein Management getreten, das seinen Job hochprofessionell und kompetent macht. Nur eben nicht im Sinne einer gesellschaftlichen Kommunikation, die für Transparenz, Meinungsbildung und Partizipation sorgt. Ich frage mich, wieso man nicht sagen kann, ok, sieben oder acht Prozent statt 15 Prozent Rendite reichen auch, dafür kommen wir unserem gesellschaftlichen Auftrag nach?

SPIEGEL ONLINE: Offenbar ist Springer-Chef Mathias Döpfner davon überzeugt, dass mit Journalismus bald kein Geld mehr zu verdienen ist. Glauben Sie das auch?

Altmeppen: Nein, das tue ich nicht. Journalismus wird auch in vielen, vielen Jahrzehnten noch existieren. Diese frohe Botschaft verkünde ich gern - und zwar schon seit Jahren. Ob er dann allerdings noch von Medienunternehmen finanziert wird oder durch Crowdfunding-Plattformen, Stiftungen oder was auch immer, das weiß ich leider nicht.

Das Interview führte Sebastian Hofer

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Zur Person
  • Klaus-Dieter Altmeppen, 57, ist Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit sind Journalismusforschung, Medienorganisation und -ökonomie sowie Medienmanagement. Seit 2010 ist Altmeppen Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK).

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