Ayaan Hirsi Ali in Berlin "Mohammed wird Liebe bedeuten"

Die niederländische Politikerin und Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali provoziert gerne mit ihren radikalen Thesen zum Kampf der Kulturen und zur Reform des Islam. Gestern stellte sie in Berlin ihre Autobiografie vor. Es war eine Stunde Aufklärung über angewandte Vernunft.

Von Henryk M. Broder


Wie schnell sich doch die Zeiten ändern. Anfang Februar war Ayaan Hirsi Ali zum letzten Mal in Berlin, auf dem Höhepunkt der Affäre um die dänischen Mohammed-Karikaturen, von denen sich Millionen von Moslems in aller Welt beleidigt fühlten. "I am here to defend the right to offend", sagte die schwarze Muslima aus Somalia, damals noch Abgeordnete im holländischen Parlament. Ihr Eintreten für das Recht auf Beleidigung erntete viel Widerspruch. Ob sie denn nicht wüsste, was sie mit solchen Statements anrichte, dass sie der Islamophobie in die Hände spiele und den friedlichen Dialog mit den Muslimen gefährde?

Islamkritikerin Hirsi Ali: Kulturkampf in den Familien
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Islamkritikerin Hirsi Ali: Kulturkampf in den Familien

Seitdem ist einiges passiert. Der Papst wurde von den Muslimen zur Ordnung gerufen und bedauerte das "Missverständnis", das er mit einem über 500 Jahre alten Zitat provoziert hatte. In Berlin wurde eine Mozart-Oper abgesetzt, weil eine "Gefährdungsanalyse" ergab, dass sich Muslime beleidigt fühlen könnten. Und landauf, landab kann man in allen Feuilletons die Frage hören, ob die Appeasement-Politik gegenüber dem Islamismus, das ewige Nachgeben, Einknicken und Bedauern, nicht kontraproduktiv sei, weil sie den Zorn der Islamisten nur weiter anfacht.

Gestern war Ayaan Hirsi Ali wieder in Berlin – um ihre Autobiografie "Mein Leben, meine Freiheit" vorzustellen. Am Vormittag hatte sie in den Kassel den Bürgerpreis bekommen, am Abend trat sie in der "Urania" auf, als Gast "Im Foyer" des SWR, im Gespräch mit der Schriftstellerin Thea Dorn.

Ayaan Hirsi Alis Biografie ist im Münchener Piper Verlag erschienen, der nicht nur Hannah Arendt, sondern auch populäre Obskuranten wie Michael Moore und Norman Finkelstein verlegt. Es war vermutlich nicht nur die Aussicht auf einen Bestseller, die Piper motiviert hat, sondern auch die Einsicht, dass man genug zur Gegen-Aufklärung beigetragen hat und es wieder Zweit wurde, den Kurs zu wechseln.

Denn kein Verlag kann Ayaan Hirsi Ali verlegen, ohne sich mit ihr zu identifizieren, dazu ist sie zu exponiert, zu kontrovers und zu intelligent. Oder wie man heute gerne sagt: Sie polarisiert. Nachdem ihr im Mai dieses Jahres die holländische Staatsangehörigkeit vorübergehend entzogen wurde, weil sie vor vierzehn Jahren falsche Angaben bei der Einreise gemacht hatte, kam es in Holland zu einer schweren innenpolitischen Krise, die mit Neuwahlen im November gelöst werden soll. Ayaan Hirsi Ali schaut sich das Nachspiel aus sicherer Entfernung an, sie lebt seit einigen Wochen in Washington D.C., als Fellow des American Enterprise Instituts, eines konservativen Think Tanks.

"Signiert wird nicht"

In den USA kann sie nicht nur frei denken und arbeiten, sie kann sich auch frei bewegen, während sie in Europa mit Body Guards unterwegs ist, die sie keinen Moment aus den Augen lassen. Auch in der "Urania" war man auf alles vorbereitet, vor der Tür hatte sich Polizei postiert, drinnen mussten die Besucher selbst kleinste Taschen an der Garderobe abgeben. Es gab einen Büchertisch, aber "signiert wird nicht", wie Thea Dorn gleich zu Anfang der "aufregendsten Sendung, die ich je moderiert habe", ankündigte.

Ayaan Hirsi Ali war nicht aufgeregt, sie war wie immer: eloquent, konzentriert, eindeutig. Sie erzählte von ihrer somalischen Großmutter, die weder lesen noch schreiben konnte, aber fünfmal am Tag betete. Von der Mutter, die sich damit abgefun-den hatte, Kinder zu bekommen und den Haushalt zu führen, von ihrem Vater, der ein gebildeter und aufgeklärter Mann war, der lieber Schach spielte, als den Koran zu lesen, trotzdem mehrere Ehefrauen hatte und am Ende das Heil im Fundamentalismus sah.

Nachdem ihr Vater einen Mann für seine Tochter ausgesucht hatte, entschloss sie sich zur Flucht. Heute versuche sie, ihn zu verstehen. "Er tat nur, was er für seine Pflicht hielt." Den "Kampf der Kulturen" gebe es wirklich, "vor allem innerhalb der Familien": Dann spricht sie über Korruption und Tyrannei in der arabisch-islamischen Welt, über Pseudo-Demokratien, die es nicht geschafft hätten, "Modelle für die Lösung von Konflikten" zu entwickeln und Wohlstand zu generieren. "Je korrupter eine Regierung ist, desto mehr Wert legt sie auf Religion und Tradition."

Es sind einfache Wahrheiten, die Ayaan Hirsi Ali ausspricht, aber sie sind nicht selbstverständlich, weil sie nicht in das Gutmenschenschema von Opfern und Tätern passen. Nichts sei schlimmer als die "Opferhaltung", der viele Moslems anheim fallen, während die liberalen europäischen Länder alles Mögliche unternehmen, um den Moslems entgegenzukommen. Natürlich habe sie auch die Rede des Papstes gelesen. Man könne über jeden Satz und Absatz der Vorlesung diskutieren, nur nicht über das Zitat, das für so große Aufregung gesorgt habe: "Das ist einfach wahr."

Der Papst habe das Grundproblem angesprochen: Gewalt. Die Moslems sollten sich über Kofferbomber aufregen, die Züge in die Luft sprengen wollen, - nicht über Mohammed-Karikaturen. Der Islamofaschismus von heute sei genauso totalitär wie die Ideologie der Nazis. Dennoch: "Eines Tages wird Mohammed Liebe bedeuten und Allah die Vernunft verkörpern."

Es sind vor allem muslimische Frauen, die den langen Prozess beschleunigen könnten. Muslima wie Ayaan Hirsi Ali oder Seyran Ates und Necla Kelek, die gestern im Publikum saßen, die Avantgarde der Aufklärung und Emanzipation. Es waren Männer, die den Islam brutalisiert haben und es werden Frauen sein, die ihn humanisieren werden.

Am Ende beruhigte Ayaan Hirsi Ali ihre Fans, die sich allein gelassen fühlen, weil sie in die USA umgezogen ist. Sie werde so oft wie möglich wieder kommen. "Ich habe nur der Politik Adieu gesagt, aber nicht Europa."



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