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"Baader Meinhof Komplex": Neue Spuren aus Stammheim

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Packende Details zum Deutschen Herbst: Kurz vor dem Start des Eichinger-Films "Der Baader Meinhof Komplex" erscheint Stefan Austs gleichnamiges Buch in einer Neuausgabe. Es berichtet von neuen Spuren - und untermauert, dass es das Standardwerk zur frühen RAF ist.

Es gibt schicksalhafte Begegnungen, deren Auswirkungen Jahrzehnte währen können. Um eine solche handelte es sich, als ein angehender Journalist namens Stefan Aust im Alter von 21 Jahren in der Redaktion des linken Magazins "Konkret" dessen Kolumnistin Ulrike Meinhof kennenlernte.

Das war im Jahr 1967. Ulrike Meinhof, die bekannte Journalistin, ging drei Jahre später in den Untergrund und schloss sich der Gruppe an, die sich "Rote Armee Fraktion" oder "RAF" nannte; Stefan Aust wurde ein bekannter Journalist, der von 1994 bis Anfang dieses Jahres als Chefredakteur dem SPIEGEL vorstand. Die RAF wurde so etwas wie sein Lebensthema.

Auch seinen Ruf als hartnäckiger Rechercheur und Enthüllungsjournalist begründete Aust nicht zuletzt mit dem Buch "Der Baader Meinhof Komplex", das erstmals 1985 erschien. Rund 300.000 Exemplare wurden von ihm verkauft; es wird bald in acht Sprachen übersetzt sein. Und in diesen Tagen wird nun in den Buchläden des Landes die dritte Ausgabe ausgeliefert.

Auf 896 Seiten ist das Werk inzwischen angewachsen und erstmals illustriert, mit rund 120 Schwarzweißfotos. Etliche Details und Episoden sind hinzugekommen, ein paar Fehler wurden auch korrigiert. Neu sind vor allem Indizien dafür, dass die RAF-Häftlinge im Gefängnis Stuttgart-Stammheim abgehört wurden.

Da der von Bernd Eichinger produzierte Spielfilm "Baader Meinhof Komplex" am Mittwoch kommender Woche in München Premiere haben wird, erscheint die neue Auflage wie ein Buch zum Film.

Doch es ist umgekehrt. In den Kinos zu sehen sein wird ein Film zu einem wichtigen Buch.

Das Konzept "Stadtguerilla"

Das Buch hat seine Leserschaft gefunden und wird weiter seine Leserschaft finden, weil es die wohl düstersten und dramatischsten Ereignisse in der ansonsten so stabilen westdeutschen Republik beschreibt, einen ideologisch hochaufgeladenen Kampf auf Leben und Tod. "Der Angriff", sagt Aust, "kam aus dem Innersten der Gesellschaft, von den eigenen Kindern."

Seine Philosophie bei der Bearbeitung des nach wie vor sensiblen und kontrovers debattierten Themas stellt Aust in den ersten Sätzen vor: "Dieses Buch ist keine Anklageschrift und nicht das Plädoyer. Es ist auch kein Urteil, weder in juristischer noch in moralischer Hinsicht." Ein "Protokoll" soll es sein, "eine Chronik".

In chronologischer Reihenfolge beschreibt Aust folgerichtig den Weg einer kleinen Gruppe von Linksradikalen von den Demonstrationen in West-Berlin über das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke, zur Realisierung des "Konzeptes Stadtguerilla". Es schildert den Weg der Gruppe von ihren dilettantischen Anfängen zur Bombenserie im Mai 1972, ihre Verhaftung und die Jahre im Gefängnis, in denen sie erst ihre volle Wirksamkeit entfaltete und mit ihrer wirkungsvollen Propaganda zu fast allem entschlossene Nachfolger finden konnte.

Der Stoff ist spannend genug

Aust erzählt sachlich und schlicht, verzichtet auf Pathos und Dramatisierung - der Stoff ist ohnehin spannend genug. Dass Aust das Moralisieren weitgehend unterlässt, rührt wohl auch daher, dass er den Linksterrorismus der siebziger Jahre nicht als pathologische Abirrungen Einzelner sieht, sondern als zwangsläufiges Zerfallsprodukt der Protestbewegung der sechziger Jahre, die ein internationales Phänomen war.

Im Gegensatz zu den meisten Autoren, die mittlerweile über die RAF geschrieben haben, stützt Aust sich nicht ausschließlich auf Akten von Polizei und Gerichten. Er hat mit zahlreichen Akteuren gesprochen, sowohl mit ehemaligen RAF-Mitgliedern als auch mit Polizisten und Politikern, die die RAF auf Seite des Staates bekämpft haben.

Problematisch bleibt dabei: Der Autor kann sich nur auf die Aussagen der ehemaligen RAF-Mitglieder stützen, die Selbstkritik geübt und mit ihm oder auch anderen Journalisten über ihre Vergangenheit gesprochen haben.

Das aber ist eine kleine Minderheit. Die große Mehrheit gerade der zweiten Generation um Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar schweigt eisern zu den Details ihrer Taten. Und Aust hassen die meisten Ex-Terroristen ohnehin. Der habe, so sehen sie es, mit ihrer Niederlage auch noch richtig Geld gemacht.

Gab es Wanzen in den Zellen?

Besonders auskunftsfreudig sind allerdings auch die Repräsentanten des Staates bis heute nicht. Wichtige Aussagen wie die der abtrünnigen RAF-Mitglieder Gerhard Müller und Verena Becker bleiben weiterhin gesperrt. Die Antworten auf die Frage, ob die Gefangenen in Stammheim abgehört wurden, bleiben schütter. Wenn die Gefangenen in ihren Zellen abgehört wurden, hätte kaum verborgen bleiben können, dass sie trotz Kontaktsperre miteinander kommunizierten und ihren kollektiven Selbstmord verabredeten.

Die Anzeichen, die für das Abhören der Gefangenen in Stammheim sprechen, hat Aust bereits im Herbst vergangenen Jahres zu erheblichen Teilen im SPIEGEL ausgebreitet. Sie addieren sich zu einem bedrückenden Verdacht.

"Viele Indizien deuten darauf hin", schreibt er, "dass die Gefangenen in Stammheim während der Entführung Schleyers abgehört wurden, entweder durch die von den Gefangenen eingerichteten Kommunikationsanlagen oder durch in den Zellen installierte Wanzen – oder über beides."

Aust glaubt, dass die ganze Wahrheit über die Todesnacht von Stammheim noch ans Licht kommen wird. "Die Indizien", sagt er, "haben sich über die Jahre immer mehr summiert."

Wenn Aust eingangs behauptet, dass er den dramatischen Stoff seinen Buches nicht bewerten wolle, so stimmt das nicht ganz. Immerhin finden sich kurz vor dem Schluss des Buches die nachdenkenswerten Sätze: "Wie viele in ihrer Generation waren sie angetreten gegen den alten und den angeblich neuen Faschismus. Mit Gewalt hatten sie diese tötende Welt zu verändern gesucht, hatten sich selbst zu Herren über Leben und Tod gemacht und waren schuldig geworden wie viele aus der Generation ihrer Väter."


Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 896 Seiten, 26,00 Euro

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Auf Thema antworten
Just4fun 04.09.2008
wie diskutiert man einen Artikel, dessen inhaltliche Aussage sich darauf reduzieren lässt, dass ein Buch in einer Neuauflage erscheint und zeitgleich ein gleichnamiger Film zum gleichen Thema anläuft?
2. lustiger Beitrag
Hakasuro, 04.09.2008
Sieht ja fast so aus, als wäre das Teil einer Absprache zum Ausscheiden von Herrn Aust ala "Ich mache keine negative Publicity für den Spiegel und ihr promotet dafür mein Buch." ;-) Es gibt ja im Grunde wirklich nichts zu melden, was einen so langen Artikel rechtfertigt. Schöne Grüße Ingo Kroll
3. ?
sam clemens, 04.09.2008
Ich finde den Artikel nicht unwichtig, da die in der Neuauflage enthaltenen neuen Rechercheergebnisse kurz angekündigt werden - und diese werfen doch ein neues Licht auf die Vorgänge in Stammheim und das Verhalten der Behörden.
4. Baader Meinhof Komplex - die Akte X
Sackaboner 04.09.2008
---Zitat--- Besonders auskunftsfreudig sind allerdings auch die Repräsentanten des Staates bis heute nicht. Wichtige Aussagen wie die der abtrünnigen RAF-Mitglieder Gerhard Müller und Verena Becker bleiben weiterhin gesperrt. Die Antworten auf die Frage, ob die Gefangenen in Stammheim abgehört wurden, bleiben schütter. Wenn die Gefangenen in ihren Zellen abgehört wurden, hätte kaum verborgen bleiben können, dass sie trotz Kontaktsperre miteinander kommunizierten und ihren kollektiven Selbstmord verabredeten. ---Zitatende--- Der Artikel bleibt wenig auskunftsfreudig. Unklar, was damit gemeint ist, dass Aussagen abtrünniger RAF-Mitglieder gesperrt bleiben. Zumindest über den Film hätte der Schreiber doch etwas mehr sagen können: ob er sich die Freiheit der Fiktion erlaubt, die alten Zweifel am Selbstmord der Stammheimer neu belebt. Immerhin behauptet ja die einzige überlebende, Irmgard Möller, bis heute, dass sie nicht wisse, wie sie an ihre lebensgefährlichen Messerstiche gekommen war. Eine klassische Akte X.
5. ....
cobra77 04.09.2008
Ist schon wieder Wahlkampf, oder wieso werden die 68er wieder ausgegraben?
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