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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Ich back' mir meinen Brecht

Eine Kolumne von

Suhrkamp kämpft vor Gericht gegen Frank Castorfs Brecht-Inszenierung "Baal" - und alle regen sich auf. Weshalb eigentlich? Man malt ja auch keinen Picasso um.

"Und dann habe ich ein paar nette Erben kennengelernt." Ein Satz, den man selten hört. Keiner mag Erben. Das Wort klingt nach Nichtsnutzen, nach Inzest, Faulheit, Degeneration, nach der dritten Generation, die das Werk der Vorfahren ruiniert. Noch unbeliebter als Erben können nur noch Künstlererben sein. Nichts selber geleistet, nur eine kreative Großmutter haben. Und dann noch über die Kunst der Vorfahren entscheiden.

Ekelhaft. Ich unterlasse es jetzt, Ihnen die Regel Schutzfrist nachzuerzählen, als hätte ich sie erfunden, ein sehr beliebter Trick von Autoren, die gerne mit Fakten glänzen, die sie irgendwo kopiert und umformuliert haben. Sie können bei Interesse hier nachlesen, welchen unerhörten Einfluss die Erben auf Kulturgüter haben, die der Allgemeinheit zustünden.

Die Frage ist nur: warum?

Steht der Allgemeinheit nach 70 Jahren auch die kostenlose Nutzung der Krupp Stahlwerke zu? Oder ist der Vergleich so haarsträubend wie das, was die Brecht-Erben der deutschen Theaterkunst antun?

Theaterferne Kommentatoren

Unfassbar. Die Gierlappen. Sie hindern das Volk, das wie üblich millionenfach ins Theater schlendern wollte, an seinem Vergnügen. Ohne ausufernde Kenntnis der Fakten stand die Meinung auch sehr theaterferner Kommentatoren fest. Kunst gehört allen, alles sollte damit möglich sein, denn sie ist kein fester Wert wie oben genanntes Stahlunternehmen, sondern, naja, eben einfach nur Kunst, die durchaus auch kopierbar, frei zugänglich und verwurstbar sein sollte.

Flatrate, Sie wissen schon. Auch wenn ich hier jetzt einiges zusammenbringe, möchte ich Menschen, die nicht als Urheber und Autoren tätig sind, eine kleine Frage stellen: Wenn einem Regisseur ein Text nicht gefällt, warum inszeniert er ihn dann? Wenn er oder sie einen Text nicht zeitgemäß findet, warum nimmt er/sie dann keinen zeitgenössischen Text? Wenn ein Regisseur/Regisseurin mit einem bestehenden Text nicht glücklich ist, warum schreibt er/sie dann nicht direkt mit Hilfe der Dramaturgen selber einen?

Mir ist die Debatte vollkommen unverständlich. Mir gefällt Beethovens Fünfte nicht, also schreibe ich sie um. Picassos Bilder sind so unaufgeräumt, also übermale ich sie, Giacomettis Skulpturen entsprechen nicht mehr einem vorbildstifenden BMI, also kleben wir noch in paar Rundungen daran.

Ich weiß nicht, welche Eingriffe der Regisseur in diesem konkreten "Baal"-Fall vorgenommen hat, noch kenne ich die genaue Haltung der Brecht-Erben, ich möchte mich nur an all jene wenden, die eine zu schnelle Meinung zu dem Fall haben, und ihnen sagen: Wenn ein Autor, eine Autorin oder dessen Erben, die mit der Pflege des Nachlasses betraut sind, keine Änderung an der Kunst des Verstorbenen wünschen, dann ist es eben so.

Nur weil fast alle lesen können, heißt es nicht, dass sie Stücke oder Bücher schreiben können. Danke.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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insgesamt 115 Beiträge
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1. Schreiben ≠ Interpretieren
Philipp Reinhard 14.03.2015
Es geht hier nicht um das Nachmachen, Abändern oder gar den kostenlosen Genuss eines Werks, sondern um dessen Interpretation. Eine Theateraufführung ist immer die Interpretation eines Stücks durch das ausführende Team (Regie, Schauspieler, Bühnenbild, Kostüme...) - egal wie getreu am Text die Inszenierung bleibt, ob beispielsweise gekürzt oder angefügt wird. Wer den originalen Text lesen möchte, kann dies zu hause tun. Die Frage hier ist, welche Freiheiten bei der Inszenierung ein Regisseur hat - nicht, ob er welche hat. Sorry für den schulmeisterlichen Ton, aber der Text von Frau Berg und die darin enthaltenen Vergleiche ließen gerade keine intelligentere Antwort zu.
2. Zwei einfache Gedanken...
Jenz P. Eter 14.03.2015
...für Frau Berg: Es gibt geistiges Eigentum und dingliches Eigentum. Mit Ihrem Urheberrechtsschutz sind Sie beim geistigen Eigentum: Das hat nix mit den Stahlwerken von Krupp zu tun. Und wenn Sie sich ein Bild von Picasso kaufen, dürfen sie es selbstverständlich übermalen. Und ein zweiter Gedanke: sobald eine Idee von Kunst beseelt ist, entsteht der Urheberrechtsschutz qua genesis und gilt 70 (!) Jahre über den Tod des Denkers hinaus. Ist der Gedanke eher technisch-wissenschaftlich, gilt angeachtet der Genialität erstmal kein Schutz. Man kann sich dann ein Patent kaufen. Das gilt maximal 20 Jahre nach Anmeldung, verfällt also in der Regel schon zu Lebzeiten des Genies. Die Sachlage ist also durchaus ungerecht, aber nicht so, wie Sie denken.
3. Ein Theaterstücktext
nesmo 14.03.2015
bedarf aber immer der Interpretation um daraus ein Theaterstück zu machen. Anders als bei einem Schriftsteller will der Stückeschreiber von vornherein eine Interpretation seines Textes, der Text ist noch lange kein Theaterstück und damit per se unfertig. Und üblicherweise gehört in einem bestimmten Umfang auch eine Weglassung oder Ergänzung des Textes dazu. Ob die Erben die richtigen sind, zu bestimmen, welche Interpretationen noch angessen sind und welche den Text missbrauchen, ist fraglich, ein anderer kommt aber als Vertreter des Stückeschreibers kaum in Betracht. 70 Jahre erscheinen als Zeitraum über Interpretationen allein wachen zu dürfen ist aber zu lang, auch wenn der Anspruch auf Tantieme so lange gelten mag. Man sollte das Recht am Theatertext nach 20 Jahren aufteilen in das Recht auf Tantieme und das Recht Interpretationen zu überwachen.
4. Hier kommt jetzt nicht wirklich das Bilder-übermalen-Argument, oder?
des_pudels_kern 14.03.2015
So alt (und daneben) wie dieses komische Bilder-Übermalen-Argument ist, ist es ja fast verwunderlich, dass es diesmal Picasso und nicht die Mona Lisa ist, die als Beispiel herhält. Im Gegensatz zum Theater wäre der Picasso dann unwiederbringlich verändert. Eine Picasso-Kopie darf ich aber übermalen, wie ich lustig bin und dabei wird auch kein Original zerstört. Im Theater ist das Kunstwerk die Aufführung und ist sowieso schon wieder weg, sobald sie zuende ist. Und diese Aufführung kann gut oder schlecht sein, wie nahe sie irgendeinem Original oder Text ist, ist dabei aber erstmal vollkommen unerheblich.
5. Irrsinnige Schutzfristen für künstlerische Werke
wdiwdi 14.03.2015
Es gibt absolut keinen Grund, warum ein Buch oder ein Musikstück länger als, zum Beispiel, ein neuartiges Getriebe oder Medikament geschützt sein soll. Patente laufen maximal 20 Jahre - und auch das nur, wenn die Gebühren regelmäßig gezahlt werden. Ich fordere Gleichbehandlung.
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