Eingezwängte Körper Bereit für die Bikiniverbrennung

In der Werbung gelten Brüste als das beste Verkaufsargument - aber die Brust der einzelnen Frau muss immer noch durch unbequeme BHs optimiert werden. Würden Männer so kontrolliert werden, müssten sie Penisbändiger tragen.

Frauen am Ostseestrand
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Frauen am Ostseestrand

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Ich schwöre, wenn man eine repräsentative Studie unter den Frauen dieses Landes durchführen würde und fragen würde, wann und wo sie sich wirklich zuhause fühlen, dann würde mindestens die Hälfte von ihnen antworten: Da, wo ich ohne ätzenden BH rumlaufen kann.

Es gibt immer noch dieses Klischee, dass Feministinnen gerne BHs verbrennen, und es ist schwer aus der Welt zu kriegen, auch wenn es sich auf sehr dürftige historische Belege stützt. Früher habe ich immer gesagt: Hey, nein, stimmt gar nicht, wir machen das nicht, gute BHs sind so wichtig, gerade wenn man große Brüste hat; man kann sonst nicht mal ungenervt eine Treppe hinunterlaufen, ernsthaft. Das stimmt auch, soweit. Aber nun war ich letzte Woche unterwegs, um einen Bikini zu kaufen, und muss sagen, ich wäre inzwischen bereit für eine öffentliche Bikinioberteil-Verbrennung.

Die konkrete Brust kann nie gut genug sein

Wenn man in die ganz normalen Klamottenläden geht, in die die meisten Leute gehen, dann findet man in der Bademodeabteilung für Frauen hauptsächlich Bikinioberteile, in denen auf jeder Seite bereits mindestens schon eine halbe Brust drin ist. Dieser knappe Liter Dämmmaterial ist manchmal durch eine kleine Lücke rausnehmbar, aber nicht immer, oft ist er fest vernäht. Auch bei großen Größen. Unter dem Polster findet sich nicht selten ein Metallbügel, der sich bei einer ungünstigen Bewegung (Kopfsprung, Arschbombe, Leben) in die Achsel bohren kann.

Es ist, als würde dieses Bikinioberteil sagen: Brüste, schön und gut, aber sie müssen in jede denkbare Himmelsrichtung geformt und vergrößert werden, außer auf der Seite, wo sie am Körper befestigt sind, denn ja, natürlich schätzt diese Gesellschaft die weibliche Brust als Allzweckdekoration zu Werbezwecken, aber die konkrete Brust jeder einzelnen Frau kann niemals gut genug sein.

Das gilt für Bikinioberteile und BHs gleichermaßen, und es gilt nicht nur für Modelle für erwachsene Frauen, sondern oft auch schon für die, die für 11- oder 13-Jährige gedacht sind. Es ist komplett unklar, wie Mädchen kein gestörtes Körperbild entwickeln sollen, wenn ihnen beim Shoppen suggeriert wird, dass man ihre Brüste idealerweise um ein paar Zentimeter strecken sollte, egal wie klein oder groß sie sind.

Um es gleich zu sagen: Es ist okay, dass es das gibt. Für Mädchen und Frauen, die ihre Brüste fest einpacken und vergrößern wollen, sind diese Modelle ein Segen, aber sie sind oft nicht eine Auswahlmöglichkeit, sondern der Standard. Wer kein Push-up-Gerät sucht, bei dem man sich erstmal die Brüste auswringen muss, wenn man aus dem Wasser kommt, hat ein Problem. Die historische Epoche der Aufklärung kann nicht als abgeschlossen betrachtet werden, solange es immer noch der Normalfall ist, dass Frauen angeboten wird, sich zwei Brustprothesen aus einer Art Bauschaum umzuschnallen, bevor sie schwimmen gehen. Was soll das?

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Man könnte jetzt einwenden, na Moment mal, Angebot und Nachfrage, offenbar kaufen Frauen dieses Zeug, also sollte man ihnen nicht mit ideologischen Vorstellungen von freischwebenden Brüsten in ihre Kaufentscheidungen reinlabern, und das mag für einige Frauen stimmen, aber erfahrungsgemäß muss ich sagen: Sobald man in einer beliebigen Gruppe ab fünf Frauen diese Sachlage anspricht, werden mehrere von ihnen eine Art Urschrei ausstoßen und erzählen, was ihnen seit Jahren wortwörtlich auf dem Herzen liegt: Wie sehr sie das alles hassen, wie lange sie nach guten BHs oder Bikinis suchen, oder wie sie dann doch aus Frust und Verzweiflung den vorhandenen Scheiß kaufen. Reine Kapitulation.

Auch, weil sie andere Probleme haben. Oft auch, weil es eine Frage des Geldes ist, sich die bequemeren Modelle leisten zu können. Bei BHs gibt es seit ein paar Jahren einen kleinen Trend zu Modellen, die nur aus glattem Stoff oder Spitze bestehen, ohne Metallteile und Aufstockung, aber sie sind immer noch weit in der Unterzahl. Ich habe knapp 20 Jahre gebraucht, um einen (in Zahlen: 1) Hersteller zu finden, der BHs verkauft, die ich tragen kann, ohne sie sofort ausziehen zu wollen. Eine Schweizer Firma, wo ein BH so viel kostet, wie ich früher pro Woche zum Leben hatte.

Die Brustwarze als Pendant zur Stadt Sodom

Der BH-Markt wird sich nicht schneller umstellen als eine Gesellschaft, die die nackte weibliche Brustwarze als Pendant zur Stadt Sodom betrachtet, die man nicht ansehen darf, ohne zur Salzsäule - Zwinkersmiley- zu erstarren.

Man findet meistens, in diesen Diskussionen über die miserable BH-Lage, mindestens eine Frau, die einen Geheimtipp weiß oder seit Jahren ihre BHs selbst näht oder umnäht, denn Frauen sind auch nicht bescheuert. Man kann auch statt eines Bikinis einen Badeanzug kaufen, die sind häufiger ungepolstert, ich gehe selber jede Woche schwimmen in genau so einem Teil, aber im Fitnessstudio und nicht am Strand.

Je nachdem, wo man an den Strand geht, kann man auch oben ohne gehen. Wenn man einen Privatstrand besitzt, zum Beispiel. In Spanien wurden letzten Sommer zwei Frauen von einem Bademeister angezeigt, weil sie oben ohne waren. Die Frauen im Dorf haben inzwischen dafür abgestimmt, das nicht als Verbrechen zu betrachten.

Ich bin komplett dafür, dass man überall oben ohne schwimmen gehen kann, wenn man will, und für Männer ist das auch so, aber für Frauen längst nicht. Man kann sich der Norm widersetzen, natürlich, man wird nicht überall angezeigt, aber erfahrungsgemäß muss man dann einplanen, dass zehn Meter weiter ein masturbierender Frührentner liegt.

Würden Männerkörper so sexualisiert und kontrolliert werden wie Frauenkörper, müssten Männer in ihren Badehosen Penisbändiger tragen, die alles in eine standardisierte Form bringen, aber das kann man auch keinem wünschen.

Ein schönes Sommerlagerfeuer aus brennenden Brustpolstern: Ich wäre dabei. Es mag nicht sehr öko sein, ich weiß, man muss an die Umwelt denken, aber man muss auch daran denken, wie schön die Umwelt wäre, wenn sie voller glücklicher Frauen wäre.

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insgesamt 209 Beiträge
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Seite 1
muunoy 26.06.2018
1. Marktlücke
Als Mann kann ich dazu nur sagen, dass Frau Stokowski offensichtlich eine Marktlücke gefunden hat, wenn sie den Recht hat. Also auf, Frauen machen sich sowieso viel weniger selbständig als Männer. Hier sehe ich eine gigantische Chance für Damen, die endlich den perfekten BH herstellen (herstellen lassen) und vertreiben. Hmm, vielleicht hat Frau Stokowski jedoch gar nicht recht. Als ich ein Projekt in den USA hatte, wolle meine Freundin immer, dass ich ihr was von Victoria Secrets mitbringe. Dort sind die Dinger viel günstiger als bei uns. Und als Ahnungsloser musste ich mich dort selbstverständlich beraten lassen. Gem. den Aussagen meiner Freundin passte die Beratung. Ansonsten gilt generell, dass wir in Deutschland hinsichtlich Klamotten so ziemlich die mieseste Qualität zu den höchsten Preisen kaufen. Ich wundere mich z. B., dass ein in Indien hergestelltes Markenhemd ungefähr 3x so lange hält wie das gleiche Markenhemd, wenn ich es in Deutschland kaufe, wo ich dann das 5 bis 10-fache dafür zahle. Ich habe daher kaum noch Klamotten, die ich in Deutschland gekauft habe. Noch ein Hinweis für Frau Stokowski: Auch bei Männern gibt es geschlechtsspezifische Besonderheiten beim Klamottenkauf, die ich hier nicht näher erläutern möchte. Informieren Sie sich bei einem guten Herrenschneider.
dolfi 26.06.2018
2. Na klar
Frau Stokowski hat schon sehr häufig schräge Ansichten. Ihre Meinung zu den BH / Bikini-Oberteilen aber teile ich. Warum sollen denn Frauen nicht völlig barbusig am Strand oder im Schwimmbad rumlaufen können? Ist doch völlig egal, wie die Damen da obenrum aussehen. Was für ein blödes Tabu um die weibliche Brust.
kausalnexus 26.06.2018
3. Immer wieder..
schöne satirische Artikel von Frau Stokowski. Ich habe herzlich gelacht und wundere mich, dass die junge Dame nicht für Titanic schreibt.
spon_4_me 26.06.2018
4. Danke, Margarete,
für diesen Einblick in Ihre Welt. Die Sorgen und Plagen des BH- und Bikinitragens - ich wußte da fast nichts drüber, jetzt weiß ich mehr, als ich je werde wissen wollen. Ich befürchte, einige hier im Forum werden Sie schelten, weil Sie mit diesem Beitrag die Frauenbewegung weder rhythmisch noch tempomäßig voranbringen, aber ich gehöre nicht dazu. Wie schön, durch den Morast der ernsten Themen zu waten und dann zu Ihrer Oase subtiler konstruktivistischer Systemkritik zu gelangen.
reikhard.angendorff 26.06.2018
5.
Muss man eigentlich aus allem und jedem ein Problemthema machen, wenn es nur Frauen betrifft? Zufällig war ich neulich einen BH einkaufen - nicht für mich zugegeben. Sie müssen eben nur mal in das richtige Geschäft, wenn sie etwas ohne Draht und ohne Push-Up suchen! Gibt es bei den Markenherstellern längst - alles fein säuberlich sortiert, je nach Belieben und Typ - muss ich Ihnen als Mann so einen Tipp wirklich geben?! Diejenigen, die sich ein etwas größeres Dekolleté wünschen (warum auch immer), suchen in der einen Ecke, die anderen finden genau das Gegenstück für sich gegenüber. Aber immer wieder dieses Opfergehabe! Soll ich mal darüber jammern, warum ich abends auf einer klassischen Abendveranstaltung mit langem Hemd und schwarzer Jacke kommen "muss", dazu eingezwängt von Krawatte oder Fliege? Dass ich da von den bösen Frauen reingezwängt werde, weil Frauen das nun mal so gerne sehen? Vielleicht habe ich ja einfach nur selbst Spaß daran - und genieße mein Leben mit anderen. Sie dürfen solange natürlich verbrennen, was immer Sie wollen - mit wem auch immer. Deal?
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