Vorzeitiges Bahnstreik-Ende Das ganz große Tarif-Theater

Das vorzeitige Ende des Bahnstreiks ist ungemein beruhigend: Es belegt, dass der harte Kampf von GDL und Bahn doch nur ein ganz normaler Tarifkonflikt ist - der pünktlich dem Fahrplan des klassischen Dramas folgt.

Ein Kommentar von


Puh, das war knapp. Man musste ja schon Angst haben.

Der Konflikt zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn schien aussichtslos verfahren, mit maximaler Unversöhnlichkeit standen sich die Kontrahenten gegenüber, immer noch längere und härtere Streiks wurden angekündigt, ausgerufen, durchgesetzt, und Reisewillige im ganzen Land mussten fürchten, nie mehr ans Ziel zu kommen (oder, naja, dann halt mit einem Fernbus oder mit dem Auto oder mit einem der Züge, die doch noch fahren).

Die Unversöhnlichkeit bedrohte gar die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls am kommenden Sonntag, Tausende von Menschen hätten verpassen müssen, wie Jan Josef Liefers prominente Künstler wie Peter Gabriel, Udo Lindenberg, Paul Kalkbrenner und die Fantastischen Vier auf der Bühne am Brandenburger Tor in Berlin begrüßt. Hundertausende Bratwürste wären unverzehrt, Millionen Liter Bier ungetrunken geblieben.

Doch nur ein ganz normaler Arbeitskampf

Diese Katastrophe ist nun glücklicherweise abgewendet, weil die GDL in Gestalt ihres Vorsitzenden Claus Weselsky eingelenkt hat - und ihren derzeitigen Streik nun schon am Samstagabend beendet. Es handele sich dabei, sagte Weselsky, um eine "Geste der Versöhnung", und diese sei, wie Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber befand, "ein gutes Zeichen für unsere Kunden und unsere Mitarbeiter".

Sie ist aber noch mehr als das: Der Beweis einer Normalität auf deutschen Schienen, die man bereits verloren glauben konnte. Dieser härteste Konflikt aller Zeiten zwischen einer Gewerkschaft und einem Unternehmen ist eben doch nur ein ganz normaler Arbeitskampf, eingeübt und abgewickelt wie hunderte Konflikte zuvor.

Arbeitskämpfe in der Bundesrepublik folgen seit jeher dem Muster des klassischen Dramas. Sie beginnen mit der Exposition: Die handelnden Personen werden vorgestellt, ein Konflikt deutet sich an. Auftritt des unbeugsamen Lokführerhelden Claus Weselsky. Es folgt die Komplikation, die sich steigernde Handlung, mit der Katastase, dem erregenden Moment: Die GDL will jetzt auch die Zugbegleiter vertreten, die Bahn will konkurrierende Tarife im Unternehmen unbedingt verhindern. Zugeständnisse kommen nicht in Frage. Erste Streiks. Darauf der dritte Akt, die Klimax, also der Höhepunkt der Handlung: Im aktuellen Bühnenwerk ist das der längste Streik in der Geschichte der Bahn. Und die Peripetie, die Umkehr der Glücksumstände des Helden - Weselsky wird von der Boulevardpresse gehetzt, in Umfragen kippt die Stimmung zugunsten einer Tarifunion.

Wir befinden uns gerade im vierten Akt, der geprägt ist von retardierenden Elementen: Die Handlung verlangsamt sich, die Auflösung wird aufgeschoben, man hält sich gegenseitig hin, man zeigt zwar immer noch Härte, aber eine Lösung scheint zumindest denkbar. Mit großer Geste und auf größtmöglicher Bühne werden Zugeständnisse gemacht: Die Party zum Mauerfall wird in vorletzter Minute gerettet. Aber was geschieht danach? Die Spannung ist unerträglich.

Massensterben? Oder doch Massenumarmungen?

Dummerweise sieht das klassische Drama nämlich keine eindeutige Lösung des Konflikts zwischen GDL und Bahn vor. Handelt es sich bei dem Stück um eine Tragödie? Dann folgt im letzten Aufzug die Katastrophe, das große Massensterben, mit anderen Worten: Unbegrenzter Dauerstreik, es fährt nie wieder ein Zug auf deutschen Schienen, die Pendler verzweifeln, der Gewerkschaft geht das Streikgeld aus und die deutsche Wirtschaft siecht ihrem endgültigen Absturz entgegen.

Hoffen wir lieber auf ein Ende, wie es die klassische Komödie erfordert: Plötzlich fällt es allen Beteiligten auf, dass man doch gemeinsame Interessen hat, man erkennt, dass man im selben Boot, will sagen Zug sitzt. Überraschende, bis dahin verschüttete Verwandschaftsverhältnisse treten zutage, es kommt zu einer oder gar zu mehreren Eheschließungen. Beziehungsweise: Tarifabschlüssen. Am Ende dann allgemeine Heiterkeit und Massenumarmungen.

Noch ist es nicht so weit. Es bleibt spannend, bis der Vorhang fällt. Darum schalten Sie auch ab wieder Montag ein, denn das dürfen Sie auf keinen Fall verpassen: "Die GDL gegen die Bahn", fünfter und letzter Akt des großen Tarif-Theaters.

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Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kuzmany@spiegel.de

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insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
torbenix 07.11.2014
1. Epilog
Und im Epilog wird nach dem glücklichen Ende der Komödie bereits die kommende Katastrophe der folgenden Tarifverhandlung angemahnt! Ein gelungener Artikel zu einem unwürdigen Schauspiel
Pfaffenwinkel 07.11.2014
2. Weselsky
ist für mich die Unperson des Jahres und die Bahn werde ich künftig nicht mehr benutzen. Basta.
ich_bin_der_martin 07.11.2014
3. not yet, brother...
Dieser Tarifkonflikt ist noch nicht vorbei ;) Zwar hat die GdL verabredungsgemäß Klein beigegeben, aber nur um die Dramaturgie zu erhöhen und nächstes Mal die Rechtfertigung für den Unbefristeten zu erlangen. Vorher muß jedoch die Presseabteilung der Bahn schach gesetzt werden...
2008Data 07.11.2014
4. GDL Chef ist cool
Obwohl CDU Parteibuch in der Tasche ist der Mann Obercool. Respekt.
hoppla_h 07.11.2014
5. Weselskys letzte Tage
Egal wie der Tarifstreit endet: Weselsky hat seinen Sessel als GDL-Vorsitzender verzockt.
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