Ballettstar Acosta An die Stange geprügelt

Essen gab's immer nur für die Heiligen und nicht für die Familie, dafür setzte es aber reichlich Schläge: Der kubanische Balletttänzer Carlos Acosta hat ein Buch über sein wahnwitziges Leben geschrieben.

Von Elisabeth Wellershaus


Jeden Morgen um 5 Uhr klingelt der Wecker. Damit die Familie keinen Verdacht schöpft, steht der kleine Carlos Acosta auf und marschiert brav in Richtung Busbahnhof. Doch anstatt die vierstündige Fahrt zur nationalen Ballett-Schule in Havanna auf sich zu nehmen, hängt er lieber am See herum und macht sich bald zu Hause im Dorf Los Pinos einen Namen als Breakdancer.

Tänzer Acosta: Wohldosierte Selbstironie

Tänzer Acosta: Wohldosierte Selbstironie

Die Eltern bemerken zunächst nichts, sind viel zu beglückt darüber, dass der freche Spross an der Ballettschule aufgenommen wurde. Als das Schwänzen jedoch auffliegt, wird der Sohn vom Vater halb tot geprügelt und geht fortan aus Furcht zum Unterricht.

Gut zwei Jahrzehnte und etliche umjubelte Auftritte später (u.a. mit dem Royal Ballet, Covent Garden) hat der heute 35-jährige kubanische Startänzer Acosta ausreichend an Distanz gewonnen, um über die Anfänge seiner phänomenalen Ballettkarriere zu schreiben.

Und so sinniert er in seinem Buch "Kein Weg zurück" mit wohldosierter Selbstironie über die ersten tumben Schritte in der Welt des klassischen Balletts. Erinnert sich an frühe Ballettstunden, in denen er sich wie ein Zirkusäffchen fühlte. Und gibt zu, die ersten Jahre an der Stange gehasst zu haben.

Neben kurzweiligen Erzählungen über seine Entwicklung als Tänzer beschreibt Acosta sein soziales Umfeld in Kuba mit eindringlichen Worten. Und immer wieder skizziert er die komplexen Verstrickungen innerhalb der eigenen Familie, die so exemplarisch für die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten in seiner Heimat sind.

Auf der einen Seite ist da die spanischstämmige Mutter, die eine weiße Tochter in die Ehe mit Pedro Acosta mitbringt. Auf der anderen Seite die Familie des Vaters - die Nachfahren von Sklaven. So geht es zum einen um den latenten Rassismus von Acostas weißer Verwandtschaft, zum anderen darum, dass der Vater als glühender Anhänger der Santeria-Religion die Familie hungern lässt, während er die Essensrationen den Heiligen opfert.

Am Ende bejubelt der Acosta-Clan den erfolgreichen Sohn trotz allem mit vereinten Kräften. Doch das ist nach Auftritten in Europa, Erfolgen an den größten Bühnen der Welt und der Rückkehr zum Kubanischen Nationalballett bloß noch eine von vielen unwahrscheinlichen Wendungen in einer aberwitzig spannenden Geschichte.


Carlos Acosta: Kein Weg zurück. Die Geschichte eines kubanischen Tänzers. Schott Music, Mainz; 350 Seiten; 24,95 Euro.



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Dion 14.01.2009
1. Vollbusige Primaballerinas gibt es nicht - warum?
Dass Acosta an die Balletstange geprügelt wurde ist nichts Besonderes - auch hierzulande werden Kinder zum Ballet gezwungen, denn kaum eines wird in dem zarten Alter von 5 Jahren von sich aus die Liebe zum Ballet entdecken. Später, wenn sie vielleicht berühmt geworden sind, werden sie den Eltern trotzdem „danken“, dass sie sie dazu gezwungen haben. Aber was ist mit den unzähligen Namenlosen, die nicht berühmt geworden sind? Für den Preis der ruinierten Kindheit und Jugend werden sie, wenn sie gesund bleiben, 20 Jahre im Chor tanzen, und während der Zeit kein normales Leben führen können – an ein Kind darf beispielsweise eine Tänzerin nicht einmal denken. Und es ist nicht nur die (anfängliche) Abneigung gegen den Drill, die es zu überwinden gilt, auch später werden sie wie Sklaven behandelt, vor allem die klassische Ausbildung ist berühmt für ihre Härte. Dazu kommt das ständige Hungern, um schlank zu werden und bleiben, was aber nicht immer verhindern kann, dass aus der von den Eltern erhoffte Balletkariere nichts wird: Wenn die genetischen Voraussetzungen nicht stimmen, also wenn zum Beispiel eine Tänzerin nach der Pubertät normal große Brüste bekommt, war alle Qual umsonst – eine Vollbusige kann nicht einmal Chortänzerin werden, geschweige denn eine Primaballerina.
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